Nur ein Marketingmanöver der UL? Seltsame Spezifikationslücke beim Reflow-Löten entdeckt

Das Geschäftsmodell der UL

Mittlerweile hat sich eine Arbeitsgruppe von ZVEI und FED gegründet, in der von den Basismateriallieferanten über die Leiterplattenhersteller bis hin zu den Fertigungsdienstleistern nach einem gemeinsamen Ausweg aus dieser Situation gesucht wird. Die Initiative von UL ist hauptsächlich auf den europäischen Markt beschränkt; in Asien ist dieses Thema kaum und in USA gänzlich unbekannt. Wie sich die Situation weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten, da die Initiatorin dieses Themas, Emma Hudson, seit Oktober nicht mehr der UL angehört und ein Nachfolger bisher nicht ernannt wurde. Es sei daher möglich, dass dieses Thema an Brisanz verliert, meinen Betroffene.

Um kein Risiko einzugehen, wollen die beiden Verbände ZVEI und FED das Thema trotzdem zügig weiter bearbeiten. »Wir wollen nicht auf Konfrontation mit UL gehen, sondern einen offenen Dialog suchen, der in einer einvernehmlichen Lösung mit möglichst wenig Aufwand mündet«, unterstreicht der Vertreter eines Produktionsunternehmens gegenüber Markt&Technik.

Das Geschäftsmodell der UL

Die Situation um UL in den USA ist paradox und ruft bei vielen europäischen Firmen Unmut hervor. UL ist eine privatwirtschaftliche US-amerikanische Institution und eine Marktmacht, die Standards sowohl setzt als auch zertifiziert. Beides ist dort miteinander eng verwoben.

Wenn ein Unternehmen seine Produkte nur in Europa vertreibt, ist die UL-Zertifizierung bedeutungslos. Bedingt durch die Globalisierung kann aber kaum ein Unternehmen ausschließen, dass seine Produkte oder auch Vorprodukte und Systeme in den amerikanischen Wirtschaftsraum gelangen. Eine Eingrenzung des Vertriebs rein auf Europa ist dagegen z.B. im Militärbereich denkbar. Wer seine Produkte in den USA in Verkehr bringen will, muss quasi alle möglichen UL-Zertifizierungen vorweisen können. Die UL-Zertifizierung ist zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, weil sie ja keine IEC-Norm ist, sondern freiwillig. Sie wird aber von vielen Kunden verlangt, weil sie die Gefahr von Haftungsklagen verringert.

Lange Zeit gab es in den USA keine anderen Zertifizierer; inzwischen dürfen auch andere Institute in den USA nach UL zertifizieren. Weil UL eine Privatorganisation ist, muss sie internationale Standards wie IEC nicht akzeptieren, also schafft sie immer ihre eigenen Versionen. So bezeichnen einige Industrievertreter in Europa UL-Zertifizierungen als „Lizenz zum Gelddrucken“. Selbst wenn bei Zertifizierungen an den Produkten selbst und den Prozessen nichts verändert werden muss, verursachen Zertifizierung und Fertigungsstätten-Audits hohe Kosten, die die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Firmen unter Umständen beeinträchtigen. Umgekehrt muss sich die EU fragen lassen, warum es in der EU keine vergleichbaren Hürden für US-Unternehmen gibt.

Einem US-Unternehmen entstehen praktisch keine Zusatzkosten durch Zertifizierungen und Zulassungen bei der Vermarktung eines Produktes in der EU. Europäische Firmen fordern daher schon seit Langem, die Prüfergebnisse der europäischen Prüfstellen anzuerkennen und dass die USA ihr Haftungsrecht abmildern.