M&T-Forum "Obsolescence-Management" Obsolescence beginnt mit dem Design

Rege Diskussionen fanden am Markt&Technik-Forum "Obsolescence-Management" statt.

Die Zahl der Abkündigungen steigt Jahr für Jahr. Mittlerweile scheint das Problembewusstsein allerdings zunehmend in den Köpfen angekommen zu sein, so der Konsens der Teilnehmer am Markt&Technik-Forum zum Thema "Obsolescence-Management".

Schon im ersten Quartal 2018 habe es so viele Abkündigungen gegeben wie 2017 in einem halben Jahr, legt Irina Werle, Diplom-Betriebswirtin Supply Integration bei der BMK Group, die Fakten aus einer internen Datenerhebung offen – Tendenz steigend. »Ich vermute, dass aufgrund der Konsolidierungswelle, gesetzlicher Restriktionen und der momentanen Allokationssituation noch weitere Abkündigungen in gleichem Maße folgen.«

Die Allokation macht der Branche zu schaffen, allem voran die Verfügbarkeitsproblematik bei Keramikkondensatoren. Peter Sommer, Leiter des Technischen Vertriebs bei bebro electronic, empfindet die Situation als »hochgradig unbefriedigend«. Das Problem bestehe jedoch nicht darin, dass die Bauteile nicht verfügbar sind, sondern »dass wir noch nicht verstanden haben, wie wir damit umgehen.«

Ken Greenwood, Technical Sales Manager EMEA bei Rochester, geht davon aus, dass die Allokation noch eine Weile andauern wird. »Verzweiflung bringt Entscheidungen für die Versorgung mit sich. Es macht die Menschen risikofreudiger in der Lieferkette.« Nach Ansicht von Ulrich Ermel, Director New Business Development bei Puls, führt die Allokation auf Herstellerseite zu einem gewissen „Rosinenpicken“. »Auf der einen Seite gibt es das Standard-Obsolescence-Management, ein Problem, das es immer zu bewältigen gibt, und auf der anderen Seite ein kurzfristiges Demand-Problem, das auf der Herstellerseite dazu führt, dass knallhart umgeplant wird.« Denn Hersteller investieren ihm zufolge nicht mehr in alte Produkte, sondern stecken die Kapazitäten in die Entwicklung neuer Bauteile. »Damit schürt die Allokation indirekt diesen klassischen Obsolescence-Balken noch weiter an.«

Trotzdem sieht er auch auf Kundenseite Versäumnisse: »Eine vernünftige, langfristige Verfügbarkeit von 15, 20 Jahren ist sportlich, aber realistisch. Irgendwann muss der Kunde sich aber selber an der Nase packen und sich fragen, ob ein Produkt überhaupt noch eine Daseinsberechtigung hat.« Dass besonders alte Produkte in neuen Applikationen eingesetzt werden, birgt laut Axel Wagner, Leiter Consulting, Legal & Compliance bei Würth Elektronik, auch ein Risiko im Rahmen der Herstellerhaftung. Die Strategie von Würth Elektronik eiSos zielte in den letzten zwölf Monaten darauf ab, Lagerbestände vorzuhalten und in angemessenen Lieferzeiten auszuliefern. »Obsolescence-Management beginnt im Design«, erklärt Wagner. »Schon im Layout sollte die Überlegung miteinbezogen werden, eine Second Source vorzusehen.«

Der Lebenszyklus-Status eines Bauteils sollte schon in der Entwicklung mitberücksichtigt werden, führt auch Werle aus: »Es ist nichts schlimmer, als ein Produkt in den Markt einzuführen, das Bauteile enthält, die sich schon in der Rezession befinden.«

Merkt der Frosch, wenn er gekocht wird?

Einer beliebten Anekdote zufolge bleibt ein Frosch in einem kochenden Wassertopf, der langsam bis zum Sieden erhitzt wird, einfach sitzen, ohne zu merken, dass er sich verbrüht. »Viele Unternehmen sind wie dieser Frosch, der im Wasserglas sitzt und nicht merkt, dass er ein Problem bekommt«, sagt Dieter Paatsch, Electronic Components Manager bei Festo. »Jetzt langsam wachen die einen oder anderen auf, die einen früher, die anderen später. Durch Industrie 4.0 und andere Automatisierungsprozesse wird sich zeigen, wie gut die Firmen aufgestellt sind, und da werden Ereignisse wie die Beschaffungsschwierigkeiten bei den MLCC-Kondensatoren oder zum Beispiel die Abkündigung eines Sub-D-Steckers zum Stresstest.«

Das Problembewusstsein für Obsolescence wächst allerdings zunehmend, konstatiert Anke Bartel, Regional Product Manager bei Velocity Electronics: »Das nehme ich in der täglichen Arbeit, aber auch bei der COG wahr.« Die Component Obsolescence Group Deutschland e.V. werde im Markt zunehmend als Lösungsplattform für Obsolescence-Management wahrgenommen. »Der Zulauf gibt uns Recht. Aber ich glaube, es fehlt vielen Unternehmen aktuell die Zeit und die Personaldecke, das Thema strategisch anzugehen.«

Auch Dr.-Ing. Wolfgang Heinbach, Geschäftsführer von D+D+M und der GMP German Machine Parts, beobachtet ein zunehmendes Erwachen in der Branche. »Zu GMP und zur COG kommen erstaunlicherweise immer mehr Firmen aus dem Maschinenbau und informieren sich über Obsolescence-Management, weil jetzt bei den ersten Maschinen die Steuerungen abgekündigt werden. Teilweise lassen sich die Maschinen gar nicht mehr reparieren, weil es die Bauteile nicht mehr gibt.« Eingesetzte Nachfolgegruppen der benötigten Bauteile seien nicht mehr kompatibel mit der Maschine und führten dazu, dass die gesamte Steuerung ausgetauscht werden müsse.