Kommentar Wo bleibt die »Standard-Schnittstelle«?

Karin Zühlke, Redakteurin Markt & Technik
Karin Zühlke, Redakteurin Markt & Technik

Es ist nach wie vor ein Ärger-Thema für die SMT-Industrie: die immer noch proprietäeren Maschinenschnittstellen. Spätestens dann, wenn der Fertiger eine Traceabilty-Software einsetzen möchte, beispielsweise ein MES-System (MES: Manufacturing Execution System), wird er mit der Tatsache konfrontiert, dass er im schlechtesten Fall für jede Maschine seiner Fertigungslinie eine eigene Schnittstelle in Auftrag geben muss.

Der Kostenaufwand dafür beläuft sich schnell auf mehrere hunderttausend Euro, für einen kleinen Fertiger ist das unerschwinglich. Und dabei hat ein Fertigungsbetrieb kaum eine Wahl: Will er für Branchen wie die Automobilindustrie oder sicherheitskritische Bereiche der Luft- und Raumfahrt produzieren, kommt er um ein MES-System gar nicht mehr herum. Der reibungslose Datenaustausch zwischen ERP-System und der Fertigungsebene ist dabei keine Option, sondern ein »Muss«.

Zwar hat der ZVEI in seinem Leitfaden »Traceability«, der auf der letzten productronica vorgestellt wurde, einen Vorschlag für eine Standard-Schnittstelle inkludiert, aber de facto hat seitdem kein Bestückungsmaschinenhersteller diese Schnittstelle adaptiert. Kritiker beklagen, dass diese Schnittstelle technisch nicht dem neuesten Stand entspräche und schon alleine deshalb die SMT-Anlagenbauer davon Abstand genommen haben, diese Schnittstelle zu implementieren. Das mag vielleicht einer der Gründe sein. Vielmehr sehen aber die Anlagenhersteller nach wie vor einfach keine Veranlassung und Notwendigkeit, ihre Schnittstellen zu vereinheitlichen, wohl auch aus Wettbewerbsgründen. Ist der (Leidens-) Druck der Kunden noch nicht groß genug? Offensichtlich nicht. Doch selbst wenn sich die Maschinenhersteller auch künftig nicht auf einen Standard verständigen wollen, sollten sie zumindest überdenken, ob die teils horrenden Kosten für eine proprietäre Schnittstelle gerechtfertigt sind. ERP-Systeme verwenden übrigens auch zum großen Teil proprietäre Schnittstellen – der Kostenaufwand ist aber hier deutlich geringer. Daher rate ich Ihnen: Wenn Sie eine Maschine kaufen, konfrontieren Sie Ihren Hersteller mit diesem Thema - steter Tropfen höhlt den Stein!