Digitalisierung in der SMT-Branche »Wir stehen erst am Anfang«

Gabriela Reckewerth, ASM Marketing
»Das Thema Digitalisierung und Smart Integrated Factory wird uns und unsere Branche noch über Jahre beschäftigen – wir stehen hier erst am Anfang.«
Gabriela Reckewerth, ASM Marketing »Das Thema Digitalisierung und Smart Integrated Factory wird uns und unsere Branche noch über Jahre beschäftigen – wir stehen hier erst am Anfang.«

Die Digitalisierung bietet enorme Chancen für Unternehmen in der Elektronikfertigung. Aber was ist heute an smarten Prozessen und intelligenter Vernetzung tatsächlich möglich? Ein Stimmungsbild der SMT-Branche.

Die Digitalisierung von Produktionsprozessen steht für viele Unternehmen auf der Prioritätenliste weit oben. Dass es bis dahin aber noch ein langer Weg ist, sieht Gabriela Reckewerth, Leiterin Global ASM Marketing. »Das Thema Digitalisierung und Smart Integrated Factory wird uns und unsere Branche noch über Jahre beschäftigen – wir stehen hier erst am Anfang.« Denn ihr zufolge müsse man unterscheiden zwischen der integrierten Digitalisierung und der reinen Automatisierung, auf die sich ihrer Meinung nach heute einige Unternehmen noch immer beschränken. »Die Schnittstellen sind entwickelt, aber unsere Branche hat großen Nachholbedarf bei der Modernisierung. Hier müssen Fertiger und Ausrüster enger, partnerschaftlicher zusammenarbeiten.«

In modernen Fertigungen geht in Teilbereichen ihrer Ansicht nach schon sehr viel, etwa in Form der hochflexiblen Fertigung kleiner Losgrößen, Planung mit Simulationen, eines transparenten Echtzeit-Monitorings, Cobots und intelligenter Fahrzeuge für die Materiallogistik. »Software und mobile Endgeräte unterstützen heute Smart Operators, die mit Maschinen arbeiten, die selbst aktiv im Netzwerk kommunizieren und so auf anstehende Wartungsarbeiten oder erforderliche Assists hinweisen. Aber es gibt erst wenige Unternehmen, die das auf der ganzen Breite und in allen Workflows nutzen«, so die Expertin. »Am Ende geht es auch in der Smart Factory darum, die zentralen KPIs einer Fertigung zu verbessern, also Kennzahlen für Produktivität, Qualität, Flexibilität oder auch Termintreue und andere. Industrie 4.0 ändert ja nichts daran, dass Elektronikfertiger im Wettbewerb bestehen müssen. Es gilt, immer komplexere Elektronik zu immer niedrigeren Kosten fertigen zu können. Unsere Lösungen ermöglichen das.«

In der Elektronikfertigung ist Industrie 4.0 in Form der Traceability einschließlich der Maschinen-Performance schon lange fester Bestandteil der Produktionsplanung. Und für die Produktionslinien ist eine Auslastung und Verfügbarkeit möglich, »in einer Höhe, die vor wenigen Jahren noch undenkbar war«, so Rainer Krauss, Vertriebsleiter von Ersa. Widrigkeiten sieht er woanders: »Die Herausforderung ist das komplette Monitoring der Fertigungsanlagen mit Live-Daten und den notwendigen Auswertungsalgorithmen. Nur so kann eine höchste Auslastung bei höchstem Ertrag erreicht werden«, erklärt der Experte. »Wir als Maschinenhersteller stellen die entsprechenden sicheren Plattformen, die Auswertungen und daraus resultierende Ableitungen als Service zur Verfügung.« Daraus werde man in der Planung auf virtuellen Fertigungslinien die Produktionsabläufe vorab simulieren und optimieren. »Wir befinden uns mitten in diesem Prozess, um unseren Kunden eine größtmögliche Unterstützung und Services anbieten zu können.«

Im Zuge des 5G-Ausbaus und der dafür benötigten großen Leiterplatten geht der Trend wieder vermehrt in Richtung größerer Bauteile. »Das heißt für Elektronikfertiger, dass einer der Trends ganz sicher in Richtung höchstmögliche Flexibilität – am besten auf einer Produktionslinie – geht«, resümiert Reckewerth. ASM Assembly Systems ist in dieser Hinsicht breit aufgestellt und bietet etwa die Long-Board-Option für Drucker und Bestücker an. Auch Ersa ist nach Angaben von Krauss für die Netzwerktechnik »ganz breit aufgestellt«. Der Lötanlagenhersteller liefert bereits seit Jahren an alle führenden Netzwerkausstatter und deren Zulieferer. »Gerade in der 5G-Technologie haben sich beachtliche Dimen­sionen ergeben. Auf unseren Wellen- oder Selektivlötanlagen lassen sich beispielsweise Server-Boards im Finepitch-Bereich von bis zu 850 mm und Antennen bis zu einer Länge von 3 Metern löten. Eine vollautomatische Selektivlötanlage mit beeindruckenden 3 Metern Verfahrweg bringt selbst uns, bei der Vorabnahme, immer wieder zum Staunen. Beim Reflow-Löten vertrauen unsere Kunden auf die Ersa-Baureihen Hotflow 326 und Hotflow 426, die bis 1200 mm lange Boards verarbeiten.«

Im Bereich Rework bietet Ersa etwa das Hybrid Rework System 600 XL, das Dreiviertel dieser Flachbaugruppen automatisch reparieren kann – bei Boardgrößen von 625 mm×625 mm und Bauteilen mit 120 mm×120 mm Kantenlänge. Der Lötanlagen­hersteller fertigt mehr als 1200 Maschinen im Jahr, wobei 40 Prozent kundenspezifische Anforderungen erfüllen.

Die Stimmung auf dem Fertigungsmarkt war 2019 gedämpft, wie eine Umfrage der Markt&Technik Anfang des Jahres ergab. In einem relativ stabilen Markt mit geringem Wachstum führten lange Lieferzeiten und Unsicherheiten bezüglich Elektromobilität zu Nervosität. Diese Unsicherheiten durchziehen noch immer den Markt: »Der aktuelle Handelsstreit zwischen USA und China, Brexit und die Situation, dass es keine klare Antriebstechnologie gibt, beeinflussen den Markt mit der Entscheidung zu neuen Projekten«, so Michael Hanke, Vertriebsleiter von Rehm Thermal Systems. Eine Herausforderung für das Unternehmen sieht er darin, »die globalen Veränderungen schnell und zielstrebig in die neuen Technologien umzusetzen und auf die sich verändernden Märkte zu reagieren.«

»Die Schere zwischen sehr guter und mittelmäßiger Produktionsauslastung wird – je nach Branche – weiter auseinanderklaffen«, meint dazu Rainer Krauss, Vertriebsleiter von Ersa: »Das hat sich bereits 2019 gezeigt. Um sich im Markt behaupten zu können, ist eine hohe Produktflexibilität mit kurzen Verfügbarkeiten notwendig.« Er prognostiziert: »Nach einer langen und steilen Wachstumskurve erwarte ich für die Branche im nächsten Jahr nur moderates Wachstum, bevor sie 2021 wieder durchstartet.«