Materialknappheit bremst EMS-Dynamik Preise und Lieferzeiten aus Absurdistan?

Horrende Preissteigerungen

Das Prinzip des Revenue-Managements zur Preisgestaltung ist an sich legitim. Wird dies aber von Komponenten-Herstellern zur obligatorischen Preissteigerung bei laufenden und bestätigten Bestellungen angewendet, was zum Teil nach Auskunft von Forumsteilnehmern der Fall ist, stellt sich die Frage nach dem Geschäfts-Ethos. Die Auswüchse der Preispolitik schildert Dr. Peter Schmitt, Business Director von CCS, folgendermaßen: »Preise sind heute nicht mehr zu fixieren. Und dabei geht es nicht nur um Währungseinflüsse. Selbst wenn man eine Preisgarantie bekommt, kann es sein, dass diese zum Auslieferdatum nicht mehr gilt.« Die Kunden der Elektronikdienstleister zeigen nicht immer Verständnis dafür, dass der Dienstleister die Preissteigerungen für Bauteile, die zum Teil nach Auskunft der Forumsteilnehmer bis zu 1400 Prozent betragen, an sie weitergibt. Um nicht auf den Mehrkosten sitzen zu bleiben, hat zum Beispiel Neways laut Auskunft von Neukirch alle Kunden angeschrieben, dass die Preise über einen längeren Zeitraum nicht mehr garantiert werden können. Mit diesem Schritt, so Neukirch, lasse sich auch eine zunehmende Offenheit generieren und das Vertrauen zum Kunden wachse enorm.

Angesichts solcher Auswüchse bei der Preispolitik ist es nicht verwunderlich, dass der Grat zwischen einer guten Bevorratung und dem Hamstern dieser Tage schmal ist. So berichtet Schmitt von Kunden, die für ihre eigene Fertigung Komponenten horten und dazu gerne auch mal Lagerfläche beim EMS anfragen. Auch die Mengen-Staffelpreise bei Herstellern und Distributoren tun ihr Übriges, um die prekäre Liefersituation weiter zu befeuern, gibt Wolfang Peter, Business Development von Elektron, zu bedenken. »Bei doppelter Bestellmenge sind 10 Prozent oder mehr Ersparnis drin. Das treibt die Bildung von Bestellblasen natürlich voran.«

Bestätigte Liefertermine nur Schall und Rauch?

Ein weiterer Auswuchs der Verknappung ist das Gebaren mancher Hersteller, bereits bestätigte Liefertermine um Monate nach hinten zu verlegen oder Kunden nach einer Wartezeit von einem halben oder ganzen Jahr gar aufzufordern, die Bestellung zu canceln, wie Dr. Peter Schmitt anmerkt. Marco Balling, Geschäftsführer von productware, berichtet von einem Auftrag, den productware bei einem bekannten Steckverbinderhersteller platziert hat: »Wir haben die Ware im Oktober 2017 bestellt und daraufhin eine Bestätigung für Juni 2018 erhalten. Als die Lieferung fällig gewesen wäre, haben wir anstatt der Ware eine neue Auftragsbestätigung für Januar/Februar 2019 erhalten.« Im Raum steht die Frage, ob die Ware in der Zwischenzeit an größere Kunden geht. »Die Antwort lautet zumindest: „nein, alle Kunden sind gleich“«, so Balling. Alles Weitere wäre reine Spekulation. Eine Lanze für die Steckverbinderhersteller bricht Dr. Ralf Hasler, Geschäftsführer von Lacon. Das Unternehmen ist durch seine Kabelkonfektionierung mit der Steckverbinder-Industrie eng verzahnt: »Der Flaschenhals in der Steckverbinder-Industrie ist die Galvanik. Der Neubau einer Galvanik dauert Jahre und da gibt es quasi kein Entkommen.« So ist es demnach nicht verwunderlich, dass ein Steckverbinderhersteller Kapazitäten nicht von heute auf morgen aufbauen kann. »Unsere Erfahrung ist durchaus, dass der Hersteller schon darauf achtet, wo der Leidensdruck am Größten ist, und wenn von den „Sortimentsecken“ Teile fehlen, hat man leider so ein bisschen Pech gehabt«, sagt Ralf Hasler. »Wir versuchen unsere Kunden zu ermuntern, aus der Not eine Tugend zu machen und Themen wie Design-to-Cost und alternative Komponenten zu berücksichtigen. Das ist gelegentlich ein mühsamer Weg, aber in einigen Fällen gelingt das.«

Das Problem der Verfügbarkeit wird insbesondere dann evident, wenn Kunden nur einen Hersteller pro Bauteil freigegeben haben. Johann Weber appelliert daher dringend an die Kunden, zwei bis drei Hersteller als Alternativen freizugeben, um notfalls woanders ordern zu können. Auch der Wechsel zu kleineren Bauformen bei passiven Bauteilen könnte die Not lindern bzw. vor neuen bösen Überraschungen schützen.

»Darüber hinaus entscheidend sind Rolling Forecasts über ein bis zwei Jahre, damit wir mit den Herstellern und Distributoren frühzeitig in die Gespräche gehen können«, appelliert Weber an die Industrie. Zwar gibt es hier und da noch beratungsresistente Kunden, aber ein Großteil der Kunden ist nach intensiver Aufklärungsarbeit und einem tieferen Verständnis für die Supply-Chain durch die EMS-Firmen inzwischen zu langfristigen Forecasts bereit, erklären die Forumsteilnehmer. »Damit sind wir aber in der Pflicht. Wenn der Forecast sehr gut abgestimmt war und wir die Kunden trotzdem enttäuschen müssen, ist das natürlich ungünstig«, betont Schmitt.

Forecasts sind bisweilen allerdings auch nur ein Blick in die sprichwörtliche Kristallkugel und selbst sehr renommierte OEMs haben nach den Worten von Ralf Hasler Mühe, vernünftige Absatzplanungen abzugeben. Damit wird das Risiko in der Lieferkette an den EMS durchgereicht, schließlich ist er für die Materialbeschaffung der Produktionsaufträge verantwortlich, sofern das Material nicht beigestellt wird, was zunehmend seltener praktiziert wird. »Wenn Sie wenige Kunden mit einer wackeligen Absatzplanung haben, ist das Risiko extrem hoch; wenn Sie über eine breite Kundenbasis verfügen, lässt sich das noch irgendwie abfedern, wobei wir uns aus diesem Grund nicht nur an einem Rekord-Absatzhoch erfreuen, sondern auch an einem Rekord-Inventory.«

Eine Herausforderung stellt nach Ansicht von Bernd Enser, Vice President Automotive Market-Segment von Sanmina, die Systemwelt dar, die die Industrie sich geschaffen hat. Die Funktionsweise dieser Systemkette ist nachzulesen im Leitfaden „Supply Chain“ des ZVEI. Kurz zusammengefasst: Am einen Ende der Kette wird ein Bedarf ausgelöst. Bis diese Aktion zu einer Reaktion führt, sieht der Bedarf aber schon wieder ganz anders aus. »Irgendwann sind diese Fäden so dünn, dass der kleinste Effekt reicht, um die Kette abreißen zu lassen«, so Enser.