Podiumsdiskussion auf der productronica Wie viel Digitalisierung braucht die EMS-Industrie?

Vom kleinen EMS-Unternehmen mit 30 Mitarbeitern über den Mittelstand bis zum globalen EMS-Player mit über 11.000 Beschäftigten
war alles vertreten auf dem Podium (von links): Christian Rückert, Geschäftsführer Binder Elektronik,
Helmut Bechtold, Geschäftsführer Profectus, Dr. Georg Loisel, VP Melecs EWS, Karin Zühlke, Leitende Redakteurin Markt&Technik,
Johann Weber, Vorstandsvorsitzender Zollner Elektronik, Michael Velmeden, Geschäftsführer cms electronics
Vom kleinen EMS-Unternehmen mit 30 Mitarbeitern über den Mittelstand bis zum globalen EMS-Player mit über 11.000 Beschäftigten war alles vertreten auf dem Podium (von links): Christian Rückert, Geschäftsführer Binder Elektronik, Helmut Bechtold, Geschäftsführer Profectus, Dr. Georg Loisel, VP Melecs EWS, Karin Zühlke, Leitende Redakteurin Markt&Technik, Johann Weber, Vorstandsvorsitzender Zollner Elektronik, Michael Velmeden, Geschäftsführer cms electronics

Vor einem interessierten Fachpublikum diskutierten gestern hochkarätige Experten der deutschen EMS-Industrie Fragen um die Digitalisierung oder besser gesagt die digitale Transformation. Die Markt&Technik hatte zu dieser Podiumsdiskussion eingeladen.

Wir haben die Digitalisierung verschlafen!« Eine schönere Vorlage, die keine geringere als die Bundeskanzlerin kürzlich abgegeben hatte, lässt sich für den Einstieg in eine EMS-Runde zur Digitalisierung kaum vorstellen: Schon sind alle Teilnehmer in Diskussionsstimmung. Denn diese Aussage will kein Vertreter eines EMS-Unternehmen auf sich sitzen lassen, schon mal gar nicht Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner: »Es wäre die vorrangige Aufgabe der Bundespolitik, die Infrastruktur zu schaffen, auf deren Basis Digitalisierung überhaupt erst flächendeckend Einzug halten kann.« Denn abgehängt sind derzeit vor allem ländliche Regionen in Deutschland; die Abdeckung von Mobilfunk und Breitbandanschlüssen liegt dort teilweise noch auf dem Niveau von Entwicklungsländern.

Und jetzt zur Digitalisierung – und was sie für die EMS-Industrie bedeutet. Denn mit der Richtlinie zur Traceability war gerade die EMS-Industrie Vorreiter der Digitalisierung und hat dafür gesorgt, dass die Industrie gerade nicht abgehängt wurde, vor allem auf der Ebene der Datensammlung, aber auch der Datenauswertung. Doch selbstverständlich passiert nicht alles über Nacht. »Denn es muss sich auch immer rechnen«, wie Dr. Georg Loisel, VP von Melecs EWS, erklärt. Da ist es fast schon selbstverständlich, dass die digitale Transformation schrittweise eingeführt werden muss, wie Johann Weber sagt. Gegenüber der „Digitalisierung“ benutzt er lieber den Begriff der digitalen Transformation, weil er die Komplexität des Themas besser ausdrücke. Es müssten also einzelne Prozesse dargestellt und nach und nach digitalisiert werden, um neue Märkte für die Kunden zu schaffen und neue Lösungen anbieten zu können. Vor allem aber müsse auch darauf geachtet werden, die Menschen mit einzubinden.

Drei Punkte sind laut Weber wesentlich, damit Daten und Cloud nutzbar gemacht werden können: Erstens muss geklärt sein, wem die Daten gehören, dem EMS, dem OEM, dem ODM oder wem auch immer. Zweitens muss die DSGVO erfüllt sein. Und drittens – das ergibt sich fast schon notwendig aus dem zweiten Punkt –, es muss eine gesicherte Cloud vorhanden sein.

Doch zu welchem Zweck sammeln die EMS-Unternehmen Daten und warum engagieren sie sich für die digitale Transformation? »Die Daten zu sammeln ist die große Herausforderung, und vor allem bei der Auswertung hapert es noch. Dazu muss der jeweilige Nutzer sich aber erst einmal klar gemacht haben, was genau seine Ziel sind und was genau mit den Daten gemacht werden soll«, antwortet Weber.

Vor allem ist wichtig: herauszufinden, welche Daten sinnvollerweise gesammelt werden. Das geht nur mit Menschen, denn nur sie können diese Entscheidung treffen. Bei vielen spukt offenbar immer noch die Idee in den Köpfen herum, dass eigentlich nur die Fehlerdaten gesammelt werden müssten, denn solange der Prozess fehlerfrei läuft, wäre ja alles in Ordnung. »Genau das ist ein Riesenfehler!«, ruft Weber aus. Denn gerade die vielen guten Daten seien am wichtigsten, nur aus vielen Daten können die KI-Algorithmen lernen und nur auf Basis dieser Daten lassen sich im nächsten Schritt Verbesserungen im Produktionsprozess erzielen. Aus den wenigen Fehlerdaten, die in einer hochqualitativen Fertigung für Produkte anfallen, die ins Auto wandern, könne kein KI-System effektiv lernen.

