Continental Technikum für gedruckte Elektronik öffnet

Dr. Erhard Barho, Continental: »Produkt- und kundenorientiert Prozesse auf Basis der organischen und gedruckten Elektronik in die Fertigung zu bringen – das ist Aufgabe des Technikums in Freiburg. Wir machen fast alles tauglich für Industrie 4.0.«
Dr. Erhard Barho, Continental: »Produkt- und kundenorientiert Prozesse auf Basis der organischen und gedruckten Elektronik in die Fertigung zu bringen – das ist Aufgabe des Technikums in Freiburg. Wir machen fast alles tauglich für Industrie 4.0.«

In einem neuen „Technikum“ will Continental die organische und gedruckte Elektronik in die Serienfertigung bringen – nicht nur für Autos.

Eines der Ziel besteht darin, „Hardware as a Service“ anbieten zu können, also im Rahmen von Industrie 4.0 und der Vernetzung im Allgemeinen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln«, erklärte Dr. Erhard Barho, Head of Functional Surface Solutions der zu Continental gehörenden Benecke-kaliko, im Interview mit Markt&Technik. »Die gedruckte Elektronik werden viele unserer Kunden und erst recht die Endanwender kaum noch zur Kenntnis nehmen, aber im Kern bilden sie eine der Hauptvoraussetzungen. Kurz gesagt, wir machen fast alles tauglich für Industrie 4.0.«

Jetzt habe die gedruckte Elektronik einen Reifegrad erreicht, der es erforderlich mache, die gesamte Prozesskette zu optimieren – und zwar auf die jeweiligen Einsatzgebiete hin, selbstverständlich auch auf die Automobiltechnik, aber bei Weitem nicht nur.

Es handele sich nicht darum, in einem Labor Forschung und Entwicklung zu betreiben, sondern die Prozesse der gedruckten und organischen Elektronik marktreif zu machen – kundenorientiert und produktorientiert, das ist neu. »So können wir in vielen Bereichen die Preise senken; oft ermöglicht die gedruckte Elektronik aber auch erst, ganz neue Systeme zu fertigen und damit neue Märkte und neue Geschäftsmodelle zu erschließen«, sagt Barho. Deshalb nennt Continental die neue Einrichtung in Freiburg auch nicht „F&E-Zentrum“ oder „Labor“, sondern „Technikum“: Es geht um die reale, wirtschaftlich sinnvolle, industrielle Fertigung. Dazu untersuchen die Ingenieure im Technikum, wie sich neue Materialien mit verschiedenen Prozesse kombinieren lassen, um die industrielle Fertigung in hohen Stückzahlen für ganz unterschiedliche Branchen zu entwickeln. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Druckverfahren – Sheet to Sheet, Rolle zu Rolle, additive Verfahren und 3D-Druck –, deren Potenzial im Technikum ausgelotet und gehoben werden soll.

Die Möglichkeiten sind vielfältig: Funktionale Oberflächen lassen sich genauso realisieren wie neue Typen von Sensoren und Aktoren, die wiederum mit existierender Elektronik und Mechatronik zu hybriden Systemen kombiniert werden können. Nicht nur flexible, sogar dehnbare Systeme sind greifbar, also keine Zukunftsmusik mehr. All das wird für Industrie 4.0 künftig eine tragende Rolle spielen.

Hierin lassen sich bisweilen sogar ICs integrieren, aber die wesentlichen Bestandteile sind die Komponenten der organischen gedruckten Elektronik. Oft in Zusammenspiel mit herkömmlicher Verbindungs- und Gehäusetechnik, in sogenannten hybriden Systemen. Die Drucktechnik ist meist die Voraussetzung dazu, verschiedene, bisher getrennte Funktionen in einem einzigen Gehäuse zusammenzuführen.

Vor allem, um neue Märkte zu erobern und neue Geschäftsmodelle umzusetzen, soll das Technikum eine offene Umgebung bieten. Dazu ein Beispiel: Schläuche, durch die auf Baustellen Beton gepumpt wird, lassen sich mit Sensoren und Elektronik ausstatten, sie geben Zustandsmeldungen ab, sodass sie sich rechtzeitig austauschen lassen, bevor sie plötzlich den Geist aufgeben und dies zu langen Stillstandzeiten führt. Dieses Modell lässt sich auf viele andere Einsatzfälle wie auf Rotorflügel von Windkrafträdern, auf Reifen von Autos und Nutzfahrzeugen und auf Transportbänder in unzähligen weiteren Brachen anwenden.

Etwa auf die Innenverkleidungen von Autotüren und von großen Passagierflugzeugen. Sie lassen sich über Druckverfahren mit Leiterbahnen versehen. Das Versprechen: Die schweren, teuren und platzfressenden Kabelbäume zumindest zu stutzen. Bei 100 km Kabel in einem Passagierflugzeig sei da noch viel Luft nach oben drin, erklärt Barho.

Ein weiteres interessantes Feld sei die Verpackungsindustrie – von Joghurt-Bechern bis zu Laptop-Verpackungen. »Durch die Möglichkeit, auf Materialien wie Folien, Papier oder Glas zu drucken, bringen wir neue Funktionalität in Verpackungen aller Art. Wie eingangs erwähnt, wir wollen alles tauglich für Industrie 4.0 machen.«