Trotz Corona-Krise auf Erfolgskurs »Wir haben ehrgeizige Wachstumsziele«

Thomas Kaiser, GPV: »Disruptive Märkte bedeuten nicht unbedingt, dass auch der EMS-Markt in ein disruptives Szenario gerät. Es ist nicht die Marktveränderung, die im Hinblick auf EMS eine Herausforderung darstellt, da Hard- und Software die Elemente sind, die diesen Wandel unterstützen, und jemand muss diese entwickeln und herstellen, und das ist die EMS-Industrie.« Bo Lybaek (links im Bild), GPV: »Wir arbeiten zu 100 Prozent im High-Mix-Low-Volume-Sektor und wir haben eine fantastische Kundenbasis, darunter sehr viele Hidden Champions. Auch wenn wir weiter größer werden wollen, ist unser Ziel, die starke Kundennähe zu bewahren.«

Mit 13 Fabriken in 9 Ländern gehört GPV zu den EMS-Schwergewichten in Europa mit weltweitem Footprint. Trotz Corona-Krise lässt sich keineswegs von seinen ambitionierten Wachstumszielen abbringen. Dazu CEO Bo Lybaek und Thomas Kaiser, Executive Vice President DACH.

Markt&Technik: Zwei Drittel des Jahres sind (fast) um: Wie sehen Sie 2020 bisher rückblickend?

Bo Lybaek: Wir wussten vom Beginn des Jahres an, dass 2020 anders sein würde als die letzten Jahre. Die Weltwirtschaft wuchs bereits seit mehreren Jahren, und es gab mehrere Anzeichen dafür, dass eine Trendwende bevorstehen würde. Die ist bekanntlich eingetroffen, aber aus Gründen, deren Tragweite uns, wie allen anderen, Anfang Januar 2020 noch nicht bewusst war. Nach dem Ende des zweiten Quartals wissen wir nun sehr viel mehr über das Ausmaß der Corona-Krise. Bis jetzt haben wir die erste Phase der Krise gut überstanden. Wir haben ein wenig an Umsatz verloren, aber dank eines guten Kostenmanagements sind wir optimistisch und unser Cashflow ist recht solide.

GPV ist an 13 Standorten weltweit vertreten. Wie hat sich die Corona-Krise auf Ihre Fabriken ausgewirkt?

Lybaek: GPV betreibt derzeit insgesamt dreizehn Fertigungen in Dänemark, der Schweiz, China, Thailand, Sri Lanka, der Slowakei, Österreich, Deutschland und Mexiko. An allen Standorten wurden umfassende Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die den europäischen Standards entsprechen und beispielsweise die Einhaltung der Zwei-Meter-Regel für den physischen Abstand ermöglichen. Die Fabrik in China wurde aufgrund eines Coronavirus während eines Großteils des Februars und Anfang März geschlossen. Der Standort in Sri Lanka wurde im März und bis in den April hinein für drei Wochen geschlossen. Aber inzwischen stehen alle Zeichen wieder auf „grün“.

Wie behalten Sie bei 13 Fertigungsstandorten den Überblick in Sachen Corona – gibt es ein spezielles Monitoring-System, das auch die Kunden up-to-date hält?

Lybaek: Wir haben die Situation sehr genau beobachtet und sichergestellt, dass wir sowohl intern als auch extern detaillierte Informationen zur Verfügung stellen. Wir haben unseren Kunden an allen dreizehn Standorten einen wöchentlichen Status zur Verfügung gestellt.

GPV hat ein gutes erstes Quartal kommuniziert, auch das zweite Quartal scheint ordentlich gelaufen zu sein. Wie würden Sie die aktuelle Situation – Stand: Anfang August – beschreiben?

