Spannungsfeld zwischen Zeit- und Kostendruck Testen oder nicht? Warum darüber nicht nur der Einkauf entscheiden sollte

Brandaktuell ist das Thema »Testen« in der Fertigung vor allem wegen der zunehmenden Komplexität der Baugruppen und Systeme und des deutlich steigenden Zeitdrucks in der Entwicklung und des Kostendrucks durch den Einkauf. Die Auswirkungen diskutierten die Teilnehmer des Round Tables "Services in EMS - warum testen?"

»Das Thema Testen rückt bei der Baugruppenfertigung immer mehr ins Bewusstsein der Kunde, weil er spürbar Probleme mit dem Testen hat«, schildert Mario Berger, Vertriebsingenieur von Göpel electronic. Der Hauptgrund liegt laut Berger in der Miniaturisierung der Bauteile. Selbst der Entwickler spürt, dass er Probleme hat, etwas an seiner Baugruppe einfach nur schnell nachzumessen. Hinzu kommt der immense Zeitdruck, unter dem viele Entwickler stehen. Die Zeitfenster, die dem Entwickler bleiben, werden immer kürzer. »Das führt dazu, dass die Produkte unter Umständen nicht mit einem komplett ausgereiften Design zum Fertigungsdienstleister gehen«, gibt Marcus Himmel im Rahmen der Markt&Technik Diskussionsrunde zum Thema »Warum testen?« zu bedenken. Himmel ist zuständig für Industry Solutions und Life Science beim EMS-Dienstleister Kristronics.

Hinzu kommt, dass Produkte – vor allem im KMU-Bereich – entwickelt werden, »ohne dass es eine Strategie gibt, wo überhaupt gefertigt wird«, so Gustl Keller, zuständig für das Qualitätsmanagement von Eltroplan. »Deshalb ist der Fertigungsdienstleister dann viel zu spät im Boot.«  

Was beide Seiten tun müssen, um diesen Punkt künftig einen besseren Weg für die Zusammenarbeit zu finden, fasst Johann Weber zusammen, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik: »Schon wenn der Kunde die Idee zu einem neuen Produkt hat, sollte er den EMS ins Boot holen und mit dem Dienstleister gemeinsam das Produkt entwickeln, die Freigabetests machen und gemeinsame Regelschleifen einführen.« Und das, so Weber, nicht nur über die Serie, sondern auch bis hin zum After Sales und zum Repair-Prozess. Die Erkenntnisse und Verbesserungen, die sich daraus ergeben, fließen dann im Idealfall wieder ganz vorne in der Wertschöpfung in die Entwicklung ein.

Aber nicht nur der Zeitdruck auf die Entwicklung steigt, auch der Kostendruck von Seiten des Einkaufs nimmt deutlich zu, wie Erich Baumgartner, Business Development Manager von CCS, weiß: »In den letzten Jahren ist der Markt sehr stark von Einkäufern dominiert worden, und die sind bisweilen recht untechnisch an das Thema herangegangen und haben Äpfel mit Birnen verglichen.« Was Baumgartner anspricht, ist in der Tat eines der Hauptprobleme in diesem Zusammenhang: »Wie lassen sich Angebote im Hinblick auf die Teststrategie am besten vergleichen? Bzw. lassen sie sich überhaupt immer vergleichen?« Im Zweifelsfall wird der Einkäufer meist die Entscheidung zu Gunsten des Billigeren fällen, und das heißt im Klartext oft: »Wer weniger testet, ist günstiger und bekommt den Auftrag.« Denn Testen möchte eigentlich niemand, schließlich kostet das Geld, und der Nutzen ist nicht auf den ersten Blick sichtbar, wie Bernhard Molter, Leiter Entwicklung von Kristronics, erklärt: »Testkosten sehe ich gleich, aber Fehlerkosten nicht.« Das Problem ist, dass Entwicklung, Einkauf und Fertigung oft nicht dieselbe »Sprache« sprechen bzw. naturgemäß ganz unterschiedliche Denkansätze haben. In einer pauschalierten Angebotsanfrage sind Details wie Testkosten also entweder gar nicht erst angefragt oder nicht klar und eindeutig ausgedrückt. So lässt sich beispielsweise ein »Angebot inklusive Sichtprüfung« verschieden auslegen. Ein Fertiger schaut nur drauf und hat es damit gesichtet, der andere führt eine gewissenhafte optische Kontrolle durch. Deshalb soll die Test-Initiative der Services in EMS auch dazu beitragen, eine klare gemeinsame Sprache zwischen Entwicklung, Einkauf und Fertigung zu finden und Begrifflichkeiten zu klären. Denn es wäre im Sinne eines fairen Wettbewerbs »wichtig, die Vergleichbarkeit der Angebote sicherzustellen«, gibt Artur Kreus zu bedenken, COO und CFO von electronic service willms.

Obwohl viele EMS-Firmen eine klare Spezialisierung und Fokussierung auf bestimmte Märkte haben und das auch entsprechend kommunizieren, verschicken viele Einkäufer ihre Anfragen nach dem Gießkannenprinzip an die ersten 25 EMS-Firmen im Umsatzranking ohne Rücksicht auf eine Spezialisierung.  
Dabei gibt es aber neben aller Kritik in der Diskussionsrunde auch Verständnis für die Situation des Einkäufers: Er soll eine Fertigungsdienstleistung einkaufen und hat dafür ein bestimmtes Budget. Plötzlich kommen Testkosten hinzu, von denen er noch nie etwas gehört hat und die er technisch auch nicht einordnen oder beurteilen kann. Die Einkäufer dann davon zu überzeugen, dass im Vorfeld Fehler gemacht wurden, weil diese Kosten nicht berücksichtigt wurden oder das Design erst gar nicht auf eine optimale Testbarkeit hin ausgelegt wurde, ist verständlicherweise schwierig und eine Herausforderung für die Fertigung. Dass es also wenig Sinn macht, die Entscheidung für oder gegen einen Fertigungsdienstleister alleine dem Einkauf zu überlassen, liegt auf der Hand.