»Made in Germany« ist kein Selbstläufer mehr TV-Hersteller Loewe wird EMS-Dienstleister

Der TV-Hersteller Loewe wird künftig auch Fremdaufträge in seiner Fertigung in Kronach produzieren.

Fernseher in Deutschland zu produzieren, ist für einen Hersteller wie Loewe längst kein Selbstläufer mehr. Trotzdem hält das Kronacher Traditionsunternehmen die Fahne »Made in Germany« hoch. Zur Standortsicherung setzt Loewe neben dem Kerngeschäft jetzt auf die Auftragsfertigung und stellt seine Expertise auch als EMS-Dienstleister zur Verfügung.

Erste Referenzkunden hat Loewe bereits gewonnen, darunter den Automotive-Zulieferer Lear. Mittelfristig soll die Auftragsfertigung etwa 40 Prozent der Produktion ausmachen.
Loewe ist der größte von insgesamt drei Fernsehgeräteherstellern, die immer noch »handverlesen« in Deutschland entwickeln und produzieren. Alle anderen Hersteller fertigen längst in Millionen-Stückzahlen in Osteuropa oder Asien. Ein solches Szenario ist für die Kronacher Qualitätsschmiede mit etwa 1000 Mitarbeitern derzeit nicht denkbar. Loewe steht für »Made in Germany«, sehr hohe Qualität und höchste Design-Ansprüche mit vielfältigen Variationsmöglichkeiten – nichts für die Masse. Aber wie muss sich ein Hersteller hochwertiger Consumer-Elektronik aufstellen, um auch künftig wettbewerbsfähig in Deutschland zu produzieren? Einen Königsweg gibt es hier sicher nicht, aber mit der Entscheidung, die eigene Fertigung künftig auch für EMS-Aufträge zu öffnen, hat Loewe einen zukunftsweisenden Schritt getan, um auch künftig konkurrenzfähigfähig hierzulande fertigen zu können.   

Strukturwandel – nicht nur im Fernsehgeschäft

An dieser Stelle ein Blick zurück in die jüngste Historie der Fernsehgeräte: Wie kaum ein anderes Segment haben die TV-Geräte-Hersteller stark mit dem Strukturwandel zu kämpfen, der 2003/2004 mit dem Siegeszug der LCD-Fernseher seinen Lauf nahm. »Der Markt ist in Europa bzw. für europäische Hersteller in dieser Zeit fast zusammengebrochen«, erklärt Michael Gödel, Plant Director TV von Loewe Opta. »Anfangs waren die Flachbildfernseher für den Verbraucher noch viel zu teuer und hatten außerdem auch qualitativ Defizite.« Loewe hat sich laut Gödel bis 2008 wieder sehr gut von dieser Durststrecke erholt und das beste Jahresergebnis seit der Unternehmensgründung eingefahren und dabei auch sein Portfolio erweitert: »Wir haben parallel zum Fernseh-Geschäft einen Audio-Bereich aufgebaut, um uns als Home-Entertainment-Systemanbieter zu positionieren.« Zum Produktportfolio zählen über die TV-Geräte hinaus beispielsweise Lautsprecher-Systeme, Sound-Projektoren und sämtliches Zubehör für ein umfassendes »TV-Erlebnis«. Auch die zahlreichen Variationsmöglichkeiten der TV-Geräte suchen seinesgleichen: Etwa 220 Varianten von Loewe-Fernsehern gibt es mittlerweile. »Dadurch konnten und können wir uns gut von anderen Anbietern am Markt differenzieren«, so Gödel.
Darüber hinweghelfen, dass sich mit der neuen Display-Technologie auch die Wertschöpfung – vor allem der Elektronik – zu Ungunsten des TV-Herstellers verschoben hat, kann aber auch das erweiterte Produktspektrum nicht, wie Hermann Zeuß, Manager Industrial Engineering, ganz offen zugibt: »Die Wertschöpfungstiefe in der Elektronikproduktion hat für uns deutlich abgenommen. Mit der Röhre stand ja nur die nackte Physik zur Verfügung, den Rest haben wir gefertigt. – Mit den Flachbilddisplays hingegen bekommen wir ein Sub-System geliefert, das die Ansteuerelektronik schon beinhaltet.« Somit bleiben für die Elektronikfertigung »nur« noch die Kernbaugruppen zur Signalverarbeitung und zur Stromversorgung und das Audio-Board. Das sind etwa drei bis vier SMT-Baugruppen pro Fernseher, je nach Modell. Vorher waren es acht bis elf.
Allerdings hat sich nicht nur die Wertschöpfung innerhalb der Fertigung eines Fernsehers verändert. Auch die zunehmende Integration in der Elektronik fordert ihren Tribut in der Wertschöpfungskette, wie Zeuss an einem Beispiel erläutert: »Von einer Produktgeneration zur nächsten nimmt die Anzahl der Bauelemente auf einem Board um etwa 20 Prozent ab, trotz erhöhter Leistungsfähigkeit und mehr Funktionen. Inzwischen ist beispielsweise die Tuner-Frontend-Funktion direkt auf dem Signalboard integriert, früher waren für diese Funktion drei Baugruppen erforderlich. Einen solchen Schwund an Fertigungsvolumen kann man nicht mehr über die Stückzahlen des Endproduktes kompensieren.«