Stimmungsbaromter EMS Sechs Meinungen zum EMS-Markt 2010

»Schon 2010 wird sich der EMS-Markt wieder über dem Niveau von 2008 bewegen«, behauptet Randall Sherman, Chefanalyst bei Electronic Trend Publications. Eine gewagte Prognose? Wir haben sechs EMS-Firmen dazu befragt.

 

Waldemar Christen, Leiter Vertrieb und Marketing, BMK Group:

»Lange Lieferzeiten und die damit einhergehenden höheren Materialkosten können sich zu einer Wachstumsbremse für die EMS-Branche entwickeln.«

Markt & Technik: Wie verlief das vergangene Jahr bei BMK?

Waldemar Christen: 2009 war wie erwartet ein schwieriges Geschäftsjahr. Da wir uns auf einen Konjunktureinbruch vorbereitet haben, konnten wir diese kritische Situation mit unseren motivierten Mitarbeitern unbeschadet bewältigen. Insbesondere in der ersten Jahreshälfte war eine große Verunsicherung im Markt zu spüren. Im Gegensatz dazu haben sich die beiden letzten Quartale sehr erfreulich entwickelt. Es ist uns in diesem Zeitraum auch gelungen, den größten Auftrag in der Firmengeschichte zu akquirieren. In Summe konnte die BMK Group mit einem Umsatz von 90 Mio. Euro annähernd auf Vorjahresniveau abschließen.

 

»Die Zeichen stehen auf Wachstum«, heißt es von einigen Analysten und Herstellern für den Halbleitermarkt. Gilt das auch für die EMS-Branche?

Wir sehen im 1. Halbjahr eine positive Marktentwicklung, jedoch dürften bereits ab der Jahresmitte die Risiken wieder deutlich zunehmen. Eine nachhaltige Markterholung wird es unserer Meinung nach nicht vor 2012 geben.  Mit unserem Ziel, Marktanteile zu gewinnen, stehen natürlich bei BMK „die Zeichen auf Wachstum“. Wir haben bereits 2009 alle erforderlichen Investitionen getätigt, um die hierfür erforderliche Produktionskapazität zu schaffen. Diese zusätzliche Kapazität wird laut Planung schon im 1. Quartal ausgelastet sein, d.h. die nächsten Investitionen stehen bereits an.

 

Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen erwartet die Branche in diesem Jahr?

Das aktuelle Jahr wird ähnlich herausfordernd wie 2009. Projektrisiken auf Kundenseite, Insolvenzrisiken bei den Lieferanten und eine zurückhaltende Bankenpolitik werden auch 2010 eine große Rolle spielen.  Zu diesem weiterhin schwierigen Marktumfeld gesellen sich neue Themen im Bereich der Materialbeschaffung. Lange Lieferzeiten und die damit einhergehenden höheren Materialkosten können sich zweifelsfrei zu einer »Wachstumsbremse« für die EMS-Branche entwickeln. Denn diese Thematik kommt vor allem in boomenden Segmenten und in der Zusammenarbeit mit Neukunden zum Tragen. (zü) n

 

Sanmina-SCI, Oliver Digel, Vice President Business Development EMEA:

»Outsourcing liegt 2010 stark im Trend
»Generell mussten auch wir Umsatzrückgänge quer durch alle unsere Branchen und Marktsegmente verzeichnen. Insbesondere deshalb, weil das Auftragsvolumen bei bestehenden Kunden teilweise rückläufig war«, erklärt Oliver Digel, Vice President Business Development EMEA bei Sanmina-SCI. Erfreulich sei aber gleichzeitig, so Digel, dass Sanmina-SCI auch neue Kunden gewonnen habe, die aus strategischen Gründen erstmals das Thema »Outsourcing« angehen. Diesen Trend beobachtet das Unternehmen insbesondere in den Marktbereichen Defense & Aerospace, Medizintechnik und Erneuerbare Energien. Das Wachstum von Sanmina-SCI in den letzten drei Quartalen kann sich sehen lassen: Digel spricht von 8 bis 10 Prozent und geht davon aus, dass sich der Markt 2010 erholen und kontinuierlich wachsen wird. Gleichzeitig kämpfe die Branche noch mit Überkapazitäten im Markt und stehe damit unter einem starken Preisdruck, schildert Digel. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass die allgemeine Marktentwicklung bei vielen unseren Kunden noch unsicher ist. Man hoffe zwar auf eine positive Entwicklung, der tatsächliche Bedarf für 2010 steht allerdings für die Hersteller noch nicht fest. Deswegen seien Vorhersagen über die Auslastung und eine detaillierte Planung extrem schwierig, meint Digel. Insgesamt stehen die Zeichen für EMS gut, da viele OEMs zunehmend ihre Kapitalbindung reduzieren. »Outsourcing liegt deswegen 2010 stark im Trend«, erklärt Digel. »Im Gegensatz zu taktischem Outsourcing bei Umsatzspitzen planen Unternehmen zunehmend strategisches Produktionsoutsourcing.« (zü) n

