Kommentar Das Gift der launigen Kehrtwenden

Heinz Arnold, Chefredakteur
Heinz Arnold, Editor-at-Large, HArnold@markt-technik.de

Es kann in der großen Politik recht launig zugehen: Liefersperren verhängen und wieder aufheben - oder doch nicht? Der Wirtschaft verdirbt das die Laune.

Im vergangenen Jahr twitterte Donald Trump fröhlich, dass der Lieferbann gegen ZTE aufgehoben sei. Nachdem ZTE zuvor keine Chips mehr aus den USA erhalten hatte, musste die Fertigung eingestellt werden, das Unternehmen mit 80.000 Mitarbeitern war an den Rand der Pleite geraten.

Jetzt hat Donald Trump eine ähnlich launige Kehrtwende vollzogen: An Huawei dürfe wieder geliefert werden. Huawei hatte sich zwar auf das Embargo vorbereitet, das nach eigenen Angaben nicht überraschend kam. Doch von Betriebssystemen, Chips, EDA-Tools und Equipment aus den USA abgeschnitten zu sein hätte Huawei empfindlich getroffen. Kurzfristig Ersatz aus dem eigenen Lande zu beschaffen wäre kaum möglich gewesen. Huawei hatte deshalb die Umsatzerwartungen für 2019 von 130 Mrd. Dollar auf 100 Mrd. Dollar gekürzt.

Doch nicht nur Huawei, auch die US-Industrie hätte unter den Auswirkungen massiv gelitten, wäre den Chip-Herstellern doch ein wichtiger Kunde, wenn nicht gar das ganze Land weggebrochen. Die amerikanische Semiconductor Industry Association hatte denn auch massiv Druck gemacht, um den Lieferbann zumindest abzumildern.

Doch Präsident Trump findet es offenbar genial, mal den bösen Buben zu geben, der chinesische Firmen an den Rand des Abgrundes bringt, und dann wieder den Retter zu spielen, um als Meister des Deals in die Geschichte einzugehen, der amerikanische Interessen durchsetzt.

Doch Huwaei ist nicht irgendwer, sondern Chinas Vorzeigeunternehmen. Gegen ein solches Unternehmen verhängt man nicht mal kurz einen Lieferstopp, hebt ihn dann wieder auf und alles ist wie bisher. Das zerstört über Jahrzehnte gewachsene Strukturen und vergiftet das Verhältnis zu China. China wird nun alles daran setzen, eine unabhängige High-Tech-Industrie aufzubauen – um genau das umzusetzen, was Trump fürchtet.

Umso schlimmer, dass diese Art der Diplomatie offenbar Nachahmer findet. Wegen politischer Streitigkeiten als Spätfolge des Zweiten Weltkriegs will Japan die Ausfuhr bestimmter für die Chip-Produktion wichtiger Materialien an Südkorea stoppen. Das könnte den Markt für DRAMs und NAND-Flash-ICs durcheinanderwirbeln; alle Smartphone- und Computer-Hersteller – unabhängig von ihrer Nationalität – würden getroffen.

Beide Beispiele zeigen, wie Nationalismen über viele Jahrzehnte gewachsene Handelsbeziehungen zerstören, den Wohlstand aller untergraben sowie wirtschaftlich und politisch destabilisieren. Statt Vertrauen entsteht Misstrauen. Eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung braucht dagegen nichts dringlicher als Stabilität und ein Mindestmaß an Vertrauen. Wem daran gelegen ist, der sollte sich darauf konzentrieren, die Phase der Instabilität und launiger Kehrtwenden möglichst bald zu überwinden.