5-Jahres-Plan für die Mikroelektronik China: große Chance - und große Gefahr?

Mittlerweile versucht China zum dritten Mal, die Halbleiterindustrie im Land anzukurbeln. »Dritter Versuch« heißt zwangsläufig, dass die ersten zwei Versuche gescheitert sind. Doch jetzt glauben einige, dass es im dritten Anlauf klappen könnte.

Die chinesische Regierung will, dass die inländische Halbleiterindustrie um 20% jährlich wachsen soll, organisch und durch Akquisitionen ausländischer Unternehmen. Jens Drews, Director Communications, Government Relations von GlobalFoundries: »Der größte Einfuhrposten in China sind Halbleiter, und wenn man Digitimes trauen darf, dann ist es das Ziel, bis 2020 40% und bis 2025 70% dieser Halbleiter selbst zu machen, zurzeit sind es ungefähr 10%.«

Einer, der glaubt, dass China dieses Mal erfolgreich sein wird, ist Wally Rhines, Chairman und CEO von Mentor Graphics, denn dieses Mal liegt die Umsetzung nicht bei staatlichen Organisationen, sondern bei Investoren. Drews denkt ebenso: »Statt drei Wirtschaftsweise zu befragen, sind dieses Mal viel mehr Institutionen und Player dabei. Man hat aus den früheren Versuchen gelernt. Ich traue den Chinesen zu, dass sie äußerst lernfähig sind. Und in diesem Bereich werden wir sehen, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht haben, und darauf müssen wir uns einstellen.«

Der erneute Versuch hat noch einen weiteren Vorteil: Es wird zusätzliches Geld losgetreten, so dass zu den 20 Mrd. Dollar seitens der chinesischen Regierung in der Summe noch mal rund 97 Mrd. Dollar hinzukommen sollen. Eigentlich kaum zu glauben, dass bei dieser schieren Geldmenge das Ziel verfehlt werden kann. Wird also China den weltweiten Halbleitermarkt aufrollen? Die Stimmung ist zweigeteilt: Neben denen, die glauben, dass China sein Ziel erreichen wird, gibt es auch einige, die weiterhin am Erfolg zweifeln – und auch sie haben gute Gründe.

Es fängt schon damit an, dass keiner so genau einschätzen kann, wie weit Chinas Ambitionen reichen. Peter Lieberwirth, Vice President Strategic Business Planning Division von Toshiba Electronics Europe, beispielsweise glaubt, dass China zunächst einmal daran interessiert ist, sich unabhängig vom großen Halbleiterfluss zu machen, der ins Land hineingeht, und vom großen Geldfluss, der rausgeht. Norbert Siedhoff, Geschäftsführer European Sales Director von Microchip Technology, wiederum glaubt, dass China viel langfristiger denkt: Das Land wolle sich durch Zukäufe Know-how aneignen, um so Fuß im Halbleitermarkt zu fassen: »Bei der Halbleiterstrategie geht es nicht nur darum, den eigenen Bedarf zu decken, sondern auch weltweit ein wichtiger Player zu werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier nur um Fertigung geht.« Drews wiederum merkt an: »Die Staats- und Parteiführung hat sich strategisch entschieden, dass man Mikroelektronik braucht, um langfristig das Land noch erfolgreicher zu machen.«

China bekommt, was es will – oder nicht?

Auch in dieser Frage herrscht Uneinigkeit. So erklärt Jürgen Weyer, Global Sales & Marketing, Vice President Automotive Sales EMEA von Freescale Semiconductor, einerseits, dass die Chinesen das bekommen, was sie wollen, andererseits kennt er selbst Beispiele, die zeigen, dass das nicht so ist. In der Automobilindustrie verfolgt China ähnliche Ziele wie in der Mikroelektronik, auch hier werden ausländische Firmen gekauft. Ein Beispiel ist Preh, die heute zu 100 Prozent in chinesischer Hand sind. Und Günther Elsner, Vice President, Head of Automotive Business Group von Renesas Electronics, vervollständigt das Argument und erklärt: »Das chinesische Unternehmen Geely hat Volvo gekauft, und trotzdem werden noch keine Autos exportiert.« Weyer betont zwar, dass dadurch massiv Know-how erworben wird, der Erfolg aber trotzdem ausbleibt und zwar aus folgendem Grund: »Es ist zwar viel Geld lokal investiert worden, schlussendlich sind aber viel zu viele Firmen entstanden. Das liegt daran, dass China sich nicht einig ist. Es gibt nicht das eine China, die Unterschiede in diesem Land zwischen den Provinzen sind enorm. Es gibt zwar einen zentralen 5-Jahres-Plan, aber die Umsetzung findet in den einzelnen Provinzen oder Sektoren statt.« Wobei Lieberwirth die zentrale Steuerung in der Mikroelektronik noch aus einem viel einfacheren Grund bezweifelt: Das zentrale Programm von China umfasst 20 Mrd. Dollar. Der Multiplikator über die Investoren führt zwar dazu, dass mehr Geld im Topf ist, aber dann ist auch die zentrale Steuerung dahin.

Dass der 5-Jahres-Plan in den Provinzen umgesetzt wird, beurteilt Drews wiederum als großen Vorteil: Damit könne das Land in den einzelnen Regionen ausprobieren, wie etwas funktionieren kann. »Und wenn dann eine Rückkopplung stattfindet und das System so klug ist, aus den verschiedenen Regionen zu lernen, dann ist das ein enormer Vorteil.«

Siedhoff will wie Drews die Aktivitäten von China nicht unterschätzen. Nicht umsonst sei in der Presse zu lesen, dass China Schritt für Schritt den industriellen Mittelstand in Deutschland gekauft hat, und die Bundesregierung hier einen Stopp bewirkt hat. Darüber hinaus gibt es aus Drews Sicht noch andere Beispiele, die zeigen, dass China eine aufstrebende Macht ist. Er verweist auf das chinesische Industrie-4.0-Programm und fügt hinzu: »Ich denke, dass man dort in manchen Bereichen schon weiter ist als wir hier.« China wolle auch im Aerospace-Bereich Fuß fassen, und dass so etwas funktioniert, habe Europa mit Airbus bewiesen, auch wenn es lange gedauert hat und schwierig war, »aber es funktioniert, und ich glaube, aus China wird man Ähnliches sehen«, so Drews weiter.

China hat neben den enormen Finanzmitteln aber noch ein ganz anderes Werkzeug in der Hand, das den nicht-chinesischen Halbleiterunternehmen das Leben schwer machen könnte: die Größe, denn dadurch ist das Land in der Lage, eigene Standards zu setzen. Weyer verweist auf China Telecom, das speziell für ein Unternehmen wie Qualcomm zum Problem werden könnte. Er geht nämlich davon aus, dass China Wege suchen und finden wird, um bei 5G um das IP von Qualcomm herumzukommen und damit die Lizenzkosten an Qualcomm einzusparen. Weyer lapidar weiter: »Qualcomm hat momentan zwar ein sehr großes Portfolio und eine dominante Stellung im Markt, aber das hatten andere vorher auch schon: Motorola und Nokia waren mal Marktführer, und beide gibt es heute so nicht mehr.«