Zusammenspiel zwischen Elektronik-Dienstleister und Kunden »Wir optimieren wertschöpfungsübergreifend die Supply Chain«

BMK verbucht seit Jahren ein konstantes 10-prozentiges Wachstum. Aus einem für 2015 eigentlich erwarteten Umsatzrückgang ist erneut eine deutliche Umsatzsteigerung geworden. Ein Gespräch mit Stephan Baur, CEO von BMK, und Prokurist Stephan Kiefersauer.

Markt&Technik: Sie haben das letzte Jahr erneut mit einer deutlichen Umsatzsteigerung abgeschlossen und stehen aktuell bei etwa 180 Millionen Euro Umsatz. Wie lautet ihre Prognose für dieses Jahr?

Stephan Baur: Für dieses Jahr rechnen wir eher mit Stagnation, obwohl der Januar bereits über Plan gelaufen ist.

Warum die Skepsis?
Stephan Baur: Die weltpolitischen Krisen und deren Auswirkungen auf die Wirtschaft sind nicht genau einschätzbar. Aber ich glaube, dass Firmen, die in der Lage sind, eine hochreaktive Supply Chain zu fahren, einen echten Vorteil haben, speziell in politisch unwägbaren Zeiten. Denn eine schnelle reaktionsfähige Supply Chain nimmt Risiken für den Kunden aus dem Geschäft und bringt damit entscheidenden Mehrwert für den Kunden. Wir optimieren sozusagen wertschöpfungsübergreifend die Supply Chain.

Wenn Sie von reaktionsfähiger Supply Chain sprechen, dann meinen Sie auch Geschwindigkeit, nehme ich an. Ist das Business für einen Dienstleister wie BMK schnelllebiger geworden?

Stephan Baur: Ja, auf jeden Fall. Das Geschäft beschleunigt sich. Am besten lässt sich das am Vergleich mit dem Fußballspiel veranschaulichen: Moderner Fußball ist schneller. Es wird schneller gespielt als früher, und es gewinnen die Teams, die schneller spielen können. Übertragen auf unser Geschäft heißt das: Es gewinnt der, der schnell reagiert und eine hochflexible Supply Chain bieten kann. Wir denken mit und kommunizieren dem Kunden im Vorfeld, ob z.B. die Lieferzeiten von Bauteilen sich verlängern oder verkürzen. Diese Flexibilität, die wir als Elektronik-Dienstleister bieten, ist ein Mehrwert, der sich so auch gar nicht in Verträge fassen lässt.
Das Zusammenspiel von Kunde und Lieferant ist übrigens ein wesentlicher Aspekt im Lean-Gedanken. Dabei geht es darum, die Lieferkette des Auftragsfertigers optimal mit der des Kunden zu verknüpfen.

Beim Stichwort „Lieferketten verknüpfen“ liegt im Fall von BMK ein beachtlicher Beitrag auch bei Entwicklungsleistungen – inwiefern sind auch hier die Ansprüche gestiegen?

Stephan Baur: Wir sehen einen Spagat in der Entwicklung zwischen Engineering-Services bis zur Komplettentwicklung. Die Kundenanforderungen sind sehr vielschichtig. Jeder Kunde, den wir in der Entwicklung gewinnen, hat eine neue Anforderung.
Stefan Kiefersauer: Wir merken zudem sehr stark, dass die Kunden immer anspruchsvoller werden und dass die Technologien immer anspruchsvoller werden. Zum Beispiel werden Aspekte wie die funktionale Sicherheit branchenübergreifend ein Thema. Wir haben uns hier sehr intensiv eingearbeitet und ein breites Wissen aufgebaut.

Funktionale Sicherheit ist ein Thema für das Produkt selbst, aber auch ein Thema für die Entwicklung . Wo liegen hier die Besonderheiten in der Entwicklung?
 

Stefan Kiefersauer: Den Ablauf funktional sicher zu entwickeln, beinhaltet ein sauberes Requirement Engineering. Das heißt, jedes Requirement muss eineindeutig sein und hat einen Test Case hinterlegt. Wenn sich ein Requirement ändert, benötigt das wieder ein neues Test Case. Um eine Reproduzierbarkeit zu gewährleisten, muss man das Entwicklungsergebnis automatisiert testen.