 

Johann Weber, Vorstandsvorsitzender Zollner Elektronik:

»Mit unseren ersten Hochrechnungen nähern wir uns dem Umsatzniveau von 2008.«

»Betrachten wir die vorläufigen Umsatzzahlen des Geschäftsjahres 2009, verzeichneten wir einen leichten Rückgang entsprechend unseren Planungen«, erklärt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik. Dass der Rückgang nicht drastischer ausgefallen ist, verdankt Zollner vor allem seiner breiten Präsenz in alle Branchen. Was erwartet die Branche in diesem Jahr? »Für uns stellt sich aktuell die Markteinschätzung schwierig dar. Sogar die Analysten geben unterschiedliche Prognosen für 2010 ab, von verheißungsvollen 8 Prozent Marktwachstum auf dem weltweiten EMS-Markt bis hin zu sehr verhaltenen Wachstumsprognosen von 0 bis 2 Prozent ist alles dabei«, gibt Weber zu bedenken. Für sein Unternehmen sieht Weber aber wieder ein klares Wachstum für das Geschäftsjahr 2010. Die Markteinschätzungen der Kunden, internationale Neuaufträge, Absatzmärkte mit Wachstumspotentialen, die spürbare Markterholung in einzelnen Branchen und Regionen sowie eine sich regenerierende Weltwirtschaft stützen laut Weber seine positive Einschätzung.»Mit den ersten Hochrechnungen nähern wir uns dem Umsatzniveau von 2008.« Ist die EMS-Branche im Wandel begriffen? »Die Tendenz zu immer mehr Produkt- und Prozessverantwortung stellt die EMS-Unternehmen vor große Herausforderungen. Die OEM-Unternehmen benötigen dabei einen Partner, der das gesamte Product Life Cycle Management abbildet«, sagt Weber. Hier ergeben sich aus Sicht von Weber große Marktchancen für die EMS-Dienstleister, die entsprechendes Entwicklungs-, Technologie-, Produkt- und Markt-Know-how anbieten können. Auch eine erhöhte vertikale Integration spiele eine bedeutende Rolle, so Weber, denn komplexe Produkte auf Modul- und Systemebene stellen die Fertigungsindustrie vor neue Aufgaben.

 

Bernhard Rindt, Pressesprecher, SRI:

»Die größte Herausforderung ist gegenwärtig die Materialverfügbarkeit von verschiedenen Komponenten.«      

Der historische Wirtschaftsabschwung traf SRI zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, im ersten Jahr als selbständiges EMS-Unternehmen. Dennoch gelang es SRI, die Klippen gut zu umschiffen und mit einem positiven Ergebnis abzuschließen, auch wenn sich die Erwartungen im Kerngeschäft »Telekommunikation« für SRI nicht erfüllt haben. »Im zweiten Halbjahr 2009 ist das Volumen dort um ca. 40 Prozent eingebrochen«, berichtet Bernhard Rindt, Pressesprecher bei SRI. »Wir konnten das aber zum Teil durch neue Märkte wie Energie-, Umwelt- und Medizintechnik kompensieren«. Wie viele seiner Branchenkollegen stellt auch Rindt im Industrieumfeld den Trend zum Outsourcing in Richtung EMS. Welchen Herausforderungen muss die Branche sich in diesem Jahr stellen? »Die größte Herausforderung ist gegenwärtig sicher die Materialverfügbarkeit von verschiedenen Komponenten«, gibt Rindt zu bedenken. Die Branche kämpft mit langen Lieferzeiten und Allokation. Für SRI sei dies aber kein ein Problem, »weil wir intensiv mit Schlüssellieferanten zusammenarbeiten.« (zü) n 

 

@u1:Detlef Schneider, Geschäftsführer, TQ Group: »Um den Stand von Mitte 2008 zu erreichen, braucht es bei normalem Wachstum viele Jahre.«

