Markt&Technik-Forum Teil 1: Neue Vertretung für Embedded-Firmen gefordert Plattform für Plattformmacher

Die deutschen Embedded-Anbieter sind mit Standardisierungsorganisationen wie VITA und PICMG nicht mehr zufrieden: Der Wunsch wird laut nach einem neuen Embedded-Gremium, das schnell und flexibel auf die Marktveränderungen reagieren kann und so Standards hervor bringt, die allen nutzen.

Es ist unstrittig das die VITA (VMEbus International Trade Association) und PICMG (PCI Industrial Computer Manufacturers Group) die Embedded-Branche durch Standards wie VMEbus, CompactPCI oder Slot-CPU-Karten (PICMG 1.x) deutlich voran gebracht hat. Sehr viele Embedded-Anbieter weltweit sind Mitglied in mindestens einer dieser Organisationen.

Die Veränderung die seit 1984 (Formierung der VITA) und 1994 (Gründung PICMG), die weltweite Embedded-Branche geformt haben, sind nicht nur sehr zahlreich und komplex, sondern teilweise auch sehr gravierend. »Als ich 1991 mit Jump begonnen hab, da waren alle Embedded-Hersteller aus Amerika - rund 20 Firmen. PC/104 war ein amerikanisches Produkt«, berichtet Hans Mühlbauer, Aufsichtsrat von congatec. »Wenn ich heute schaue, dann sind die alle verschwunden. Zwischendurch war Asien recht aktiv, die scheinen sich aber auch gewandelt zu haben. Wir sind heute in einer Welt, in der europäische Hersteller dominieren - zumindest in unserem Marktsegment der Computer-on-Modules. Wir als Congatec haben letztes Jahr nicht einen einzigen Auftrag an die Asiaten verloren.«


Diesem geografischen Wandel sind die beiden Standardisierungsgremien allerdings nicht gefolgt und verharren weiterhin in den USA, was von den aktiven Europäern nicht sonderlich geschätzt wird. »Das hat auch ein Stück weit mit Selbstbewusstsein zu tun, da wir europäischen Firmen führende Technologien entwickeln und sie auch weltweit erfolgreich einführen«, erläutert Wolfgang Eisenbarth, Director of Marketing Embedded Computer Technologie der MSC Vertriebs GmbH. »Wir wollen unser Licht nicht unter den Scheffel eines amerikanischen Bürokraten stellen.«

Der geäußerte Unmut entstand nicht von heute auf morgen, sondern entwickelte sich über Jahre hinweg. Für die europäischen Hersteller und besonders für die deutschen wurden die Erfahrungen mit der Standardisierung der Computer-on-Module-Technologien (CoM) zum Stein des Anstoßes. Nachdem ETX das CoM-Konzept sehr erfolgreich in den Markt eingeführt hat, sollte COM Express als Nachfolger durch die PICMG standardisiert werden und so eine breite Basis bekommen. Der Prozess zog sich über Jahre hin und frustrierte etliche Beteiligte, da zu offensichtlich einzelne Unternehmen ihre Interessen warten: Steckverbinderhersteller wollten ihrem eigenen Stecker den Zuschlag sichern und Halbleiterhersteller den Weg für andere Anbieter verbauen. Mit EAPI, einer einheitlichen Middleware für einen vereinfachten Hardwarezugriff, mussten die Europäer weitere Hürden überwinden. »Das war ein großer Kampf, weil die PICMG sich nicht für Software zuständig fühlte - da gab es Gegenwehr ohne Ende«, erinnert sich Mühlbauer. »Warum wurde die PICMG gegründet? Weil die VITA unfähig oder ungeeignet war neue Dinge aufzunehmen. Die PICMG hat sich aber mittlerweile zu einer Organisation entwickelt, die viel zu viel Overhead hat, zu viele Stolpersteine und Zeitverzug. Für das junge, dynamische Umfeld in dem wir aktiv sind, bietet sie einfach nicht mehr das, was man braucht, um Standards schnell und fachgerecht in den Markt einzuführen.« Die Zweifel ereichten damit einen neuen Höchststand.

Als eine erste Reaktion auf die lahm mahlenden Standardisierungsmühlen kann der CoM-Standard »Qseven« gewertet werden. Hier haben sich interessierte Board-Hersteller schnell geeinigt und konnten mittlerweile auch schon eine Anpassung an das sich ändernde Marktumfeld umsetzen und die ARM-Architektur parallel zu x86 etablieren.

Die Forderung nach Flexibilität und Geschwindigkeit ist zentral für die Gesprächsrunde. »Wir entwickeln in Europa führende Technologie und können sie weltweit erfolgreich etablieren. Unsere Kraft für die Zukunft ist nicht auf der Produktionsseite zu finden, sondern im Engineering, in der Innovation neuer Produkte«, betont Eisenbarth. »Die Zyklen, in denen was Neues benötigt wird, werden sich in Zukunft verkürzen, weil der Markt sehr dynamisch ist.« Als Beispiel führt Eisenbarth die Einführung der ersten Atom-Technologien vor rund zwei Jahren an. »Jeder hat was anderes auf den Tisch gelegt und sich darüber gefreut. Damit kam aber Verunsicherung in den Markt - der Kunde wusste nicht was er am besten nimmt, mit wem er eine Partnerschaft eingeht. Wenn wir uns bei der nächsten Technologiestufe schon im Vorfeld einigen könnten und so demonstrieren wo es lang geht, dann würde sich so der langwierige Markteinführungsprozess verkürzen - was wiederum ein Vorteil für alle ist.«

»Time-to-Market das ist das Hauptanliegen, das die Kunden an uns herantragen«, bestätigt Norbert Hauser, Executive Vice President Marketing von Kontron. »Wenn die PICMG bremst, dann ist das für keinen ein Nutzen - weder für den Hersteller noch den Kunden.«