Das Touch-Display ist der Computer Tablet-PC: Hype oder Hoffnungsträger?

Obwohl Apple und Hewlett-Packard technologisch unterschiedliche Ansätze verfolgen, sind sie sich doch einig darüber, dass eine neue Rechnerklasse etablierbar ist: der preisgünstige Tablet-PC. HP nennt sein Gerät »Slate« und Apple seines »iPad«.

Behalten die Schwergewichte Recht, hat das einigen Einfluss auf die Elektronikwelt. »Wir sehen eine Marktlücke für Geräte, die größer als ein Smartphone und kleiner als ein Netbook sind«, erklärt Phil McKinney, CTO von Hewlett-Packards Personal Systems Group. »Im Bereich von 4 bis 10 Zoll gab es bislang nur eBook-Reader – die beherrschen allerdings nur Text in Schwarzweiß. Die Kunden wollen aber ein Gerät, das ihren ganzen Medienbedarf abdeckt, wie Video, Audio oder Foto.« Deshalb habe HP den »HP Slate« entwickelt, der als Tablet-PC komplett über den berührungsempfindlichen Bildschirm bedient wird und den Consumer-Markt adressieren soll – das gleiche Konzept verfolgt auch Apple mit seinem »iPad«.

Neu ist dieses Konzept nicht; bereits Anfang der 90er-Jahre gab es DOS-Rechner in einem vergleichbaren Format. Ende der 90er-Jahre stellte National Semiconductor mit seinem Web-Tablet dann die Verbindung zum Internet her. Vor einigen Jahren versuchten »Convertible«, die Brücke zwischen Notebook und Tablet-PC zu schlagen. All diese Konzepte führten allerdings bestenfalls ein Nischendasein. »Wir hätten den Slate schon vor zwei Jahren bauen können «, räumt McKinney ein, »aber er wäre mit 1.500 Dollar viel zu teuer gewesen. Wir wollen jetzt ein Mainstream-Produkt zu einem Mainstream-Preis anbieten.« Wie hoch der für HPs Lösung ist, bleibt noch offen, Apples Gegenstück beginnt mit 499 Dollar. McKinney ist sich sicher, dass dieses Jahr der Durchbruch für die Tablet-PCs kommt: »2010 ist das optimale Jahr für Slate-Plattformen – die Technologie konvergiert geradezu dafür. Es gibt jetzt kostengünstige Low-Power-Prozessoren, Multitouch-Technologie und die passenden Betriebssysteme – und das ganze zum richtigen Preis.«

An einen Erfolg der neuen Geräteklasse glauben auch Analysten. So geht beispielsweise Ben Reitzes von Barclays Capital davon aus, dass alleine Apple dieses Jahr 4,9 Mio. Geräte ausliefert und nächstes Jahr auf 8,7 Mio. Einheiten kommt. Der Durchbruch der Tablet-PCs wird sich damit auf einige Bereiche der Elektronik auswirken: Zum einen wird »Jagd« auf bestehende Geräteklassen wie eBook-Reader gemacht und damit der Hauptabsatzmarkt für ePaper-Displays ausgedünnt. Zum anderen verschärfen die neuen Geräte die angespannte Liefersituation der Bauteile. »Wir hatten bereits für die zweite Jahreshälfte eine Knappheit bei NAND-Flash prognostiziert – und das war bevor Apple sein iPad ankündigte«, erklärt Joseph Unsworth, Research Director von Gartner. Zwar erwartet er für das iPad einen Anteil von nur 2 bis 4 Prozent am diesjährigen NAND-Flash-Bedarf, aber »es wird interessant sein, den Apple-Effekt auf den Mitbewerb und deren Flash-Verbrauch zu beobachten.«

Den Apple-Effekt hat auch Robert Herth, Prokurist und Sales & Marketing Direktor der IT Group von MSC, beobachtet: »Apple hat bezüglich Flash-Bedarf einen hohen Stellenwert und wenn Apple ‘hustet’, kann das schon mal den Preis bewegen – nach oben wie nach unten. Das iPad könnte der Solid State Disk (SSD) endlich zum Massenmarkt verhelfen. Um aber den weltweiten Markt für SSD zu öffnen, müssen die Preise für Flash auf mittlere Sicht fallen bzw. die Kapazitäten pro Chip sich verdoppeln – zum gleichen Preis. Die Hersteller haben erfolgreich den nächsten Shrink-Prozess bewältigt – von 45 nm auf 32 nm –, was für alle einen größeren Preisspielraum zulässt. Jetzt ist jeder gespannt, wohin die Reise geht.«

Der Erfolg der Tablet-PCs hängt nicht alleine von Apple ab – auch wenn das Unternehmen die größte mediale Aufmerksamkeit erhalten hat. HP beweist, dass auch die klassische PC-Industrie bereit ist. Zudem hat Intel mit »Atom« der PC-Branche eine interessante Prozessorserie zur Verfügung gestellt – Apple nutzt allerdings für das iPad eine Eigenentwicklung auf ARM-Basis, um kompatibel zum iPhone und dessen umfangreichen Software- bzw. App-Bestand zu sein. Beide Ansätze können damit neue Käuferschichten mobilisieren: Die einen kennen PCs und wollen etwas Praktischeres, die anderen kennen Smartphones und wollen etwas Leistungsstärkeres. Zusätzlich haben beide Ansätze das Potenzial, Kunden anzusprechen, die weder dem einen noch dem anderen Lager angehören, also gänzlich neue Käufergruppen für die Branche zu erschließen.