Materialknappheit bremst EMS-Dynamik Preise und Lieferzeiten aus Absurdistan?

Wolfgang Peter, Elektron
»Bei doppelter Bestellmenge sind 10 Prozent oder mehr Ersparnis drin. Das treibt die Bildung von Bestellblasen natürlich voran.«
Wolfgang Peter, Elektron: »Bei doppelter Bestellmenge sind 10 Prozent oder mehr Ersparnis drin. Das treibt die Bildung von Bestellblasen natürlich voran.«

Lieferzeiten von einem Jahr und mehr, Preissteigerungen, verständnislose Kunden: Das Materialdilemma hat viele Facetten und fordert die Elektronikdienstleister, so der Tenor beim Markt&Technik-Forum „Elektronikdienstleistungen“. Kritik wird auch an unorthodoxen Vorgehensweisen von Herstellern laut.

Die Elektronikbranche boomt. Allein der Anteil der Elektronik im Auto, der vor zehn Jahren noch bei 10 bis 20 Prozent lag, soll bis 2025 laut Prognosen auf 45 Prozent ansteigen. Doch das Wachstum fordert seinen Tribut: »Die Allokationssituation bei Bauelementen fordert uns Tag für Tag. Deutlich entspannt hat sich die Situation bei den Leiterplatten; bei den aktiven Komponenten entspannt sich die Lage zumindest langsam. Die momentane Lage bei den Passiven hingegen ist vergleichbar mit einer Wundertüte – jeden Tag eine neue Überraschung – und schwer zu managen«, fasst Johann Weber zusammen, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik. Gleichzeitig warnt Weber vor einer „Bedarfsblase“, insbesondere bei den Passiven: Der gesamte Elektronikanteil in Asien, Europa und USA wächst „nur“ um die 7 bis 8 Prozent, da sei es kaum erklärbar, wieso die Passiven um die 30 bis 40 Prozent zulegen, wie es derzeit den Anschein hat.

Mit Hot-Lot-Zuschlägen schneller ­an die Ware

Die Hot Spots der Verknappung variieren zudem je nach Größe und Auftragsspektrum des EMS-Dienstleisters. Probleme bereiten nach den Worten von Andreas Kraus, Geschäftsführer von Kraus Hardware, und anderen Forumsteilnehmern auch die elektromechanischen Komponenten. Jörg Neukirch, Geschäftsführer der Neways in Neunkirchen, hat zudem Dioden und Transistoren als Sorgenkinder identifiziert. Sein Hauptkritikpunkt ist die Tatsache, dass Hersteller, etwa aus dem Steckverbinder-Bereich, zum Teil komplette Linien abkündigen, weil sie Kapazitäten für High-Runner-Produkte brauchen. Alle Komponenten, die dieser Tage unter „Low Volume/Low Margin“ fallen, sind von Abkündigungen oder zumindest temporären Produktionsstopps bedroht.

»Oder ein Hersteller gibt an, gar bis zum Jahr 2023 ausgelastet zu sein«, weiß Neukirch. Ist der Kunde dann bereit, sogenannte Hot-Lot-Kosten, also Eilbeschaffungszuschläge zu berappen, kommt er zwar schneller an die gewünschte Ware. Diese Kosten liegen laut Neukirch aber durchaus im fünfstelligen Bereich. »Für Konnektoren mussten wir in Absprache mit unserem Kunden schon auf solche Lösungen zurückgreifen«, erklärt der Neways-Manager. Ähnliches hat auch Roland Hollstein, Geschäftsführer von Grundig Business Systems, schon erfahren: »Wenn wir anfragen, was wir drauflegen müssen, um die Ware schneller zu bekommen, gibt es bisweilen schon entsprechende Antworten.« Da würde dann schnell mal das drei-, fünf- oder siebenfache des Preises aufgerufen.

Ob dieses Revenue-Management – Nachfrage bestimmt Preis, ähnlich wie bei Airline-Buchungen – in Zukunft in der Bauelemente-Industrie Schule macht, wird wohl davon abhängen, wie dringend die mittelständischen Kunden ihre Ware benötigen und sich deshalb auf solche Methoden einlassen.