Durch kluges Lieferantenmanagement Lieferengpässen vorbeugen Ware aus Japan: Preissteigerungen wegen Strahlentests?

Dr. Holger Hildebrandt, Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME): »Überall dort, wo Lieferungen japanischer Unternehmen an deutsche Geschäftspartner betroffen sind, müssen die Einkäufer reagieren.«
Dr. Holger Hildebrandt, Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME): »Überall dort, wo Lieferungen japanischer Unternehmen an deutsche Geschäftspartner betroffen sind, müssen die Einkäufer reagieren.«

»Unsere Mitglieder reagieren besonnen auf die Folgen des Japan-Bebens«, berichtet Dr. Holger Hildebrandt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Viele Firmen haben Krisenstäbe eingerichtet und damit die Lage derzeit gut im Griff. Nicht zu unterschätzen ist allerdings eine mögliche Strahlenbelastung der Produkte aus Japan. Die nötigen Prüfungen kosten Zeit und Geld. Und das könnte zu Preissteigerungen führen.

Markt&Technik: Die Automobilbranche hat bereits Krisenstäbe eingerichtet. Ziehen andere Branchen nach?

Dr. Holger Hildebrandt: Auch andere direkt von der Japan-Krise betroffene Industriezweige wie die Elektrotechnik- und Elektronikindustrie bzw. der IT-Sektor haben Task Forces eingerichtet. Überall dort, wo Lieferungen japanischer Unternehmen an deutsche Geschäftspartner betroffen sind, müssen die Einkäufer reagieren. Das tun sie am besten in Krisenstäben. Hier sind normalerweise Einkauf, Logistik und Geschäftsleitung involviert.

Welches Bild spiegeln Ihnen Ihre Mitglieder: Könnte es wirklich eine nachhaltige Beschaffungskrise geben?

Unsere Mitgliedsunternehmen agieren nach unseren Informationen besonnen. Wir erleben ja nicht zum ersten Mal Versorgungsengpässe. Denken Sie an andere Naturkatastrophen wie die Aschewolke in Island oder an die Bahnstreiks. Die Einkäufer sollten jedenfalls gut auf das Handling von Krisen vorbereitet sein. Das Thema »Risikomanagement« ist im Übrigen in vielen unserer Fachveranstaltungen eines der Hauptthemen. Ob die derzeitige Beschaffungskrise von Dauer sein wird, lässt sich derzeit freilich nicht abschätzen. Dafür ist die Situation an der Ostküste Japans zu undurchsichtig.

Ist die deutsche Industrie bei Zulieferteilen zu sehr von Importen abhängig?

Nein. Es ist legitim, dass die deutsche Wirtschaft die Standortvorteile insbesondere von Ländern in den Emerging Markets zur Optimierung ihrer Geschäfte für sich ausnutzt. Wichtig ist allerdings, durch ein kluges Lieferantenmanagement auf ein mögliches Reißen der Supply Chain schnell reagieren zu können.

In einer ersten Erklärung kurz nach dem Erdbeben forderten Sie: »Die Frage möglicher Kontamination japanischer Lieferungen kann nicht allein das Problem der Einkäufer sein.« Sollte der Staat hier helfen?

Ware aus Japan muss bei ihrem Eintreffen an den Hubs in Europa beziehungsweise in Deutschland auf mögliche Kontamination kontrolliert werden. Die dahinterstehenden Maßnahmen verursachen Aufwand und somit Zusatzkosten. Es gilt auch, gesetzliche Regelungen zu beachten. All das kann nicht allein von der Wirtschaft getragen werden. Hier ist auch der Staat in der Pflicht. Wir vertrauen darauf, dass beide Seiten pragmatische Lösungen finden.

Die Unternehmen werden sich nicht nur mit der Verfügbarkeit, sondern auch mit der Kontaminierung der Zuliefererteile aus Japan auseinandersetzen müssen. Welche Probleme sehen Sie hier auf die hiesigen Unternehmen zukommen?

Die Unternehmen müssen sich mit den Transportgesellschaften wie Carrier und Reedereien abstimmen. Ein Teil der Prüfungen, ob Ware aus Japan verstrahlt ist oder nicht, wird beispielsweise bereits auf deutschen Flughäfen durchgeführt. Unsere Einkäufer sind gut beraten, wenn sie die Güter auch bei Eintreffen im Unternehmen noch einmal auf Kontamination überprüfen. All das verursacht Kosten, die möglicherweise an den Kunden weitergegeben werden.

Im Prinzip dürften ja nur Waren belastet sein, die unmittelbar aus der Nähe des Atomkraftwerkes stammen. Ist die Gefahr deshalb nicht sehr gering, dass verstrahlte Ware überhaupt hier ankommt?

Das mag sein, dennoch ist Vorsicht geboten. Kontrollen sind unerlässlich.