Langer Weg zum gegenseitigen Verständnis Autos und ICs: Gegenläufige Zyklen

Jürgen Weyer, NXP Semiconductors: »Was die Zyklen betrifft, so tickten die Automobilfirmen und die Halbleiterhersteller noch 1998 ganz unterschiedlich, doch jetzt dürfte für eine große Zahl von Fahrzeugen die Regel fallen, dass ICs für 15 Jahre vorgehalten werden müssen«.«

Die Fahrzeughersteller und die Halbleiterunternehmen – ein schwieriges Thema. Jürgen Weyer, Executive Vice President und General Manager Automotive von NXP, hat im Automotive-Geschäft jedenfalls turbulente Zeiten durchlebt.

In der Halbeiterindustrie zu arbeiten, ist spannend. Und es kann sehr abwechslungsreich sein. Häufige Job-Wechsel sind nichts Ungewöhnliches. Wechseln die Mitarbeiter nicht aktiv den Job, so übernehmen das auch gerne mal die Arbeitgeber selber. So erging es beispielsweise Jürgen Weyer, der heute Executive Vice President und General Manager Automotive von NXP ist.

Begonnen hat seine Laufbahn bei Motorola. Ohne das Firmengebäude zu wechseln, fand er sich plötzlich als Mitarbeiter der neuen Firma Freescale wieder. Auf diesen Namen hatten die neuen Eigner die Halbleitersparte von Motorola im Jahre 2004 nach der Abspaltung getauft. Ende vergangenen Jahres schließlich durfte er zusehen, wie das Gebäude am Schatzbogen in München das neue NXP-Logo erhielt. Dieses Logo war 2006 entstanden, als unter dem Namen NXP die Halbleitersparte aus Philips ausgegliedert worden war.

Bis 1998 arbeitete Jürgen Weyer in Toulouse – damals also noch für Motorola. Dort beschäftigte er sich mit der schnurlosen Kommunikation und mit Baseband-Prozessoren. Als er dann nach München zog und sich um den Automotive-Markt kümmern durfte, stellte er sich vor, dass es doch kein großes Problem sein sollte, Baseband-Prozessoren auch ins Auto zu bringen. »Ich bin kläglich gescheitert«, erinnert sich Weyer. Er musste am eigenen Leib erfahren, was damals ein großes Problem für die Halbleiterhersteller war: Die Automotive-Industrie denkt (oder dachte?) in langen Produktzyklen. Die IC-Industrie dagegen lebt vor allem von den Bauelementen, die in großen Stückzahlen in Consumergeräte wandern. Die Hersteller dieser Geräte müssen in schneller Folge immer neue Produkte auf den Markt werfen, um die Käufer bei Kauflaune zu halten. Dass sich auf die Evolution der ICs das berühmte Mooresche Gesetz anwenden ließ, hat diese Entwicklung beflügelt. Alle 18 bis 24 Monate können die IC-Hersteller neue Versionen auf den Markt bringen, die bei gleichem Preis noch mehr leisten und es den Systemherstellern erlauben, den Consumern noch mehr Features bieten zu können.

Die Automobilhersteller dagegen waren damals nicht gezwungen, in solch schneller Folge neue Autos auf den Markt bringen zu müssen. Sie legen auf ganz andere Dinge Wert. So wollen sie über die Lebenszeit eines Autos die identischen ICs geliefert bekommen – 15 Jahre sollten es schon sein. Das ist aus Sicht der Halbleiterhersteller eine gigantische Zeitspanne. Der IC-Hersteller kann sich noch nicht einmal sicher sein, nach 15 Jahren überhaupt noch die veralteten Maschinen zur Verfügung zu haben, die es ihm erlauben, die identischen ICs zu produzieren. Für Firmen, die sich hauptsächlich mit der Metallverarbeitung beschäftigten, waren solche Zwänge dagegen schlicht unvorstellbar. »Was die Zyklen betraf, tickten die beiden Industrien noch 1998 ganz unterschiedlich«, formuliert es Weyer.