Das einstige Startup auf Rekordkurs 100 Mio. APIX-Knoten im Auto

Wie konnte es einem deutschen Startup gelingen, zusammen mit Lizenznehmern 100 Mio. Knoten seiner Technologie ins Auto zu bringen?

Ohne harte Arbeit, Intuition, die richtigen Partner und etwas Glück wäre nichts gegangen. Vor allem aber nicht ohne die Begeisterung für eine neue Technik: APIX.

Einfach war der Weg zu 100 Millionen ausgelierten ICs nicht. »Wir wussten, dass wir eine pixelgenaue Ansteuerung brauchen. Aber wie kommt die ins Auto?«, erinnert sich Robert Isele, bei BMW damals für Displaytechnologie und Zentralanzeige verantwortlich, an die Zeit vor 18 Jahren. Denn damals war an die digitale Ansteuerung von Bildschirmen noch nicht zu denken. Sie erfolgte da noch durchwegs analog. Also entwickelte BMW für die 7er-Serie eine eigene digitale Steuerung, die die Steuereinheit über 15 cm mit dem Display verband – über 31 Leitungen. Sollte die Automobilindustrie mit dieser Aussicht leben müssen?

Die einzige digitale Übertragung, die es zu dieser Zeit gab, war LVDS. Verschiedene LVDS-Systeme standen zur Verfügung, die aber alle nicht für den Einsatz im Auto entwickelt worden waren und weit entfernt, den Anforderungen genügen zu können. »Weil es nichts anderes gab, entschieden sich einige Automotive-Firmen und IC-Hersteller mit großem Aufwand doch dafür, sie ins Auto hineinzuwürgen«, erinnert sich Robert Isele.

Selber musste er die Erfahrung machen, dass diese Chips immer wieder sporadische Fehler in der Fertigung mit sich brachten. Auch die technologische Grenze bzgl. Kabellänge war schnell erreicht. Deshalb war für ihn klar: Eine ganz neue Technik war erforderlich, um ein sauberes und automobilkonformes System aufbauen zu können. »Und wir wussten auch schon genau, wann: In das 7er-Flaggschiff der Baureihe F01 sollte das vollkommen neu zu entwickelnde digitale Display-Link-System erstmals 2008 Einzug halten.«

Doch zurück ins Jahr 2000: Zu dieser Zeit, als Isele über die Digitalisierung nachdachte, aber am Markt nichts Passendes zur Verfügung stand, hatte ein deutsches Startup in München eine Idee: Gigastar – der „Gigabit/s-Transmitter and Receiver“, ein echter digitaler, serieller Link mit nur zwei Leitungen und einer Datenrate von 1,2 Gbit/s, den Inova anfänglich als „Proof of Concept“ und dann für abgesetzte Displays in der Industrie und Verkehrstechnik – hier für die gerade aufkommenden Fahrgast-Informationssysteme – entwickelte. 2002 kamen Robert Isele, der sich nach digitalen Übertragungstechniken umsah, und Robert Kraus, der Mitgründer von Inova Semiconductors, ins Gespräch: »Mir war von Anfang an klar, dass Gigastar für die digitale Ansteuerung von Displays in Autos Ausgangspunkt war«, so Isele. Auch Robert Kraus war begeistert und sofort startete die Entwicklung. »Also haben wir Gigastar etwas angepasst und das Ganze dann auf eine bestehende LVDS-Platine gesetzt«, erklärt Kraus. Wovon er da so lapidar spricht, war die Geburtsstunde des APIX- (Automotive Pixel Link) Konzepts. 2004 war der erste Testchip fertig, der die Machbarkeit bewies.

Aus Gigastar wird APIX

Davon ausgehend entwickelte Inova zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft IIS in Erlangen einen ersten Versuchschip, der zeigte, dass tatsächlich Daten mit 1 Gbit/s über Kupferkabel mit einem Single-Chip-CMOS-Baustein in einem günstigen QFP-Gehäuse sauber übertragen werden können – Gigastar war noch Multichip-Technik (CMOS + BiCMOS) in einem teuren BGA-Gehäuse. Kraus: »Bereits 2006 war der erste vollständig funktionsfähige Chip fertig. APIX hatte das Licht der Welt erblickt.«

Was sich im Nachhinein so einfach anhört, hatte es allerdings in sich – und das auf mehreren Ebenen. Erstens der technischen, wie sich Kraus erinnert: »1 Gbit/s über zwei Kupferleitungen seriell durchs Auto zu schicken, auch noch über zehn und mehr Meter, schien zuerst ein No-Go. Schon zu meinen Zeiten bei Motorola hieß es anfangs der 90er Jahre pauschal, so etwas geht nur mit optischer Übertragung.« Hürden wie EMV/ESD-Schutz mussten erst einmal überwunden werden – ohne Kompromisse bei der Stabilität und Bitfehlerrate.

Die zweite Hürde war eher geschäftlicher Natur: Kann ein deutsches Startup-Unternehmen ausgerechnet im IC-Sektor erfolgreich sein? Gibt es so etwas nicht nur im Silicon Valley oder gerade mal in Großbritannien? Und wie passt ein solches Startup-Unternehmen zu BMW, einem der mächtigen globalen Akteure im Automobilsektor?

Zur selben Zeit dürften Robert Isele – wir schreiben bereits das Jahr 2006 – die Schweißperlen auf der Stirn gestanden haben. Denn der Termin 2008 stand unverrückbar fest, der Zeitplan war also sehr eng. Aber auch die anderen Entscheider bei BMW mochten die Technik und ließen sich überzeugen, dass das Team von Inova rechtzeitig Ergebnisse liefern würde – trotz des enormen Zeitdrucks. Und wenn es am Ende doch schief gehen sollte? Ärgerlich, vielleicht wären ein paar Köpfe gerollt, aber das Schicksal von BMW hing wahrlich nicht daran.

Das von Inova aber wohl – und schon drohte die lähmende Kraft der Skepsis durch das Startup zu sickern: Was wollte BMW wirklich? Einfach nur ein wenig spielen? Auch die Investoren waren mehr als skeptisch: Ob es da nicht doch noch einen Haken gab?

Die Kraft der Begeisterung – und eine Pressekonferenz

Doch Robert Kraus und Robert Isele erinnern sich gerne an diese Zeit des Aufbruchs zurück – und der schnellen Entscheidungen. »Das neue Head-up-Display wird über APIX angesteuert, diese Entscheidung war bei BMW 2006 schnell und unumstößlich gefallen«, weiß Robert Isele noch ganz genau.

2007 spürte Robert Kraus, dass der Zeitpunkt gekommen war, das stille Entwicklungskämmerlein zu verlassen und der Öffentlichkeit zu zeigen, welcher Umbruch sich hier im Automobilsektor anbahnt – und was bereits unumkehrbar geschehen war. Denn nicht nur technisch befand sich APIX auf der Zielgeraden: Neue Partner waren hinzugekommen, allen voran der Halbleiterhersteller Fujitsu Semiconductor (heute Socionext).

Wieder setzte Inova ein Zeichen, denn es gelang dem Startup, im September 2007 kurzerhand die Verantwortlichen von BMW und Fujitsu zu einer großen europäischen Pressekonferenz in München zusammenzutrommeln, um dort eine eindeutige Aussage öffentlich zu formulieren: „BMW setzt auf APIX“, war damals, am 14.9.2007, auf der Titelseite der Markt&Technik zu lesen.