Eine neue Technologiebasis etabliert sich ARM und Android erobern die Embedded-Branche

War die standardisierte Board- und Modul-Landschaft bisher stark auf Windows und Intel ausgelegt, drängen nun zwei neue Spieler auf den Markt, deren höchst erfolgreiche Hausmacht die Consumer-Elektronik ist.

Es gab ein großes mediales Echo als Microsoft ankündigte, mit seinem künftigen Betriebssystem »Windows 8« neben der x86- auch die ARM-Architektur unterstützen zu wollen. Der anfänglichen Überraschung folgte Ernüchterung und eine abwartende Haltung in der Embedded-Branche. »Diese Ankündigung war nur die Folge einer Veränderung die schon lange vorher stattgefunden hat - Microsoft hat nur auf den Druck des Marktes reagiert«, erklärt Hans Mühlbauer, Aufsichtsrat von congatec. »Im Jahr 2010 wurden 6 Mrd. ARMs gefertigt - dagegen ist Intel ein kleines Licht. Wenn man den Umsatz nimmt, ist der ARM-Markt wohl 20 mal größer als Intel - 195 Firmen machen Umsatz mit ARM-Chips. ARM ist eine Macht im Markt mit jährlichen Wachstumsraten zwischen 30 und 50 Prozent. Wer nicht auf ARM blickt, blickt an der Realität vorbei. Deswegen hat Microsoft darauf reagiert, da es unbedingt notwendig war«.

»Ich sehe das genauso, man ist einfach gezwungen eine Scheibe davon abzuschneiden«, bestätigt Bernd Scheuffele, Geschäftsleitung von TQ-Components. »Wie Windows 8 für ARM von unseren Kunden angenommen wird, bleibt abzuwarten - dort schätzt man Vorteile, die andere Betriebssysteme bieten.« Microsoft muss deshalb seine Hausaufgaben gut machen, ist sich Philipp Blumenschein, COO von E.E.P.D. sicher: »Wenn Windows 8 ein Rohrkrepierer ist, der nicht richtig kompatibel ist, dann wird es keine großen Auswirkungen haben. Im Idealfall kann man aber zwischen den Architekturen hin und her springen und für den Anwender von Windows 8 ändert sich nichts. In diesem Idealfall wird der Einfluss ein ganz gewaltiger sein - da kann Intel sich dann warm anziehen.«
Der Erfolg steht und fällt für Mühlbauer mit der Anzahl der Applikationen die mit Windows für ARM laufen: »Wenn ich hingegen Android nehme, habe ich Zugriff auf 74.000 Applikationen - und alles andere was unter Linux läuft, denn Android ist nicht anderes als Linux. Die Betriebssysteme, die heute auf den Milliarden ARMs laufen, sind kein Windows.«

Dem Vorwurf, dass Android für Smartphones und Tablets und nicht für klassische Embedded-Anwendungen konzipiert ist entgegnet Mühlbauer: »Anfang der 90er Jahre wurde die PC-Technik als Spielzeugtechnologie abgetan, die nicht geeignet für die industriellen Märkte sei. Sie hat sich aber in unseren Markt gedrängt, weil sie im Consumer-Bereich in Riesenstückzahlen gefertigt wurde und so einen De-facto-Standard geschaffen hat. Und wenn ich mich heute in den Consumer-Märkten umschaue, dann stelle ich fest, dass Smartphones und Tablets - alle basierend auf Android - demnächst mehr gefertigt werden, als alle PCs miteinander. Und dieser Consumer-Trend wird uns beeinflussen und uns einholen.«

Erste Anzeichen dieser Entwicklung konnte Markus Bullinger, Operative Geschäftsleitung Distribution der Fortec Elektronik, bereits beobachten: »Es geht uns doch allen so, dass der Kunde irgendwann im Gespräch - wenn es um ein Display im System geht - das iPhone als Vorbild angibt. Und da sind wir wieder bei der Software, denn dem Kunden ist es mittlerweile fast egal, was es für eine Hardware ist. Es muss das gewohnte User-Interface haben. Das war als Windows im Industriebereich aufkam genauso. Es wurde erst dann der große Erfolg, als die erste Generation, die an Windows gewohnt war, mit der Uni fertig war und es auf den Geräten sehen wollte. Heute ist das große Thema Touch und Gesten.«

Damit spielen die Betriebssysteme eine geringere Rolle als bisher, da sie nur ein Vehikel sind, um eine Applikation laufen zu lassen. »Deshalb glaube ich, dass Android eine wesentlich schnellere und bessere Chance hat«, betont Mühlbauer. »Es gibt schon eine breite Masse an Anwendungen, der Kunde muss also nicht neu entwickeln - er kann den Viewer, den Video-Player schnell dazu klicken. Das sehe ich heute nur bei Android - Apple ist ja gekapselt, das gibt nicht auf dem freien Markt. Damit ist Android der einzige Spieler auf dem Markt, der das bietet. Microsoft will zwar das Betriebssystem liefern, hat aber nicht die Anwendungen dafür.«

Wie kommt die ARM-Hardware mit Android an den Kunden - als applikationsspezifisches Modul oder Standard-basiert? »Man muss im ARM-Bereich differenzieren, denn es gibt die Applikationsprozessoren sowie die Bausteine bei denen die Rechenleistung im Fokus ist«, erläutert Scheuffele, »die kommen jetzt verstärkt. Es sind Multicore-Prozessoren, die nicht mehr so viele Peripheriefunktionen integriert haben, sondern auf Rechenleistung ausgelegt sind. Da könnte ich mir eine Standardisierung gut vorstellen, also einen gemeinsamen Nenner zu finden, was das Pin-out des Moduls angeht, weil es nicht so viele Unterschiede gibt zwischen den CPUs. Bei den sehr applikationsspezifischen Bausteinen müsste man hingegen einen Kompromiss eingehen, der die expliziten Vorteile wieder einebnen würde.«