Reaktorhavarie von Fukushima hat Konsequenzen für die Elektronikbranche Angst vor verstrahlten Bauelementen und Subsystemen

Reinhard Sperlich, Murata Europe: »Inzwischen überprüft die Lufthansa bereits auf den japanischen Flughäfen alle zu verladenden Waren.«
Reinhard Sperlich, Murata Europe: »Inzwischen überprüft die Lufthansa bereits auf den japanischen Flughäfen alle zu verladenden Waren.«

Ging es in den ersten Wochen nach der Dreifachkatastrophe in Japan für die Elektronikbranche um Schadensanalyse und darum, festzustellen, welche Maßnahmen zu treffen sind, um die Lieferkette intakt zu halten, kam mit der Reaktorhavarie in Fukushima nun ein weiteres Problem hinzu: Mit der angekündigten Ausweitung der Evakuierungszone dürften weitere Fabs als Lieferanten ausfallen. Hinzu kommt die diffuse Angst vor kontaminierten Bauelementen.

Hersteller und Distributoren erhalten zunehmend schriftliche Aufforderungen, nachzuweisen, dass die von ihnen gelieferte Ware nicht verstrahlt ist. Erste Kunden haben bereits die Annahme potenziell kontaminierter Ware verweigert. Im Zusammenhang mit den diffusen Ängsten vor radioaktiv verstrahlten Materialien ist auch die Meldung zu verstehen, dass sich letzte Woche am Frankfurter Flughafen Luftfrachtmitarbeiter weigerten, drei Lufthansa-Maschinen zu entladen, aus Angst, dabei mit radioaktiv verstrahlten Materialien in Kontakt zu kommen. Wie Reinhard Sperlich, Geschäftsführer Murata Europe, erläutert, dürfte das aber ein einmaliger Vorgang bleiben, »inzwischen überprüft die Lufthansa bereits auf den japanischen Flughäfen alle zu verladenden Waren, um diesbezüglich für 100-prozentige Sicherheit zu sorgen«. Um angesichts der diffusen Ängste Klarheit zu schaffen, weist Dr. Arne Albertsen, Manager Sales & Marketing bei Jianghai Europe, darauf hin, dass zwischen einer Kontamination der Verpackung und einer Kontamination der zur Bauelementeherstellung verwendeten Materialien zu unterscheiden sei.

»Sollte es zu einer Kontamination von Verpackungsmaterial gekommen sein, lässt sich dieses reinigen und entfernen, und die betreffenden Bauelemente können umverpackt werden«, betont Dr. Albertsen, »dass die Bauelemente selbst, aufgrund der verwendeten Materialien, zu strahlenden Komponenten werden, ist dagegen auszuschließen«. Er verweist dabei zum einen darauf, dass die dazu nötige Neutronenflussdichte in den Produktionsstätten außerhalb der Evakuierungszone zu niedrig sei. »Hinzu kommt, dass die verwendeten Substanzen im Regelfall in geschlossenen Systemen transportiert werden und auch die Produktion der Bauelemente unter kontrollierten klimatischen Bedingungen stattfindet«, erläutert Dr. Albertsen. »Eine Kontamination der Bauteile an sich, so dass diese als Strahlungsquelle auftreten, ist vergleichsweise unwahrscheinlich«!

Es ist wohl vor allem der unklaren Informationslage geschuldet, dass sich Kunden wie etwa das Mercedes Benz Werk Bremen seit der letzten Woche verstärkt mit Schreiben an ihre Lieferanten wenden, in denen diese eindringlich aufgefordert werden, die Konformität der gelieferten Ware mit den Anforderungen der DBL8585 (Radiation Protection) zu garantieren. Im Vordergrund steht dabei offenbar die berechtigte Sorge um das Wohl und die Gesundheit der mit der Ware in Berührung kommenden eigenen Mitarbeiter, doch auch die Angst vor möglichen Imageschäden dürfte einer der Beweggründe für diese Briefe sein. Sollte eine Verbraucherschutzorganisation in den nächsten Wochen vor dem Kauf bestimmter Produkte mit dem Hinweis, diese könnten möglicherweise verstrahlt sein, warnen, hätte das wohl kaum kontrollierbare Folgen für die weitere Geschäftsentwicklung der von dieser Warnung betroffenen Unternehmen.

An Brisanz gewinnen dürfte dieses Thema für die Elektronikbranche noch einmal ab Mitte April. Dann nämlich werden die letzten Schiffe in die deutschen Häfen einlaufen, die noch vor der Katastrophe die japanischen Häfen verlassen hatten. Auch im Elektronikbereich gelangt der Großteil der Produkte aus Japan auf dem Schifffahrtsweg nach Deutschland. Von den rund 10.000 jährlich in Hamburg anlandenden Schiffen kommen etwa 300 aus Japan. Zum Problem könnte allerdings werden, dass es, anders als bei Lebensmitteln, keine Grenzwerte dafür gibt, wann ein Schiff als verstrahlt gilt. In Rotterdam ist man da schon einen Schritt weiter, dort verlangt man bereits schriftliche Garantien dafür, dass ein Schiff nicht verstrahlt ist. Da viele Schiffe, bevor sie Hamburg erreichen, Rotterdam anlaufen, will man sich in Hamburg an diese Regelung anhängen. Ein Sprecher der Hamburger Hafenbehörde bestätigt: »Wenn Rottderdam ablehnt, werden wir das Schiff natürlich auch ablehnen.«

Während die Diskussion hierzulande noch vor allem um direkt aus Japan importierte Produkte kreist, weist der Logistikexperte Christian Kille vom Fraunhofer Institut darauf hin, dass unter Umständen kontaminierte Bauelemente aus Japan in China zu Baugruppen montiert werden, die dann in den USA verwendet werden und erst dann als Fertigprodukt zum Verbraucher nach Deutschland kommen. Um eine Ausbreitung möglicherweise verstrahlten Materials zu verhindern, fordert Kille einen verstärkten Zusammenhalt der Staatengemeinschaft ein: »Es darf nicht erst am Ende der Logistikkette kontrolliert werden«. Das sehen auch die Distributoren so: »Es kann nicht Aufgabe des Importeurs sein, zu überprüfen, ob die gelieferten Bauteile den entsprechenden Bestimmungen des Strahlenschutzes entsprechen«, stellt Jean Quecke, Regional Vice President bei TTI Europe, fest, »diese hoheitliche Aufgabe obliegt dem Deutschen Zoll«. Sein Kollege Joachim Pfülb, zuständig für die Verkaufsleitung bei Beck Elektronik Bauelemente, verweist darauf, dass sowohl auf den Homepages des Umweltbundesministeriums als auch des Bundesamtes für Strahlenschutz von Stichproben die Rede sei. »Für Lebensmittel gibt es seit Tschernobyl eine entsprechende EU-Vorschrift«, stellt Pfülb fest, »im Elektronikbereich sind die Dinge nicht so eindeutig geregelt«.

Noch ist völlig unklar, wie sich die Situation in Fukushima weiter entwickelt. Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen eine mögliche Ausweitung der bisherigen Evakuierungszone von 20 auf 40 km für die Lieferkette der Elektronikindustrie haben wird, nachdem schon heute viele Kunden Unbedenklichkeits-Bestätigungen ihrer Lieferanten für Werke im Umkreis von 50 km um Fukushima einfordern.

Verschärft sich die Liefersituation, so die Brancheneinschätzung, werden die Endverbraucher wohl spätestens gegen Ende des zweiten Quartals 2011 mit Lieferengpässen und Preissteigerungen für Produkte aus Japan rechnen müssen.