»Wir ziehen die Prozessdaten vor allem dazu heran, die Wirtschaftlichkeit in der Fertigung zu erhöhen. Zu einem Teil geben wir sie auch an Kunden weiter, weil sie sie beispielsweise zu Kalibrierungszwecken heranziehen. Die gesamte Traceability machen wir aber vor allem, weil wir diese Daten selber benötigen, um etwa fehlerhafte Bauelemente durch die Analyse der Daten vieler AOI-Systeme schnell identifizieren zu können. Dabei kommt es aber auch darauf an, das eigene Risiko im Falle von Reklamationen zu minimieren«, so Helmut Bechtold, Geschäftsführer bei Profectus. »Deshalb ist die Traceability die Grundlage für die Digitalisierung«, so das Fazit von Weber.

Doch die Digitalisierung soll ja nicht nur dazu beitragen, die Prozesstechnik zu verbessern und das Risiko für die Hersteller zu minimieren, sondern auch über den Austausch von Daten neue Geschäftsfelder zu gewinnen und schlussendlich Geld zu verdienen.

Hat sich die Digitalisierung für die EMS-Branche also bisher in höherem Umsatz direkt bemerkbar gemacht? »Auf dieser Ebene hinkt die Industrie dem, was sich beispielsweise im privaten Umfeld tut, noch hinterher«, gibt Johann Weber zu. Was laut Christian Rückert, Geschäftsführer bei Binder Elektronik, auch nicht überraschend sei. In der Industrie seien die Zyklen eben durchaus länger als in der schnelllebigen Konsumgüter-Welt. Allerdings gibt er zu, dass die große Welle, die die Industrie ursprünglich erwartet hatte, noch auf sich warten lässt. »Aber sie kommt, wir bekommen bereits sehr interessante Angebote in Richtung Industrie 4.0, das Thema nimmt langsam, aber stetig an Fahrt auf.«

Dabei scheinen Sektoren wie Gebäudeautomation (Smart Building) die Vorreiterrolle zu übernehmen, wie Dr. Georg Loisel erklärt. »Sobald das auf die Häuslebauer durchschlägt, wird sich einiges tun.« Was nun aber nicht der typische Industriebereich wäre. Auch Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics, sieht diesen Sektor als Vorreiter, erwähnt aber auch die Automobilindustrie als treibenden Faktor. Die typischen Industriesektoren dagegen schritten etwas langsamer voran. »Doch auch hier werden die Anforderungen an die Baugruppen immer anspruchsvoller, sodass die datenbasierte Prozessanalyse zunehmend und unumkehrbar Einzug halten wird, aber es ist ein schleichender Prozess.«

Was die Moderatorin Karin Zühlke von Markt&Technik zur abschließenden Frage führte, wie viel Digitalisierung ein EMS-Hersteller nun tatsächlich braucht. Das hänge laut Georg Loisel auch von der Größe des EMS-Unternehmens ab. »Für uns als vergleichsweise kleinen Hersteller kommt es darauf an, uns dem Kulturwandel zu öffnen, die hohe Geschwindigkeit aufzunehmen und vor allem nicht im alten Industrie-1.0-Management hängen zu bleiben.«

»Ganz wichtig für einen EMS-Hersteller ist es, die Maschinen in der Produktion mit den Schnittstellen auszustatten, die es erlauben, sie ins MES einzubinden«, sagt Johann Weber. »Aber das ist ja in dem Leitfaden zur Traceability bereits vorgeschrieben, das haben wir frühzeitig gemacht.« Dann stünden die Diskussionen um sich herausbildende Standards wie Hermes oder was sich sonst in der Welt tut gar nicht mehr so stark im Vordergrund: »Die Anbindung an das MES ist die Grundvoraussetzung.«

»Die Maschinenschnittstellen werden uns noch lange begleiten«, stimmt Loisel zu. Denn die vielen alten Maschinen müssten ja eingebunden werden, wie er erst kürzlich wieder live erleben konnte: Das Unternehmen hatte ein Werk in Mexiko übernommen, die alten Maschinen mussten nun fit für die vernetzte Produktion gemacht werden. »Wie schon gesagt, die Digitalisierung muss Schritt für Schritt entsprechend dem größten Nutzen durchgeführt werden.«

Wobei wie oben angesprochen auch dem Menschen wieder eine entscheidende Rolle zufalle. Jobkiller Digitalisierung? »Genau das Gegenteil ist der Fall«, so das Fazit von Weber.