Forum Medizintechnik Die Halbleitertechnik hat die zelluläre Schnittstelle erreicht

Gesundheitskarte: Pro und Contra

Ob das wirklich schlussendlich der richtige Ansatz ist, darüber gehen die Meinungen bei den Diskussionsteilnehmern auseinander. Während Dr. Kreuzer bezweifelt, dass sich die Kosten im Gesundheitswesen wirklich dadurch reduzieren lassen, dass Daten jetzt digital und nicht mehr analog von A nach B getragen werden, sieht Ulrich Schwarz, Sales Director/Global Key Account Manager Siemens bei TDK-Lambda Germany, in einer solchen Karte durchaus einen Vorteil. »Ich habe alle wichtigen Unterlagen und Daten bei mir, wenn ich zum Arzt komme.« Er glaubt aber, dass die Deutschen mit „Gesundheitskarte“ ähnlich fremdeln würden, wie sie das zu Beginn bei der Einführung der Kreditkarten getan haben.

Für Prof. Wolf hätte eine solche Karte den entscheidenden Vorteil, dass der behandelnde Arzt wüsste, mit was der Patient schon alles medikamentiert wurde. »Viele Patienten erzählen dem Arzt ja nur die halbe Story, und dann geht die Behandlung schief, weil wichtige Informationen fehlen«, so sein Argument. »Aktuell sehe ich da aber noch Probleme bei der Verschlüsselung und beim Thema Data Privacy.« Er plädiert aber auch dafür, dass es am besten eine vom Staat betriebene Gesundheitskarte sein sollte und der Staat auch die dazu gehörenden Rechenzentren betreiben müsste. Nur auf diese Weise bestehe die Möglichkeit, endlich an Daten zu kommen, die aufzeigen, welches Behandlungsregime bei welchem Erkrankungsbild zum optimalen Ergebnis führe.

Nach dem Ausflug zur Gesundheitskarte kehrte die Diskussion schnell wieder zur Mikroelektronik zurück. »Wenn Mikroelektronik schluckbar wird, dann wird das einen kräftigen Schub geben«, versichert Prof. Wolf, »denn ihr Einsatz wird dann viel freier von Nebenwirkungen sein als bei der klassischen systemischen Therapie, bei der sich das Medikament über den ganzen Körper verteilt«. Doch anders als im Bereich Smart­phones, wo nicht diskutiert, sondern einfach gemacht worden sei, werde in der Medizin eben jeder Schritt reguliert (siehe Kasten auf Seite 26).

Welche Hürden dabei zu überwinden sind, illustriert Dr. Kreuzer. »Wir führen derzeit zusammen mit einer anderen Medizinfirma eine Studie durch, bei der 80 Patienten komplett gemonitort werden, und dann kriegen sie auch noch unseren Sensor ins Ohr. 80 Patienten kosten 200.000 Euro dafür, dass jemand denen den Sensor ins Ohr steckt und die Daten dann in eine Datenbank stellt. Aber diese 200.000 Euro muss man erst mal haben, und das ist eine minimale Studie, unblutig, ohne Operationen. Wir investieren das jetzt, weil wir glauben, dass es danach weitergeht.«

Ein Nebenaspekt dieser Regulierungen sind sehr lange Vorlauf-, Planungs- und Entwicklungsphasen. »Um ein neues Halbleiterprodukt für die Medizin zu entwickeln, können schon zwei bis zehn Jahre ins Land gehen«, meint Broeder. »Bei Geräten, die der Prävention dienen, kann es dagegen sehr schnell gehen.« Er verweist beispielhaft auf Kunden aus dem Bestrahlungsbereich. Da werde erst zwei bis drei Jahre an der Entwicklung des Chips gearbeitet, danach vergingen zwei Jahre, um die Strahlungsfestigkeit des Bauteils zu überprüfen. »Wenn dann alles getan ist nach fünf Jahren, sagt der Kunde, wir nehmen diesen Baustein, und fängt an sein Produkt zu entwickeln, was dann auch noch einmal mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann.

Sein Kollege Hübner ist der Ansicht, dass ein Zeitraum von bis zu zehn Jahren eine ganze Reihe von Vorstudien enthalte, die noch nicht zum direkten Designprozess des Bauteils gehören. Er verweist auch darauf, dass Algorithmen eine immer größere Rolle spielen. »Ich muss sie zwar als Halbleiterhersteller nicht unbedingt mitliefern, aber man braucht sie, um die Funktionsfähigkeit des Bauteils sicherzustellen oder veranschaulichen zu können.« Hübner vergleicht dann noch Entwicklungsprozesse im Industrie- und im Medizinsegment. »Wenn wir im Industriebereich über Version 25 einer Funktion sprechen und da schon sehr viel Erfahrungsschatz da ist, gibt es da auf der Healthcare-Seite neue Anwendungen, bei denen wir in ein, zwei Iterationsschritten an einen neuen Anwendungsfall herankommen müssen.«