Lybaek: In Zahlen ausgedrückt: GPV hatte zu Beginn des zweiten Quartals eine akzeptable Visibilität, aber die Situation könnte sich leicht ändern. Es ist noch zu früh, um etwas Konkretes über das dritte und vierte Quartal zu sagen oder eine Prognose für das Gesamtjahr 2020 abzugeben. Stattdessen wurde die bisherige Prognose, die einen Umsatz von 2,8 Milliarden Dänische Kronen und ein EBITDA im Bereich von 210 bis 240 Millionen DKK vorsah, vorerst ausgesetzt.

Interessant wird: Wie wird der Auftragseingang in den nächsten Quartalen? Ich habe leider etwas Bedenken, die USA betreffend. Wir glauben, dass wir ein vernünftiges Verständnis davon haben, wie unser Unternehmen von der Coronavirus-Krise betroffen sein wird, aber es ist noch zu früh, um die Nachfragekrise, die irgendwann folgen wird, zu quantifizieren. Es versteht sich von selbst, dass wir die Situation genau beobachten werden, und wir sind bereit, schnell und effektiv zu reagieren.

Und wie sieht es nach Marktsegmenten betrachtet aus?

Thomas Kaiser: GPV profitiert von den Vorteilen, die es als Zulieferer für viele verschiedene Branchen hat. Im Grundsatz läuft das Geschäft bislang sehr stabil, auch deshalb, weil wir von der Medizinindustrie stark profitieren können. Das hat einiges kompensiert, was etwa im Transportation-Umfeld verloren ging. Die sinkenden Exportzahlen, insbesondere im Spezialmaschinenmarkt, spüren wir in unseren Auftragsbüchern. Sehr erfreulich läuft, wie gesagt, die Medizinelektronik und auch der Semicon-Bereich. In der klassischen Industrie, dem größten Segment für die Produkte von GPV, ist die Situation recht uneinheitlich, da es einigen Industriekonzernen recht gut geht, während andere stark betroffen sind.

Lybaek: Insgesamt ist es ziemlich schwer vorherzusagen, wie ein Erholungsszenario aussehen wird. Während einer Krise verhalten sich unsere Kunden in etwa wie eine Wundertüte. Einige erfreuen sich hoher Wachstumsraten und kaufen mehr bei uns, während andere kaum etwas kaufen. Hier kommt uns zugute, dass wir unsere Produktion nicht auf einige wenige große Produktgruppen oder Kunden zugeschnitten haben. Stattdessen sind wir agil und können uns schnell anpassen, um Kunden zu bedienen, die aufgrund der Krise ein Wachstum verzeichnen. Die langjährige Erfahrung im High-Mix-Low-Volume-Segment schützt uns auch jetzt vor dramatischen Einbrüchen.

Dass der Semicon-Sektor gut läuft, ist in dieser Zeit sinkender Halbleiter-Umsätze ja eher ungewöhnlich – oder?

Kaiser: Die Nachfrage zu neuen Innovationen im Umfeld der 5G-Technologie ist immens und nimmt Einfluss in zahlreichen Märkten. Die massiv erhöhten Download-Geschwindigkeiten kreieren zahlreiche neue Möglichkeiten für zig Industriezweige, daher rüsten einige Semikon-Equipment-Hersteller nun mächtig auf, um dieser neuen Komponentennachfrage nachzukommen. Hinzu kommt, dass Halbleiter-Herstellprozesse stetig komplexer werden und höchsten Reinheitsanforderungen unterliegen. Einige unserer Kunden haben sich spezialisiert, diese Prozesse mit hochinnovativen Produkten, zum Beispiel im Umfeld von Vakuumventilen, zu beliefern.

Befürchten Sie langfristig gesehen eine Delle in Ihrer Geschäftsentwicklung durch die Corona-Krise?

Lybaek: Für GPV und für unsere Eigentümer, Schouw & Co. – zu dem übrigens auch fünf weitere internationale Unternehmen gehören –, ist die Corona-Krise ein Schlagloch, das uns nicht daran hindert, unsere ehrgeizigen Wachstumsziele längerfristig beizubehalten. Wir investieren weiterhin kontinuierlich, um in Zukunft noch besser zu werden!