Nur ein Marketingmanöver der UL? Seltsame Spezifikationslücke beim Reflow-Löten entdeckt

Bestückte Leiterplatte am Ausgang des Umluft-Reflow-Ofens

Die Entdeckung einer vermeintlichen Spezifikationslücke beim Reflow-Löten durch die US-amerikanische Zertifizierungseinrichtung UL lässt die deutsche Elektronikindustrie aufhorchen.

Ist das Ganze nur ein geschicktes Marketingmanöver der UL, um eine neue Einnahmequelle zu eröffnen, oder ein aus technischen Gründen berechtigter Einwand? Markt&Technik hat nachgefragt.

Bereits Ende 2017 wurde von der für Europa zuständigen Ansprechpartnerin von UL, Emma Hudson, in mehreren Vorträgen darauf hingewiesen, dass der Reflow-Prozess in der Baugruppenfertigung eine hohe Stressbelastung für die Leiterplatte darstellt. Speziell das mehrmalige Reflow-Löten sei eine Gefahr für die Zuverlässigkeit der Baugruppe. In den Spezifikationen der meisten Materialien sei nach Aussage von Emma Hudson dieser Stress nicht berücksichtigt.

Dies bezieht sich aber nicht nur auf die Zeit seit der RoHS-Einführung in 2006, sondern betrifft auch das bleihaltige Reflow-Löten. UL sieht darin eine Gefahr für die Zuverlässigkeit der Produkte. Dem entgegen spricht allerdings die Praxis von über zwölf Jahren bleifreiem Reflow-Löten und mehreren Jahrzehnten bleihaltigem Reflow-Löten, in denen nach Auskunft von Fertigungsexperten kein signifikanter Anstieg der Ausfälle durch Leiterplattendefekte festzustellen war.

Konkrete Schadensfälle werden von UL demnach nicht genannt, sondern nur pauschale Aussagen getroffen. »Man könnte den Eindruck haben, UL hat eine Spezifikationslücke entdeckt und will sich diese jetzt zunutze machen«, erklärt ein Experte gegenüber Markt&Technik. Dazu muss man wissen: Jede neue Spezifizierung lässt die Kasse der UL klingeln. In diesem Fall können die Auswirkungen für die ganze Herstellungskette von minimal bis zu extrem zeitaufwändig und teuer sein. Minimale Auswirkungen heißt, die Hersteller der Basismaterialien bestätigen die Temperaturbeständigkeit der bisherigen Materialien für das mehrfache bleifreie Reflow-Löten. Maximale Auswirkungen treten dann auf, wenn die Basismaterialhersteller die Temperaturbeständigkeit nicht bestätigen und auf neue Basismaterialien gewechselt werden muss. Dies bedeutet eine aufwändige Neuqualifizierung der kompletten Baugruppe, was in der Automotive- und der Avionik-Branche immense Zeit und Kosten nach sich zöge. Bei diesem Szenario wäre auch nicht geklärt, welchen Status die bisher gefertigten Produkte erhielten.

Gibt es Bestandsschutz oder würde die UL-Zulassung entzogen? Dazu gibt es von UL bislang keine konkreten Aussagen. Fakt ist: Drückt die UL ihre Spezifizierung offiziell durch, klingelt in jedem Fall die Kasse beim Zertifizierer, egal an welcher Stelle der Lieferkette sie dann verankert würde. Die UL-Forderungen einfach zu ignorieren geht dann jedenfalls nicht. Denn das würde bedeuten, dass im Extremfall der UL-Inspektor die Lieferung in die USA blockieren kann. »Die UL hat mittlerweile eine Macht, an der man nicht vorbeikommt, und so bleibt den Firmen nichts anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen«, meint ein betroffener Branchenvertreter. Nach dem anfänglichen forschen Auftreten der UL wurde bei der FED-Konferenz im Herbst der Ton moderater. Man wolle den Kontakt mit der Industrie suchen und die Industrie solle Vorschläge machen.