Kommentar Der Zauber von Toshiba Memory

Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de
Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de

Toshiba Memory ist selbständig. Die neue Freiheit will die Firma nutzen, um technisch ganz vorne mitzumischen. Wird jetzt alles gut?

Jedem Anfang wohnt nach den berühmten Worten von Hermann Hesse ein Zauber inne. Auf Zauberkräfte will Yasuo Naruke, CEO von Toshiba Memory, nicht setzen, sondern auf Technik.

Hier sieht er sich über die Investitionen in der vergangen Jahren in die 3D-NAND-Speicher-Technik auf einem guten Weg. Nun will er sogar die Forschungsabteilung um nicht weniger als 500 neue Arbeitsplätze erweitern. Mit der Technik im Kern, der Finanzkraft von Bain im Rücken und mit der Agilität als eigenständiges Chipunternehmen meint er, alle Voraussetzungen zu haben, um an die Spitze unter den NAND-Herstellern vorrücken zu können. Ein neues Unternehmen, neue Erfolge und in absehbarer Zeit neu an der Börse – alles gut?

Ganz neu ist Toshiba Memory zwar – nicht aber das Verfahren, über das der Verkauf geschah. Dieser Prozedur wohnte keinerlei Zauber inne: In alter Manier und unter dem Eindruck des Verkaufs von Sharp an Foxconn wollten die japanischen Politiker einen erneuten Gesichtsverlust um jeden Preis vermeiden.

Es musste also zumindest nach außen der Schein gewahrt bleiben, dass Toshiba Memory ein japanisches Unternehmen bleibt. Deshalb verkaufte die alte Toshiba nicht an den Meistbietenden (angeblich wollten Foxconn und andere mehr bezahlen) und auch nicht an irgendwelche Ausländer, sondern eben an das Bain-Konsortium, das das schöne »Toshiba-Memory-bleibt-japanisch«-Konstrukt erlaubte.

Vor allem dürfte Toshiba Memory Mitarbeiter während der sich quälend lange hinziehenden Verkaufsverhandlungen an Wettbewerber verloren haben – was die Ankündigung, 500 neue Arbeitsplätze in der Forschung zu schaffen etwas relativieren könnte.

Das ganze zeigt vor allem, welchen Einfluss die Politik auf die Entscheidungen im japanischen Top-Management immer noch hat. Wie vor einem Jahr an dieser Stelle geschrieben, ist die Ringi-Mentalität noch immer verbreitet. Sie verzögert Entscheidungen – was Gift nicht nur für Toshiba sondern für die japanische Industrie im globalen Wettbewerb ist.

Wie agil Toshiba Memory als selbständige Einheit handeln kann, bleibt abzuwarten. Am meisten Geld dürfte derzeit in den Aufbau der chinesischen Chip-Industrie fließen. Welche Hilfe wohl der japanische Staat noch bereit ist zu geben?

Was wird Bain Capital geben? Der Finanzier wird vor allem eines erwarten: eine hohe Rendite. Das kostet Toshiba Memory über die kommenden Jahre sicherlich viel Geld. Wie hoch die Investitionen unter diesen Bedingungen ausfallen können, bleibt abzuwarten.

Investitionen sind aber speziell dann erforderlich, wenn schwere Zeiten zu überstehen sind – die aufgrund der zyklischen Natur des Speichergeschäfts kommen werden. Wer vorne mithalten will, muss aus dem Abwärtszyklus gestärkt hervorgehen. Während solcher Zeiten, dürfte sich nicht nur Yasuo Naruke wünschen, über einen Zauber verfügen zu können, »der uns beschützt und hilft, zu leben«. Doch die japanische Regierung kann sich die Welt so schön reden wie sie will, eine von Zauberern bewohnte Märchenwelt mit wird nicht daraus.