Raspberry Pi in neuem Einsatzfeld Vom Maker-Board zum Industrie-PC

Das Developer Kit für Raspberry Pi von Kontron umfasst ein Entwickler-Board, ein Raspberry Pi Compute Module 3 Light sowie eine SD-Card mit vorkonfiguriertem Raspbian-Betriebssystem.

Kontron legt mit dem industrietauglichen Raspberry-Pi-Starterkit den Grundstein für den industriellen und kommerziellen Einsatz der Raspberry-Pi-Plattform. Kann die weitverbreitete Platine mit ihrem Bastler-Image im Vergleich zu hochwertigen Standard-Industrie-PCs tatsächlich punkten?

Der Aufstieg des Raspberry Pi ist nach den Erfahrungen von Kontron Electronics, vormals exceet electronics, nicht aufzuhalten. Der Ein-Platinen-Computer hat sich nämlich längst vom reinen Bastler-PC hin zum Industrie-Computer gemausert: Bereits seit rund fünf Jahren beobachtet das Unternehmen, dass die von Kunden gelieferten Designs immer häufiger auf Raspberry Pi basieren. Das ist wenig verwunderlich, denn immerhin sind Ingenieure und Entwickler auf dieser Plattform ausgebildet und kommen schnell zu Ergebnissen. Andere kostengünstige und offene Plattformen wie Arduino oder Beagle Board sind zwar auch populär, aber Liebling der Bastler ist ganz klar Raspberry Pi.

Die Beliebtheit von Raspberry Pi hat auch dazu geführt, dass sich eine weltweite Community gebildet hat, wie es bei kommerziellen Unternehmen kaum denkbar ist. Man spricht sogar davon, dass Raspberry Pi global die größte Linux-Support-Community hat. Von dieser Online-Gemeinschaft profitieren indirekt natürlich auch die Unternehmen.

Laut der Raspberry Foundation hat sich Raspberry Pi bis Ende 2018 mehr als 22 Mio. Mal verkauft. Auf eine umfangreichere Nutzerbasis kommt kein Standard-Industrie-PC – eine größere Testumgebung ist praktisch unmöglich. Das ist einerseits ein großes Plus, doch Open Source ist für industrielle Anwender nur bedingt von Vorteil. Zwar sind viele Anwendungen lizenzfrei verfügbar, wird jedoch der Quellcode angepasst, muss auch dieser wieder unter freier Lizenz veröffentlicht werden. Dass ihre Software kostenlos und allgemein verfügbar ist, schreckt jedoch viele Unternehmen und Organisationen ab. Das Gleiche gilt, wenn nur einzelne Module aus bestehenden Applikationen genutzt werden. Üblicherweise müssen auch daraus abgeleitete Programme wieder lizenzfrei veröffentlicht werden. Wer allerdings nicht auf Linux angewiesen ist, kann auf der Plattform auch Windows mit IoT Core betreiben.

Auf dem Weg vom Designentwurf zum serientauglichen Produkt ist allerdings das Ergebnis am Ende manchmal ernüchternd: Das komplette Design, das auf Raspberry Pi entstanden ist, muss hard- und softwareseitig von Grund auf neu entwickelt werden, um in Serie zu gehen. Für die Kunden ist der finanzielle und zeitliche Aufwand entsprechend hoch, die Markteinführung der Produkte dauert länger als erhofft. Deshalb hat Kontron Raspberry Pi als Alternative oder Ergänzung zu Standard-Industrie-Plattformen etabliert. Denn wenn Raspberry Pi direkt produktiv in Serie genutzt werden kann, spart man die Zeit für die Entwicklung und Prüfung von Designs auf einer neuen Plattform.

Mittlerweile hat Kontron die ersten kommerziellen Projekte auf Basis von Raspberry Pi abgeschlossen und kann eine erste Bilanz ziehen. Nicht unerwartet, aber oftmals entgegen den Hoffnungen steht die Erfahrung, dass der günstige Ausgangspreis für die Plattform nicht den Preis für ein serienreifes Produkt im industriellen Einsatz widerspiegelt. Es zeigt sich, dass auch für Prototypen auf Basis von Raspberry Pi Beratung bei der Umsetzung in ein serienreifes Industrieprodukt notwendig ist. Die daraus entstehende Industrieplattform ist in manchen Fällen nicht günstiger als eine standardisierte Embedded-Plattform. Kontron kann sogar auf Einsatzfälle verweisen, bei denen sich nach der Beratungsphase zeigte, dass industrielle Standardprodukte für den Serieneinsatz in Summe günstiger sind.

Der Preis des Minicomputers ist aber nicht das einzige ausschlaggebende Argument: Die einfache Handhabung der Software ist manchmal wichtiger. Durch das weit verbreitete Betriebssystem Raspbian OS auf Basis von Linux lassen sich Software-Pakete leicht nachinstallieren. Das spart Zeit und Geld. Embedded Linux ist deutlich aufwändiger zu installieren und zu administrieren.