Forum Teil 2: Brexit, Zölle, Regularien Per Bürokratie in die Obsoleszenz?

Jörg Berkemeyer, IHS Markit: »27 Prozent der elektronischen Bauteile sind exklusiv aus China. Das heißt, auf fast alle diese Produkte treffen die 25 Prozent Zollaufschlag zu. Und das wird zu Obsoleszenzen führen, weil wegen der steigenden Kosten entweder Firmen verlagert oder Produkte eingestellt werden.«
Jörg Berkemeyer, IHS Markit: »27 Prozent der elektronischen Bauteile sind exklusiv aus China. Das heißt, auf fast alle diese Produkte treffen die 25 Prozent Zollaufschlag zu. Und das wird zu Obsoleszenzen führen, weil wegen der steigenden Kosten entweder Firmen verlagert oder Produkte eingestellt werden.«

Drohender No-Deal-Brexit, Handelskrieg und neue Richtlinien – gleich mehrere Damoklesschwerter schweben über der Elektronikindustrie. Obsoleszenzrisiken inklusive.

Nach aktuellen Zahlen der ZVEI ist die EU Großbritanniens größter Handelspartner. So gehen 44 Prozent der britischen Exporte in die EU, 53 Prozent der UK-Importe hingegen kommen aus der EU. Für die deutsche Elektroindustrie ist Großbritannien mit einem Anteil an den Gesamtexporten von 5,2 Prozent (11,1 Milliarden Euro) das fünftgrößte Abnehmerland. Außerdem ist das Land laut ZVEI-Statistik der drittgrößte ausländische Investitionsstandort der deutschen Elektroindustrie (Bestand 2017: 4,6 Milliarden Euro). Übertroffen wird dies nur noch durch die Investitionen in China und den USA. 

Was heißt das also für die Branche in Zeiten eines drohenden No-Deal-Brexits und eines Handelskriegs zwischen USA und China? In der Forumsrunde diskutierten die Teilnehmer über drei Gefahren und ihre potenziellen Auswirkungen auf die Elektronikindustrie:

1. UK-Austritt aus der EU

Wie in der Markt&Technik-Ausgabe 39 exklusiv berichtet, sind auch die Folgen eines No-Deal-Brexits nicht unerheblich: »Das Thema Brexit wird definitiv zu Versorgungsproblemen führen«, vermutet Axel Wagner von Würth Elektronik eiSos. Denn die EU-Chemikalienverordnung REACH schreibt vor, dass Hersteller und Importeure chemische Substanzen, von denen in Europa mindestens eine Tonne pro Jahr hergestellt oder verwendet wird, bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) registrieren müssen. Dass es sich bei knapp 30 Prozent der etwa 21.000 erfassten Substanzen um von UK-Unternehmen registrierte Stoffe handelt, könnte zum Problem werden. Denn im Falle eines Austritts des Vereinigten Königreichs aus der EU werden die Registrierungen von britischen Herstellern, Importeuren und Alleinvertretern ungültig. Das Ergebnis: Sofern die betroffenen Unternehmen ihre Substanzen nicht neu registrieren oder eine Gesellschaft innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten gründen, dürfen die Stoffe nicht mehr genutzt werden. »So eine Registrierung geschieht nicht an einem Freitagnachmittag. Die Frage, die niemand beantworten kann, ist: Wie viele machen es und wie viele machen es nicht?«, warnt Dr. Wolfgang Heinbach, Geschäftsführer von GMP German Machine Parts und D+D+M Daten- und Dokumentationsmanagement. Im Worst-Case-Szenario fällt eine erhebliche Zahl an Substanzen weg – es kommt zu Versorgungsengpässen und Obszoleszenzfällen. »Ich halte den Brexit für das größte Obsoleszenz-Ereignis des Jahrhunderts.«

2. Aktualisierte Abfallrahmenrichtlinie

Auch in einem weiteren Punkt bietet REACH Grund zur Sorge: So plant die ECHA, eine Datenbank mit Informationen über besonders besorgniserregende Stoffe (Stoffe der Kandidatenliste, SVHCs) in Erzeugnissen einzurichten. Zurück geht diese Datenbank auf die im Juli 2018 überarbeitete Abfallrahmenrichtlinie mit dem neu formulierten Artikel 9. Für Lieferanten eines Erzeugnisses, das Stoffe der Kandidatenliste enthält, sieht die Richtlinie Übermittlungspflichten gegenüber der ECHA vor, das heißt, sie müssen der Chemikalienagentur weitreichende Informationen über den Artikel zur Verfügung stellen. Darunter fallen etwa Auskünfte, die es ermöglichen, den Artikel zu identifizieren, den Namen, den Konzentrationsbereich, die Position der SVHC in dem Artikel und eventuell weitere Angaben über den sicheren Gebrauch. 
Die daraus hervorgehenden Informationen sollen sowohl Unternehmen als auch auf Anfrage Verbrauchern zur Verfügung stehen. Ein Prototyp der Datenbank ist für Anfang 2020 geplant; dieser soll im Laufe des Jahres ausgebaut werden. Ab dem 5. Januar 2021 wird die Meldung der Daten schließlich verpflichtend sein. Auf der Website kündigt die ECHA für den 12. November 2019 den Start einer Benutzertestgruppe und eines Stakeholder-Workshops an.

»Aktuell fehlt noch der komplette Überblick, wie viel denn tatsächlich deklariert werden muss. Es ist meiner Meinung nach sehr, sehr viel«, meint Wagner. »Dafür muss man eine Systematik aufbauen.« Würth Elektronik eiSos sei hier bereits gut vorbereitet und habe alle Daten zur Verfügung. »Wir müssen nur noch wissen, in welcher Form die ECHA die Daten haben will.«

Heinbach befürchtet, dass auch hier ein großes Risiko für Obsoleszenz liege, denn der Bürokratiedschungel könnte viele Unternehmen abschrecken und schlussendlich dazu führen, dass Stoffe nicht mehr hergestellt werden. »Ein Unternehmen muss darauf vorbereitet sein und nach entsprechenden Substituten suchen.« 

3. Trumps Schutzzoll-Liste

Mit seiner rigorosen Schutzzoll-Politik bremst Trump nicht nur die Weltkonjunktur aus, sondern stellt die Elektronikindustrie vor unvorhersehbare Obsoleszenzrisiken. Um zu erfahren, ob ein Produkt von den Zollaufschlägen betroffen ist, sei laut Dr. Jörg Berkemeyer von IHS Markit mit einem enormen bürokratischen Aufwand zu rechnen. So müssen Hersteller zunächst den sogenannten HTS-Code (Harmonized Tariff-Schedule) erfassen, sozusagen das Pendant zur deutschen Zolltarifnummer. Neben der Angabe des Ursprungslandes (Country of Origin) und eventuell des Commercial-and-Government-Entity-Code (CAGE) – ein weltweit eindeutiger Schlüssel, um Hersteller und Zulieferer zu identifizieren – muss eine umfassende Materialdeklaration gemacht werden. »Ein bürokratischer Aufwand, der aber wirtschaftliche Auswirkungen hat«, so Berkemeyer. »27 Prozent der elektronischen Bauteile sind exklusiv aus China. Das heißt, auf fast alle diese Produkte treffen die 25 Prozent Zollaufschlag zu. Und das wird zu Obsoleszenzen führen, weil wegen der steigenden Kosten entweder Firmen verlagert oder Produkte eingestellt werden.