Kommentar Der deutsche Mittelstand: Keine Insel der Seligen

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik
Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Es hat etwas gedauert, aber inzwischen scheint sich auch beim deutschen Mittelstand die Einsicht durchzusetzen, dass sich Faktoren wie die Schuldenkrise irgendwann auch auf die besten Hidden Champions auswirken. Der Beste zu sein ist ein schwacher Trost, wenn den Kunden aufgrund der europäischen Bankenkrise schlicht das Geld ausgeht.

Noch vor zwei Jahren sah das der selbstbewusste deutsche Mittelstand anders. Die Schulden- und Euro-Krise war ein Problem der Finanzmärkte, ihr Einfluss auf die Realwirtschaft wurde von vielen gering bewertet. Noch erweisen sich die konjunkturellen Daten als robust, auch wenn der ZVEI inzwischen für den Mai den dritten rückläufigen Monat in Folge gemeldet hat.

Angesichts der aktuellen Auftragsentwicklung in der deutschen Elektro- und Elektronikindustrie mehren sich besonders unter den Mittelständlern die Zweifel über die nach wie vor guten Erwartungen der Verbände für 2012. Ein Blick auf den täglichen Auftragseingang, speziell bei Subsystem- und Geräteherstellern, lässt viele davon ausgehen, dass 2012 ein gutes Jahr wird, wenn es ihnen gelingt, den Umsatz auf dem Niveau des Jahres 2011 zu halten.

Immer stärker setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass die Heilsversprechungen des chinesischen Marktes schon lange nicht mehr das halten, was sich viele davon versprechen. Das liegt zum einen daran, dass dort inzwischen Investitionsprogramme ausgelaufen sind, die 2008/09 zur Stützung der Konjunktur aufgelegt wurden, zum anderen, weil wichtige Abnahmesegmente wie der Schienenverkehr, die Windkraft, oder auch der Kraftwerksbau, nach lokal aufgetretenen Problemen, oder im Gefolge von Fukushima fast zum Erliegen gekommen sind.

Dass sich Deutschland den letztlich globalen konjunkturellen Schwierigkeiten nicht dauerhaft entziehen kann, diese Botschaft ist inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Zwar erfreuen wir uns immer noch einer nie dagewesenen Anzahl an Beschäftigungsverhältnissen in Deutschland, und einer geringen Arbeitslosenquote, doch auch hier zeichnen sich Veränderungen ab. Stellten auch im Elektronikbereich Firmen bis vor kurzem noch auf Vorrat ein, so haben die ersten inzwischen Einstellungsstopps verhängt. Wer also auf dem Absprung ist, sollte sich die Sache vielleicht noch mal überlegen, oder sich schnell dazu entscheiden, bevor sich der Bewerbermarkt der letzten Jahre wieder dreht.

Angesichts der Schritt für Schritt reduzierten Produktionspläne der deutschen Elektro- und Elektronikindustrie - so wollen etwa fast drei Viertel der regelmäßig vom ZVEI befragten Unternehmen in den nächsten drei Monaten ihre Produktion auf dem aktuellen Produktionslevel stabil halten - erscheint es immer unwahrscheinlicher, dass es in der Versorgungskette im Herbst wieder zu Lieferschwierigkeiten kommen könnte.

Um eines klar zu stellen: Von einer Krise ist die deutsche Elektro- und Elektronikbranche weit entfernt. Deutschland kann sich aber aufgrund seiner Exportabhängigkeit auch nicht von globalen Wirtschaftsentwicklungen entkoppeln. Die Kunst wird darin bestehen, das Übergangsjahr 2012 so gut wie möglich zu managen, und sich so gut wie möglich auf wieder verbesserte Rahmenbedingungen im Jahr 2013 einzustellen.

Schließlich wird auch die europäische Schuldenkrise irgendwann überwunden sein. Erste positive Anzeichen dafür gibt es bereits in Irland und Portugal. Nur wer weiter der Überzeugung ist, dass die Probleme der europäischen Nachbarländer keinen Einfluss auf seine Geschäftsentwicklung haben, wird irgendwann ein böses Erwachen erleben.

Ihr Engelbert Hopf