Größter Schreitroboter der Welt Zollners Drache brüllt wieder

Der Drache in Aktion ...

Noch bis zum 18. August ist der weltgrößte Schreitroboter - ein Meisterwerk der Ingenieurskunst - im Einsatz beim Drachenstich in Furth im Wald.

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Wie der High-Tech-Drache entstand

Ein High-Tech-Monster vom EMS

Seit 2010 ist der Drache namens Tradinno beim Further Drachenstich als Protagonist im Einsatz. Seit 2019 steht das 500 Jahre alte Volksstück im bundesweiten Verzeichnis für immaterielles Kulturerbe der UNESCO .

Die Technik des Drachen

Im Februar 2007 startete unter der Leitung des EMS-Dienstleisters Zollner Elektronikdas Hauptprojekt 'Tradinno' – ein Wortspiel der Begriffe Tradition und Innovation - mit der Konzeptverifizierung. Aus der Norm für funktionale Sicherheit elektronischer Systeme DIN EN 61508, die den gesamten Entwicklungsprozess bis hin zur Abnahme begleitete, ergaben sich Funktionen mit einer Einstufung bis SIL3 (Sicherheit-Integritäts-Level).

Beteiligt waren mehr als 20 Firmen und Institutionen, die das High-Tech-Monster realisieret haben: Hollywoods Effekt-Spezialisten von Magicon waren ebenso dabei wie führende Mechatronik- und Metallbaufirmen bis hin zu Audi und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik. Die Fantasie von Designer Sikander Goldau schließlich gab dem Drachen sein Aussehen. Der Bau des Drachens wurde außerdem gefördert durch Mittel der Europäischen Union.

Der Drache ist als Schreitroboter konstruiert und insgesamt 15,50 Meter lang, 3,80 Meter breit, 4,50 Meter hoch, hat eine Flügelspannweite von 12 Metern und ein Gewicht von 11 Tonnen.

Angetrieben wird das HighTech-Monster von einem 2,0 l Turbodiesel mit 140 PS - einer mechanischen Leistung von 80 kW und elektrischer Leistung von 10 kW, der alle menschlichen Darsteller in den Schatten stellt. Zwei Hydraulikkreisläufe, 220 bar Hoch- und 80 bar Niederdruck, 272 Hydraulikventile, 65 animierte Achsen und 238 Sensoren verbunden durch 300 Meter Hydraulikleitungen, 1.300 Meter elektrische Leitungen sowie 110 Meter Pneumatikleitungen verdeutlichen in Summe den Umfang des komplexen mechatronischen Systems. Um dem Schreitroboter einen zügigen Transport von A nach B zu ermöglichen, wurde auch ein eigenständiges Transportfahrzeug von Zollner entwickelt.

Am Anfang des umfangreichen Projekts standen detaillierte Berechnungen und Simulationen. Mehrkörpersimulationen mit Hilfe von SIMPACK bildeten die vielfältigen dynamischen Bewegungsvorgänge ab. Lebensdauer-, Dauerfestigkeits- und Temperatursimulationen sowie umfangreiche Toleranzanalysen unterstützten die Entwickler im Vorfeld in ihren Berechnungen.

Das 15-köpfige Entwicklungsteam, bestehend aus Experten der Fachbereiche Mechanik, Elektronik und Softwareentwicklung, arbeitete parallel an der Mechanik Konstruktion mit der Auslegung der Tragstrukturen, am Antrieb und den erforderlichen Antriebsleistungen sowie den zugehörigen Steuergeräten.

Zu den elektronischen Highlights des Tradinno zählen die Eigenentwicklung der Hard- und Software von neun modular aufgebauten Steuergeräten.

Der volkskundliche Hintergrund

Den historischen Hintrgrund des Drachenstichs beschreibt die UNESCO folgendermaßen: Der Drachenstich steht repräsentativ für einen einst in ganz Europa verbreiteten kulturellen Brauch. Ursprünglich war das „Drachenstechen“ Bestandteil des Fronleichnamszugs: Ein als St. Georg gekleideter Reiter kämpft gegen einen Drachen – eine zeitlose Parabel auf den Kampf des Guten gegen das Böse. In Furth im Wald ist der Brauch ab 1590 urkundlich nachweisbar. Der rationale Geist im Zeitalter der Aufklärung lässt diesen Brauch als unzeitgemäßes Spektakel erscheinen, und so stirbt er fast überall aus, nicht aber in Furth im Wald. Als allerdings 1878 dem Ortsgeistlichen das Spektakel um den Drachen die Andacht der Fronleichnamsprozession allzu sehr beeinträchtigt, erwirkt er doch ein Verbot. Ein Sturm der Empörung erhebt sich in der Bevölkerung, der Drachenstich wird trotzig aufgeführt. Schließlich einigt man sich auf die völlige Loslösung des alten Brauchs aus dem kirchlichen Kontext. Der Drachenstich wird als Festspiel neu geboren.