@t:Während das erste Halbjahr für TQ fast normal verlief, gab es im zweiten Halbjahr bei einzelnen Kunden massive Einbrüche von bis zu 30 Prozent. »Zwischenzeitlich spüren wir allerdings schon wieder eine deutliche Stabilisierung«, erklärt Detlef Schneider, Geschäftsführer von TQ. Dass der EMS-Markt bereits in diesem Jahr wieder das Niveau von 2008 erreicht haben wird, glaubt Schneider nicht: »Die EEMS-Branche (Electronics Engineering Manufacturing Services) wird wachsen, aber nicht ausgehend vom Niveau bei dem sie eingebrochen ist, sondern vom Niveau von 2005/2006. Um den Stand von Mitte 2008 zu erreichen, braucht es bei normalem Wachstum viele Jahre.« Die Lage spitze sich durch die Billiganbieter zusätzlich zu, so der TQ-Chef: »Man muss schon etwas Besonderes bieten, um dem Kunden den Mehrnutzen deutlich aufzuzeigen«. Sehr kritisch sieht Schneider die Materialverfügbarkeit und die Zurückhaltung der Kunden, wenn es um verbindliche Liefertermine geht. »Dies führt verstärkt dazu, dass wir in der jetzigen Situation dann einfach zu lange Lieferzeiten haben, um den Kunden dennoch zufrieden zu stellen«, sagt Schneider. Bestellt ein EMS-Unternehmen zum Wunschtermin des Kunden bleibt das Risiko von Verzögerungen und der Vorfinanzierung meist allein am Dienstleister hängen.

Dr. Uwe Schmidt-Streier, Geschäftsführer, Flextronics SBS:

»Das Jahr 2009 war für Flextronics SBS Germany eines der erfolgreichsten Jahre seit der Gründung im Jahr 2000«.

 

Markt & Technik: Insgesamt hat Flextronics global massiv unter den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise gelitten. Wie hat sich die deutsche Flextronics SBS durch das schwierige Jahr manövriert?

Dr. Uwe Schmidt-Streier: Flextronics ist es global gelungen, schnell auf die geänderten Rahmenbedingungen zu reagieren, indem  Kapazitäten und Bestände angepasst wurden. Dadurch erzielte das Unternehmen für 2009 ein positives operatives Ergebnis und konnte einen freien Cash-Flow von 750 Millionen Dollar generieren. Im Vergleich zu der globalen Situation bei Flextronics ist Flextronics SBS Germany aber bislang fast unbeschadet durch die Krise gekommen. Das Jahr 2009 war für Flextronics SBS Germany eines der erfolgreichsten Jahre seit Gründung im Jahr 2000. Wir sind gegen den Trend zweistellig gewachsen. Dies gelang, weil das Geschäft mit den Hauptkunden von Flextronics SBS Germany relativ stabil verlief und wir zudem neue, sehr interessante Kunden gewonnen haben. Die meisten dieser Neukunden stammen aus dem Industriebereich.

 

Es gibt Anzeichen für eine Erholung auf des EMS-Marktes. Ist die Trendwende geschafft?

Sicherlich wird es einerseits aufgrund der verschärften Wettbewerbsbedingungen zu einer weiteren Konsolidierung in dieser Branche kommen. Andererseits werden immer mehr OEMs vor dem Hintergrund entweder unausgelasteter Kapazitäten oder dem Zwang, Neuinvestitionen zu tätigen, um Wachstumschancen wahrzunehmen, erneut die Frage nach »Make or Buy« stellen. Daher erwarten wir ein moderates Wachstum für die EMS Branche in diesem Jahr. Dabei wird sich der Trend fortsetzen, dass insbesondere Kunden, die schon länger Outsourcing betreiben, aufgrund der Total Cost of Ownership verstärkt die Fertigung kompletter Geräte oder Systeme nachfragen werden und nicht mehr nur die eigentliche Fertigung von bestückten Leiterplatten.

 

Die EMS Branche ist eine preissensitive Branche mit sehr dünnen Margen. Wegen der Weltwirtschaftskrise hat sich der Preisdruck weiter erhöht. Wie können die EMS-Anbieter hier dagegen halten?

Die Branche sollte übertriebenen Forderungen nach Preisnachlässen widerstehen auch wenn Kapazitäten nicht ausgelastet sind. Andererseits müssen die EMS-Firmen ihre Produkte und Prozesse optimieren. Aufgrund der Unwägbarkeiten bezüglich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung fahren viele Unternehmen zur Zeit auf Sicht und scheuen sich, längerfristige Verpflichtungen für Investitionen, Materialeinkäufe, etc. einzugehen. Umgekehrt wollen die Unternehmen natürlich jede Chance auf zusätzliches Geschäft kurzfristig wahrnehmen. Dies stellt uns EMS-Firmen vor die zunehmend schwieriger werdende Aufgabe, auf Bedarfserhöhungen der Kunden schnell zu reagieren. (zü) n