»Nicht die Fertigung, sondern die Dokumentation macht den Unterschied« Was ist bei der Fertigung für die Luftfahrtindustrie zu beachten?

Mathias Holsten (l.) mit Ludger Penkhues auf der ILA in Berlin: »Unseren Hauptumsatz - rund 60 Prozent - generieren wir nach wie vor aus der Wehrtechnik, dieser Bereich läuft sehr gut. 40 Prozent kommen aus der zivilen Luftfahrt, aber auch aus anderen Bereichen.«
Mathias Holsten (l.) mit Ludger Penkhues auf der ILA in Berlin: »Unseren Hauptumsatz - rund 60 Prozent - generieren wir nach wie vor aus der Wehrtechnik, dieser Bereich läuft sehr gut. 40 Prozent kommen aus der zivilen Luftfahrt, aber auch aus anderen Bereichen.«

Dass die Luftfahrttechnik für einen EMS-Dienstleister großes Potenzial bietet, davon ist Matthias Holsten, Geschäftsführer bei Plath EFT, überzeugt. Noch lassen allerdings die großen Stückzahlen auf sich warten.

Markt&Technik: Was muss ein EMS-Unternehmen mitbringen, um für die Luftfahrttechnik zu fertigen?

Matthias Holsten: Die reine Fertigungstechnologie für die Luftfahrttechnik unterscheidet sich nicht sehr von der Industrieelektronik. Die Herausforderung liegt vielmehr in der fertigungsbegleitenden Dokumentation.

Worin unterscheiden sich EMS-Dienstleistungen für die Luftfahrttechnik von denen für die klassische Industrieelektronik?

Die Basis für die Fertigung für die Luftfahrttechnik bildet die EN 9100. Danach muss, im Gegensatz zur Industrieelektronik, jeder Fertigungsschritt dokumentiert sein. Ich muss nachweisen, wo und bei wem ich eingekauft habe und die Traceabilty bis auf Chargenebene hinunter betreiben. Das heißt, die Lieferlose und Lieferchargen der Bauteile müssen im Nachhinein nachvollziehbar sein. Die Produktlebenszyklen für die Luftfahrt gehen in die Jahrzehnte. Deshalb müssen wir die Fertigungsinformationen auch langfristig noch aus der Schublade ziehen können. Wir haben die Produktdokumentationen von allen Produkten, die wir bislang gefertigt haben, nach wie vor bei uns im Archiv.

Woraus setzt sich eine solche Dokumentation zusammen?

Zu den Standarddokumenten, die wir erzeugen, gehören die teilweise recht umfangreiche First Article Inspection (FAI), Reporte bei Erstlieferung und Certificate of Conformitys (COCs), mit denen wir bei jedem Lieferlos zusichern, die jeweilige Baugruppe entsprechend den Kundenunterlagen und Normen gefertigt zu haben. Im ERP-System wird jedes Teil mit einem Datenblatt und - wenn erforderlich - mit Zeichnungen hinterlegt. Wir pflegen diese Daten in ein auf uns zugeschnittenes System, das an unser ERP-System angeschlossen ist.

Sind spezielle Fertigungseinrichtungen dafür nötig, beispielsweise ein Reinraum?  

Es bedarf keiner speziellen Fertigungseinrichtungen für die Luftfahrt, vor allem wenn man, wie wir, keine hochsicherheitskritischen Baugruppen für das Cockpit fertigt. Wir produzieren viele Anwendungen für den Kabinenbereich, vom Entertainment bis hin zur Wasserversorgung. Die Produkte, die wir nach Kundenspezifikation bauen, fertigen wir nach IPC-610 D, Klasse 3. Um nach diesem Standard produzieren zu können, müssen die Mitarbeiter nach der ESA-Norm löten können.

Gibt es gesonderte Testverfahren für den Luftfahrtbereich?

In Bezug auf die elektrischen Prüfungen nicht. Häufiger hingegen kombiniert man - gerade in der Luftfahrtindustrie - die ohnehin anstehenden Testverfahren mit Prüfungen zur Klimaverträglichkeit. Diese überprüfen die Produkte nicht nur bei Raumtemperatur, sondern auch bei extremen Temperaturen und in bestimmten Zyklen. Wenn wir in der Produktion bei komplexen Bauteilen Ausfälle haben, die wir hier im Haus nicht identifizieren können, dann kaufen wir uns die entsprechende Expertise beim Fraunhofer-Institut ein und lassen mittels Röntgenverfahren überprüfen, ob der Fehler auf der Leiterplatte oder an einem der Bauteile liegt oder ein Fehler im Produktionsprozess vorliegt.  

Nachdem die Baugruppen, wie Sie eben erwähnt haben, sehr lange verfügbar sein müssen, sind die Anforderungen an das Abkündigungsmanagement sehr hoch.

Ja, das stimmt. Wir legen daher besonderes Augenmerk auf das Frühwarnsystem für Bauteil-Abkündigungen. Dazu arbeiten wir mit einer globalen Datenbank zusammen.