»Fangen Sie ruhig auch am falschen Ende an!« Traceability einzuführen, ist nicht immer einfach - der ZVEI-Leitfaden hilft

Vor zwei Jahren haben die Verbände ZVEI und FBDI auf der productronica ihren Traceability-Leitfaden vorgestellt. Das Werk sollte einheitliche Prozess- und Begriffsdefinitionen schaffen und die Elektronikindustrie stärker für das Thema sensibilisieren. Und das ist in jedem Fall gelungen, so das Ergebnis des Markt&Technik-Round-Tables »Traceability«. Ein ungelöstes Problem sind noch die proprietären Schnittstellen der SMT-Fertigungsanlagen.

Auch wenn der Weg zu einem »Traceability-Standard« und damit verbunden standardisierten Schnittstellen für die SMT-Fertigungsanlagen noch weit ist: So haben die Verfasser mit dem ZVEI-Leitfaden Traceability zumindest einen ersten wichtigen Meilenstein gesetzt und einen echten »Türöffner« geschaffen, wie Jens Dorwarth, Manager Environmetal Affairs & Environment Compliance von Avnet Electronics Marketing nach zwei Jahren ZVEI-Leitfaden resümiert: »Teilweise gab es viel Verwirrung zu diesem Thema. Alleine die Begriffe waren nicht klar und viele Firmen wollten erst gar nichts von Traceability wissen.«

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»Fangen Sie ruhig auch am falschen Ende an!« - Zitate vom Traceability-Forum

Vor zwei Jahren haben die Verbände ZVEI und FBDI auf der productronica ihren Traceability-Leitfaden vorgestellt. Das Werk sollte einheitliche Prozess- und Begriffsdefinitionen schaffen und die Elektronikindustrie stärker für das Thema sensibilisieren.

Das habe sich nun grundlegend geändert, bestätigen die Diskussionsteilnehmer der Runde und räumen dabei auch gleich ein gängiges Vorurteil gegen die Traceability aus dem Weg, das da lautet:

»Traceability ja quasi nur Rückverfolgbarkeit, also die »Leichenschau« hinterher, wenn die Fehler sowieso schon passiert sind.« Das stimmt so nicht, stellen die Teilnehmer klar. Vielmehr geht es nicht darum, nur Daten und Informationen zu sammeln, um sie im Fall einer Rückrufaktion parat zu haben, sondern die kompletten Prozesse im Unternehmen zu verbessern: »Die Traceability im ersten Ansatz war sicher eine Art Risikoabsicherung bei Rückrufaktionen, aber da ist man heute weit darüber hinaus: Heute heißen die Früchte am Baum »Traceability« Prozesssteuerung und Effektivitätssteigerung«, ist Peter Erhard, überzeugt, Vertriebsleiter von Handke Software.

Und das beides fest zu verankern, lohnt sich für ein Unternehmen in jedem Fall, auch wenn es von Rechts wegen gar nicht zur Traceability verpflichtet wäre, wie es in regulierten Segmenten, z. B. der Luftfahrt, Teilen der Medizinelektronik sowie der Autombilindustrie und der Bahntechnik der Fall ist. Sogar der Automobilhersteller VW lehnt sich mittlerweile an den ZVEI-Leitfaden Traceability an: Der Konzern hat 2010 einen auf wenige Seiten komprimierten Leitfaden zum Thema  herausgegeben, der in allen wichtigen Punkten auf das umfassende Werk des ZVEI verweist.

Dass die Traceability für das komplette Unternehmen einen großen Wert hat, bekräftigt Hans-Wolfgang Aicher, Leiter Qualitäts- und technisches Compliance Management von Pepperl + Fuchs. Das Unternehmen ist ein Paradebeispiel, wie es gelingen kann, mit Hilfe des ZVEI-Leitfadens ein Unternehmen zum Umdenken in punkto Traceability zu bewegen. »Doch das war anfangs gar nicht so einfach«, erinnert sich Aicher, den die Geschäftsführung von Pepperl+Fuchs vor etwa zwei Jahren eigens an Board geholt hatte, um die Traceability im Unternehmen einzuführen. Rechtlich verpflichtet wäre Pepperl+Fuchs eigentlich nicht zur Traceability, dennoch hat sich das Unternehmen nach einer Rückrufaktion dazu entschlossen. »Der Leitfaden hat sowohl dem Geschäftsführer als auch mir geholfen, um hausintern viele Widerstände gegen die Traceability peu à peu abzubauen«, schildert Aicher. Dennoch gebe es noch viel zu tun, erklärt Aicher und gibt unumwunden zu, dass man aufgrund der internen Widerstände die Traceability-Einführung eigentlich verkehrt herum angegangen sei. Begonnen hat Pepperl + Fuchs demnach mit der externen Traceability, denn »intern war erst einmal nichts zu machen«, schildert der Qualitätsexperte. »Die Chargenverfolgbarkeit von Bauelementen wollte keiner, zumal wir ja nicht nur die Elektronik produzieren, sondern als Gerätehersteller richtet sich unser Augenmerk ja auch auf die Mechanik.« So habe Pepperl+Fuchs die Traceability damit begonnen, nach zuverfolgen, welche Geräte an welche Kunden gehen.

