Proaktiv gegen Ausfallerscheinungen »Obsolescence-Management beginnt in der Produktentwicklung«

Die größten Obsolescence-Risiken

Und worin bestehen Ihrer Meinung nach die größten Obsolescence-Risiken?

Firmen wie Rafi können mit ihren Bestellmengen die Entwicklungen am Komponentenmarkt nicht entscheidend beeinflussen. Dies gilt auch für andere Rohstoffe wie Kunststoffgranulate, Metalle oder zum Beispiel Beschichtungen, die aufgrund verschärfter Verordnungen nicht mehr verwendet werden sollen oder dürfen. Wenn man die Materialsituation nicht unter Kontrolle hat, läuft man Gefahr, Kundenbestellungen nicht mehr rechtzeitig bedienen zu können. Produktlaufzeiten und Ersatzteilverpflichtungen gestalten sich auch deshalb schwieriger, weil sie für elektronische Baugruppen im industriellen Umfeld viel länger gelten als im Bereich der marktbestimmenden Consumer Electronic. Aufgrund langer Entwicklungszeiten kann es passieren, dass Produkte, die auf dem neuesten Stand der Technik entwickelt werden, schon bei Serienstart aus Sicht des Life-Cycle-Managements gefährdet sind, weil sich Schlüsselkomponenten bereits in der Auslaufsteuerung befinden. Das Risiko steigt mit den immer kürzeren Lebenszykluszeiten von Komponenten, die als NRND – Not Recommended for New Design – auslaufen oder abgekündigt werden. Müssen abgekündigte Bauteile dann über Broker nachgekauft werden, kann dies zu erheblichen Mehrkosten führen.

Sie sagten vorhin, man müsse diese Obsolescence-Risiken proaktiv angehen. Was kennzeichnet ein proaktives Obsolescence-Management?

Rafi hat schon seit Jahren ein gut funktionierendes reaktives Obsolescence-Management etabliert – vor allem seit Einführung eines SAP-Workflow-Systems für das Änderungsmanagement im Jahr 2012. Durch die stark steigende Zahl von Product-Change-Notifications (PCN) und die damit einhergehende Bearbeitung der Änderungsakten wird aber wertvolle Konstruktionskapazität gebunden. Diese Ressourcenbindung von Entwicklern und Konstrukteuren erschwert – vor allem in Zeiten der Hochkonjunktur, wie wir sie aktuell erleben – die Abwicklung von Neuprojekten. Um dem entgegenzuwirken, braucht es proaktive Strategien, mit denen sich Änderungen vermeiden oder zumindest reduzieren lassen. Viele verbinden Obsolescence-Management mit der Serienproduktion und Langzeitverfügbarkeit von Produkten und Prozessen. Eigentlich beginnt es aber schon bei der Produktentwicklung, also einer strategischen Bauteilauswahl, um nach Serienanlauf nicht gleich in die ersten Obsolescence-bedingten Änderungen zu stolpern.