Diskurs mit EMS-Firmen Sind Chinas Tage als Fertigungsstandort gezählt?

Die Folgen des Zollstreits zwischen USA und China wirken sich auf China als Fertigungsstandort aus. Was heißt das für die Lieferkette? Ein Meinungsbild aus der EMS-Branche.

Chinas Markt ist längst nicht mehr das Füllhorn der Absatzmöglichkeiten. Was bedeutet das für den Fertigungsstandort China aus Sicht deutscher Produzenten?

Ob Trumps Zollpolitik China als Fertigungsstandort wirklich nachhaltig schadet, dazu gehen die Meinungen auseinander. Johann Weber, CEO von Zollner Elektronik, verneint das und untermauert seine Sicht mit Zahlen: Das Wachstum in China für die Elek­tronikindustrie ist auch schon vor Trumps Eskapaden zurückgegangen. Letztes Jahr verbuchte das Land 5,6 Prozent Wachstum, für dieses Jahr sind 4,2 Prozent prognostiziert. Die Automobilindustrie für China liege gar 40 Prozent unter Prognose, sagt Weber. Auf der anderen Seite sind auch die Umsätze von Apple in China zrückläufig und Huaweis Absatz gestiegen, »weil der Nationalstolz in China eine große Rolle spielt«, weiß Weber zu berichten. Deutsche Qualität werde aber in China nach wie vor sehr hoch geschätzt.

Wir haben Kunden, die die Fertigung ihrer Produkte aus dem Fernen Osten zurück nach Europa transferiert haben, um den neuen Zöllen zu entgehen«, schildert Michael Velmeden, CEO von cms electronics. Die Entscheidung für die Rückverlagerung nach Europa zugunsten cms electronics sei sehr schnell gefallen. »In Summe ist die Produktion in Europa nun wohl für den Kunden günstiger als mit den Zöllen in China, und die Initialkosten wurden anscheinend schnell kompensiert«, erklärt Velmeden. Die Kosten spielen laut Velmeden überdies auch nicht mehr die alleinige Rolle. »Es geht eher um die Frage, wie „smooth“ die Lieferkette läuft.«

Bei zertifizierungsabhängigen Produkten wie Medizintechnik ist eine Verlagerung aber nicht so einfach, gibt Doede Douma zu bedenken, Vice President Business Development EMEA von Sanmina. »Einfache Produkte hingegen werden zum Teil schnell aus China rausgenommen und woanders gefertigt«, erklärt Douma.

Unter den Zöllen leiden sowohl Fertigungsstandorte in China als auch in den USA, bestätigt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik, und schildert die Lage anhand zweier Beispiele aus dem eigenen Haus: In China fertigte Zollner für einen Kunden in den USA Steuerungen und Module für Kunden in den USA; eine Situation, bei der der Strafzoll fällig wird: Mit den anfänglich 9 Prozent Zollaufschlag sei man noch irgendwie zurande gekommen. Die aktuellen 25 Prozent Zollaufschlag dagegen waren nicht mehr zu kompensieren.

Auch beim Einkauf von chinesischen Bauteilen für die Produktion in den USA kommt der Strafzoll oben drauf: »Wir haben für einen Kunden hochwertige Bauelemente in China eingekauft, die in unserem Werk im Silicon Valley verbaut werden. Und wir standen vor derselben Situation mit erst 9 und dann 25 Prozent Zöllen.« Damit bestand keine Chance mehr, das Produkt wettbewerbsfähig zu produzieren. Der Kunde kauft die Baugruppen jetzt in Malaysia ein.

Dass die Strafzölle zu Verwerfungen in der Lieferkette führen, wird in vielerlei Hinsicht evident: So berichtet Andreas Limmer, Manager Business Development von GPV, von Unsicherheit auf Kundenseite: »Viele Kunden zögern aufgrund der aktuellen Situation bei der Standortwahl ihrer Fertigung.« Und für den Elektronikdienstleister Turck duotec ist die Situation laut Auskunft von Geschäftsführer Arthur Rönisch ausschlaggebend dafür, eine geplante Standortinvestition in China gar erst einmal zurückzustellen.