Kommentar Die De-Industrialisierung stoppen

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

De-Industrialisierung in Europa? Dass sich die Produktion aus einigen europäischen Ländern schon weitgehend zurückgezogen hat und dies nicht nur südliche Länder betrifft, dürfte bekannt sein.

Dass es den Ländern, die vor allem auf Dienstleistungen und weniger auf die produzierende Industrie gesetzt haben, nicht gerade glänzend geht, ist mittlerweile ebenfalls eine Binsenwahrheit. Für das Wohlergehen einer Wirtschaft ist es erforderlich, dass die Industrie in den Ländern produziert.

Besonders fatal wäre es, im High-Tech-Bereich abgehängt zu werden, denn wer High-Tech-Produkte aus anderen Weltregionen zukaufen muss, gerät unweigerlich in eine Abhängigkeit, die der eigenen Wettbewerbsfähigkeit höchstwahrscheinlich nicht zum Vorteil gereicht.

Nun hat es der ZVEI erst kürzlich wieder aufgezeigt: Der Anteil der Halbleiterfertigung in Europa sinkt kontinuierlich. Hält der Trend an, könnte er schon in wenigen Jahren auf praktisch Null gesunken sein. Alles nicht so dramatisch, hört man bisweilen, wenn die Hersteller die Halbleiter eben in anderen Weltregionen günstiger fertigen können, dann kaufen wir eben dort ein!

Das ist vielleicht etwas zu kurz gedacht, um es vorsichtig zu formulieren. Denn die Industrien, die in Europa und gerade in Deutschland florieren und wettbewerbsfähig sind, brauchen Chips. Chips sind kein dummes Rohmaterial sondern in ihnen steckt häufig die entscheidende Voraussetzung zur Differenzierung - unabhängig davon, ob sie im Maschinenbau, in Autos oder - gerade jetzt ein ganz wichtiger Punkt - in den Systemen arbeiten, die wir dringend brauchen, um die Energiewende umsetzen zu können. Maschinenbau, Medizinelektronik, Automobilhersteller, Energieunternehmen - wollen sich derart systemrelevante Industrien freiwillig von Zulieferern aus anderen Weltregionen abhängig machen? Das wäre schon mehr als fatal. Schauen wir einmal in Richtung USA. Hier hat inzwischen eine veritable Re-Industrialisierung eingesetzt und es ist sicherlich kein Zufall, dass GlobalFoundries die neue Fab im Bundesstaat New York baut.

Sicherlich nicht zuletzt wegen staatlicher Anreize, vulgo Subventionen. Nun sind Subventionen ordnungspolitisch natürlich sehr kritisch zu betrachten und auch nach den Regeln der WTO eigentlich nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt - wenn man diese Regeln sehr eng auslegt. Sie eng auszulegen wäre auch in Ordnung, solange dies alle so hielten. Nun gibt es aber durchaus einen weiten Interpretationsspielraum und einige Länder interpretieren ihn sehr weit - eben auch um gute Bedingungen für die High-Tech-Industrie in ihren Ländern zu schaffen. Die EU dagegen interpretiert sie sehr strikt - mit der Folge, dass eine neue Fab eben in den USA und nicht in Dresden gebaut wird. Wer also aus vorauseilender Fairness am Rennen um die Subventionen gar nicht erst Teil nimmt, katapultiert sich von vorne herein ins Aus.

Es wäre also dringend geboten, die europäischen Programme im Rahmen von Horizon 2020 - also ENIAC und Catrene - umzusetzen, um über die kommenden Jahre zumindest den Abwärtstrend in der europäischen Halbleiterfertigung zu stoppen und eine kritische Masse vor Ort zu halten. Und es wäre erforderlich, nicht nur die reine Forschung zu fördern, sondern auch Pilotlinien zur Fertigung der neuen Produkte. Nur so lassen sich gute Ideen in marktfähige Produkte umsetzen. Hierfür die nötige Sensibilität bei den politischen Entscheidungsträgern zu fördern, darin liegt eine sehr große Herausforderung. Hier sind die Industrie und ihre Verbände gefragt, die Initiative zu ergreifen. Viel Zeit haben sie nicht.

Ihr Heinz Arnold