Kommentar Google als Datenschützer?

Ingo Kuss, Chefredakteur Markt&Technik

Mit neuen technischen Maßnahmen will Google den Datenschutz verbessern. So sollen etwa Nutzerdaten automatisch im 3-Monats-Rhythmus löschbar sein. Doch wie viel Eigennutz steckt hinter diesem Strategiewechsel?

»Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder weniger, worüber du nachdenkst.« So unverblümt brachte 2010 der damalige Google-Chef Eric Schmidt in einem Interview das Geschäftsmodell des Suchmaschinen-Giganten auf den Punkt. Auf Basis dieses umfassenden Wissens hat Google bis heute unglaublich viel Geld durch personalisierte Werbung verdient. Doch trotz des wirtschaftlichen Erfolgs hat nun offenbar ein Umdenken eingesetzt – wenn auch nicht unbedingt freiwillig.

Bei Googles Entwicklerkonferenz I/O Anfang Mai 2019 im kalifornischen Mountain View drehte sich jedenfalls fast alles um das Thema Datenschutz: Nutzerdaten sollen automatisch im 3-Monats-Rhythmus löschbar sein, für den Kartendienst Maps ist ein Incognito-Modus geplant und die Spracherkennung soll zukünftig direkt auf dem Smartphone und nicht mehr in der Cloud erfolgen.

Gerade der letzte Punkt ist zugleich auch eine Demonstration der enormen Fortschritte beim Einsatz von künstlicher Intelligenz (Deep Learning). Laut dem aktuellen Google-Chef Sundar Pichai ist es den Entwicklern gelungen, das ursprünglich 100 GB umfassende Modell zur Spracherkennung auf etwa ein halbes Gigabyte zu reduzieren und damit auf dem Smartphone selbst verfügbar zu machen. Für den Anwender bedeutet das nicht nur einen besseren Schutz von persönlichen Daten, sondern zugleich eine deutlich verkürzte Reaktionszeit bei sprachbasierten Services.

Aber auch Google selbst profitiert von den neuen Datenschutzmaßnahmen. So sinken bei lokaler Spracherkennung die Anforderungen an die Rechen- und Speicherkapazitäten, die bislang in der Cloud bereitgestellt werden mussten, und damit auch die Kosten. Darüber hinaus setzen neue Gesetze und Regularien den Konzern unter Druck. Frankreich etwa hat auf Basis der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) bereits ein Bußgeld von 50 Millionen Euro verhängt. Und selbst in der Heimat droht Google Ungemach: Kalifornien plant für nächstes Jahr ein Gesetz, das die Datensammelwut der Tech-Giganten erheblich beschneiden soll.

Wenn also Pichai wie in Mountain View vollmundig verkündet: »Wir glauben stark daran, dass Privatsphäre und Datensicherheit für alle und nicht nur für wenige da sind«, dann geschieht das auf jeden Fall der (regulatorischen) Not gehorchend – ob auch dem eigenen Trieb, weiß nur er selbst. Eine Äußerung wie die von Schmidt vor knapp zehn Jahren kann sich Google heute jedenfalls nicht mehr erlauben.