Überwunden werden mussten beispielsweise Kostenvorbehalte bis klar wurde, dass man den Produktionsdurchsatz mit Hilfe der Traceability erhöhen kann. »Der Appetit bei uns im Haus kam sozusagen mit dem Essen«, bekräftigt Aicher. »Ich möchte wirklich jedem Mut machen, den Leitfaden als »Rammbock« zu benutzen, um im eigenen Unternehmen auch gegen alle Widerstände die Traceability einzuführen - fangen Sie damit ruhig auch am falschen Ende an, wenn es nicht anders geht.«

Nach Ansicht von Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik ist eine ganzheitliche Traceability für ein Unternehmen außerdem ein großes Differenzierungsmerkmal - besonders für einen EMS-Dienstleister. »Traceability über das ganze Unternehmen bedeutet für unsere Kunden natürlich auch eine Risikominimierung. Hinzu kommt, dass wir durch eine ganzheitliche Rückverfolgbarkeit gleichzeitig auch die Qualität verbessern können, indem wir Prozesse in Echtzeit überwachen und rechtzeitig gegensteuern können.« Das, so Weber, sei vor allem in sicherheitskritischen Branchen essenziell, wo man Produkte mit niedrigen einstelligen ppm-Raten abliefern muss oder Produkte bei Fertigungsfehlern gar nicht mehr repariert werden dürfen.
 
Die Qualität der eigenen Produkte zu verbessern, das war für den Hausgeräte-Hersteller Miele der Antrieb, schon in den 1980er Jahren Traceability in der Elektronikfertigung einzuführen: »Wir überwachen im Rahmen der Traceability sämtliche Prozessparameter - beispielsweise die Lötprozesse - unter denen eine Baugruppe gefertigt wird, damit wir im Fehlerfall nachvollziehen können, welche Prozesse und welche Bauteile zum Einsatz gekommen sind«, erklärt Bernhard Petermann, Fertigungsingenieur von Miele. »Noch können wir zwar erst reagieren, wenn ein Fehler aufgetreten ist, aber wir versprechen uns von der nächsten Ausbaustufe, dass wir schon vor einem Fehlerfall eingreifen können, wenn wir Prozesse aktiv steuern.« Da habe Miele zwar noch ein Stück vor sich, sei aber auf einem guten Weg. Die Lötöfen von Miele im Elektronikfertigungswerk seien jedenfalls bereits mit aktiver Temperatur- und Energiemessung ausgestattet. Aber nicht nur die Fertigungsprozesse kann Miele mit Hilfe des Traceability-Systems überwachen, auch die Rüstüberwachung der Bauteile auf der Bestückungsmaschine ist Bestandteil der Traceability. So kann der Hausgeräte-Hersteller zum Beispiel ohne Weiteres kontrollieren, ob auch wirklich die richtigen Bauteile-Rollen gerüstet wurden. Der Qualitätsanspruch war auch für Siemens Health Care das ausschlaggebende Argument, die Traceability im eigenen Unternehmen einzuführen: Weil das Unternehmen Geräte und Systeme für die medizinische Bildgebung entwickelt und fertigt und keine lebenserhaltenden Elektronik oder Implantate, wäre Traceability für Siemens Health Care eigentlich kein Muss. 

Ist die Traceabilty für nicht sicherheitskritische Bereiche also nur ein Luxus? Mitnichten, erklärt der Miele-Ingenieur: So zahle sich die Traceability auch für einen Hersteller von weißer Ware aus bei Rückrufaktionen und auch der Servicetechniker im Feld hat dadurch Vorteile, z. B. kann über mobile Geräte auf die internen Traceability-Daten zugreifen. »Wir sind bei einigen Produkten sogar in der Lage, die Daten der Haushaltsgeräte über Internet auszulesen. Das Thema Miele@Home wäre hier ein Stichwort. Wir könnten auf das Gerät zugreifen und das Gerät auslesen. Wir könnten dann genau bis auf Chargenebene zurückverfolgen, wenn ein schlechtes Bauteil verbaut wurde.« Meist fehle es hier aber noch an der nötigen Smart Home Infrastruktur beim Kunden.