Welche Entwicklungsleistungen bietet BMK an – auch Applikations-Software?

Stefan Kiefersauer: Das ist kundenabhängig. Wir entwickeln neben Hardware-Designs auch die Applikationssoftware für den Kunden. Das Verhältnis zwischen Hard- und Software-Entwicklung ist bei uns etwa 60:40. In der Hard- und Softwareentwicklung arbeiten insgesamt 15 Entwickler. Für die Prüfgeräteentwicklung haben wir außerdem 25 weitere Entwickler an Board und darüber hinaus vier PCB-Layouter. Unsere Kernkompetenzen sehen wir im Embedded-Bereich, der Antriebstechnik, der digitalen und analogen Ausgabe und in den Kommunikationsschnittstellen. Darüber hinaus können wir auch auf Partnernetzwerke zurückgreifen, wenn es die Aufgabe erfordert.  

Inwieweit werden die Entwicklungsleistungen heute vermehrt nachgefragt?

Stefan Kiefersauer: Der Trend geht dahin, dass neben Engineering-Services Leistungen wie z.B. Layout und Prüfgeräteentwicklung auch immer mehr Produktlösungen inklusive Mechanik entwickelt werden sollen.

Woran liegt das?

Stefan Kiefersauer: Auch auf Kundenseite werden die Entwicklungsressourcen immer knapper – von uns als externem Dienstleister werden schnelle Ergebnisse erwartet. Die Kunden schätzen natürlich, dass wir das Design for Excellence mit DfM, DfT und DfC von vorne herein berücksichtigen. Mit vielen unserer Kunden diskutieren wir weinger über die Höhe des Entwicklungsangebotes, sondern mehr über die zu erwartenden Produktkosten.

Sind die Kunden also doch bereit, die Entwicklungsleistung zu honorieren?

Stephan Baur: Das kommt darauf an. Bei einer kompletten Entwicklung ist das kein Thema, hier zählt, was das Produkt in Serie kostet. Diese Kunden sehen die Gesamtkosten. Schwieriger wird es, wenn die Kunden sich einzelne Leistungen herauspicken, dann stehen die Entwicklungskosten bzw. Engineeringskosten eher im Vordergrund.

Das IoT ist allerorten eines der treibenden Themen aktuell. Ist das IoT für Sie auch ein Markttreiber?

Stefan Kiefersauer: Wir merken schon, dass es mehr Anfragen in Richtung Web-Interface etc. gibt, so ziemlich jedes Produkt hat eine Kommunikationsschnittstelle und ist IoT-fähig.

Stephan Baur: So genau lässt sich das gar nicht sagen. Grundsätzlich gilt: Wir wollen das, was wir entwickeln, natürlich auch fertigen. Prüfgeräte entwickeln wir für Produkte, die wir dann auch selber fertigen.

Ist Entwicklung für den EMS heute Obligo?

Stephan Baur: Die Entwicklung und Prüfgeräteentwicklung ist zumindest ein starker Türöffner. Die Kunden wollen sehen, dass der EMS Kompetenz in beiden Feldern hat. Wir haben aus diesem Grund für die Entwicklung neue Strukturen geschaffen, um die Wichtigkeit dieser Dienstleistung zu untermauern. Seit Jahresanfang leitet René Schmidt als Geschäftsführer unsere Entwicklungsgesellschaft BMK electronic solutions GmbH. Als Prokurist ist Stefan Kiefersauer für das Engineering zuständig. Die Ausgründung der BMK solutions erfolgte bereits 2007 und wurde sukzessive eigenständiger. Auch räumlich haben wir dem Wachstum Rechnung getragen.

Vergrößert hat BMK im letzten Jahr auch seinen Fertigungs-Footprint mit einem neuen Standort in Tschechien, der BMK Czech in Teplice. Was hat es damit auf sich?

Stephan Baur: Unsere BMK Czech Technologies wurde im Januar 2015 gegründet. Bereits ein halbes Jahr später konnte das tschechische Kernteam seine Arbeit aufnehmen. Auf 2500 qm werden dort elektronische Baugruppen produziert. Damit sichern wir unsere internationale Ausrichtung. In den nächsten fünf Jahren möchten wir dort rund 4 Mio. € investieren und rund 150 neue Arbeitsplätze schaffen.