Kommentar Boom für Ingenieure

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Was für ein Boom! Wer nicht nur auf die Zahlen der Quartalsberichte und der Marktforscher schaut, dem bieten sich weitere Maßstäbe, an denen er sehen kann, wie vehement es in der Halbleiterindustrie bergauf geht: Das Personalkarussell dreht sich wieder munter, wechselwilligen Ingenieuren winken fette Aufschläge aufs Jahresgehalt, die Personalvermittler reiben sich die Hände – ein nicht unerhebliches Sümmchen bleibt ja auch in ihren Taschen für die Vermittlungsdienstleistungen hängen.

Das Schöne daran: Nichts deutet darauf hin, dass sich etwas ändern würde. Auch nicht auf etwas längere Sicht. Denn der Bedarf an Halbleitern wächst weiter kräftig. Ich brauche hier niemanden damit zu ermüden, aufzuzählen, wo das Wachstum überall herkommt – es reicht zu wissen, dass die Elektronik unser Leben von allen Seiten überraschend schnell durchdringt. Ohne die Halbleiterindustrie ginge da nichts.

Langfristig ist also alles klar: Die Firmen müssen sich darauf einstellen, dass es schwieriger wird, das richtige Personal zu finden.

Auf der anderen Seite sollte damit aber die Qualität der Ausbildung steigen. Wer wie ich zu den geburtenstarken Jahrgängen zählt, der kann sich noch gut erinnern: Klassenstärken mit über 45 Schülern waren keine Ausnahme, die Hörsäle überfüllt. Kommen jetzt wieder weniger Schüler auf einen Lehrer? Eher nicht, denn die Länder reagieren bereits und stellen weniger Lehrer ein – dass die Schüler von heute darunter leiden, wen kümmert’s?

Vielleicht sollten sich auch die Unternehmen ausnahmsweise mal ein Beispiel am Staat nehmen – allerdings nicht am »Wie«, sondern am »Wann«: Frühzeitig zu reagieren, wäre doch sicher nicht falsch!

Aber wie? Allein Appelle, wie toll das Ingenieurstudium ist, mögen vielleicht nicht ganz reichen, um dem zu erwartenden Mangel abzuhelfen. Etwas mehr Engagement von Seiten der Wirtschaft dürften die Umworbenen auch erwarten, denn umgekehrt sind die Erwartungen an sie ja ebenfalls sehr hoch. Und das Allerbeste wäre sicherlich, wenn die Ingenieure und Ingenieurinnen in den Betrieben so behandelt würden, wie es ihrem angeblich so hohem Wert auch entspräche. Dann würde der überwiegende Teil ihren Kindern nämlich guten Gewissens empfehlen können, in die eigenen Fußstapfen zu treten.

Was ich in meinem Umfeld leider häufig mitbekomme: Dem sowieso schon vor dem anspruchsvollen Studium eher zurückschaudernden hoffnungsfrohen Nachwuchs erklären die Ingenieurs-Eltern: »Spar dir die Mühe und mach was anderes. Ingenieure gelten doch in der Hierarchie der Unternehmen meist nicht all zu viel!«

Einfach gesagt: Würden die Ingenieure die ihnen in den Sonntagsreden entgegengebrachte Wertschätzung unter der Woche in der Praxis tatsächlich erfahren, wäre schon sehr viel für das Ansehen des Berufs und damit auch für die Rekrutierung des Nachwuchses gewonnen. Falls Sie bereits gute Erfahrungen in diese Richtung gemacht haben sollten, dann schicken Sie mir ein kurzes Email: Gerne würden wir unsere Leser über solche positiven Entwicklungen informieren.

Ihr Heinz Arnold