Hersteller kündigen ihre Bauelemente immer schneller ab Mit Standards aus der Abkündigungsfalle?

Markt&Technik Round Tables »Obsolescence Management«
Markt&Technik Round Table »Obsolescence Management«

Die Industrie-Elektronik muss sich auf immer kürzere Produktlebenszyklen der Bauelemente einstellen. Viele Komponentenhersteller passen die Lebenszyklen der dominierenden Consumer-Elektronik an - oft mit fatalen Folgen für die Industriekunden. Können Standards hier für mehr Investitionssicherheit sorgen?

Dieser Frage gingen die Teilnehmer des Markt&Technik Round Tables »Obsolescence Management« auf den Grund und förderten interessante Fakten zutage: Zwar regeln die JEDEC-Normen 48 und 46, dass die Zeitschiene bei Änderungen und Abkündigungen mindestens sechs Monate bis zum Last-Time-Buy betragen muss, aber der genaue Inhalt und das Übertragungsformat oder wie lange ein Bauelement verfügbar sein muss, das in Industrie-Applikationen eingesetzt wird, sind bislang nicht normiert.

Und nicht mal an die Mindestanforderungen der JEDEC-Normen 48 und 46 hält sich jeder Hersteller, wie Karl Bayer weiß, Senior Project Manager, technisches Marketing von Hy-Line Computer Components: »Hersteller, die hauptsächlich den schnelllebigen Consumermarkt mit ihren Produkten bedienen, kommen auch beim Thema Abkündigung sehr schnell zum Last-Time-Buy.« Dass aber nach wie vor auch solche schwarzen Schafe unter den Herstellern überhaupt in Industrie-Applikationen zum Zug kommen, genau das ist nach Ansicht der Diskussionsteilnehmer der Knackpunkt, wie Rainer Maier erklärt, Technical Sales Manager Germany von Avnet Memec: »Viele Entwickler suchen sich ihre Bauteile aus dem Internet zusammen und fragen gar nicht lange nach dem Produktlebenszyklus.«  Dabei lassen sich durch die kluge Auswahl der Komponenten schon während des Schaltungsdesigns die Risiken, in die Abkündigungsfalle zu tappen, zumindest drosseln.

So rät Rainer Flattich, Sales Director EMEA von Spansion, eindringlich, bei der Auswahl seiner Hersteller genau darauf zu achten, in welche Bereiche der Hersteller liefert und welche Kunden er vorweisen kann. Das biete schon eine gute Orientierungshilf. Beliefert der Hersteller vorwiegend Segmente, die Wert auf Langzeitverfügbarkeit legen, dann spreche das für sich.

Aber eine Garantie habe man auch dann nicht, gibt Maier zu bedenken, denn mittlerweile veröffentlichen viele Hersteller zwar Roadmaps oder Informationen zu Produktlebenszyklen, aber auf die kann man sich nicht unbedingt verlassen. Läuft das Produkt nicht gut oder werden die Fertigungskapazitäten für andere Produkte benötigt, dann wird eben auch mal schneller abgekündigt, als in der Roadmap kommuniziert. Die Leidtragenden sind dann die mittelständischen europäischen Industriekunden, deren Marktmacht viel zu gering ist, als dass sie Einfluss auf die Abkündigungspolitik der Hersteller nehmen könnten. 

Aber so viel sei an dieser Steller zur Ehrenrettung der Hersteller gesagt: Es gibt auch Positiv-Beispiele. Eines davon ist der Speicherhersteller Spansion: Er beliefert mit seinen NOR-Flash-Speichern u.a. den Automotive-, Industrie- und Telekom-Infrastrukturbereich. »Weil sich Spansion auf diese Märkte fokussiert, haben wir uns schon frühzeitig intensiv mit dem Thema Langzeitverfügbarkeit und Obsolescene-Management beschäftigt und entsprechende Strategien und Prozesse umgesetzt«, erklärt Flattich. Spansion ist gemäß den Automobilstandards TS16949 zertifiziert. Das heißt, alle Prozesse, auch das Obsolesence Management, Abkündigungen und Product Change Notifications (PCNs), werden regelmäßig auditiert. Dass Spansion seine Produkte nicht einfach von heute auf morgen abkündigt, versteht sich also von selbst. »Wir liefern heute noch NOR-Flash-Speicher, die seit ca. 20 Jahren unverändert so produziert werden«, bekräftigt Flattich. Das ist sicher ein Novum in der Speicherindustrie.

Dass ein umfassender Standard dabei helfen könnte, das Problem der kurzen Verfügbarkeitszeiträume in den Griff zu bekommen, glaubt die Mehrheit der Diskussionsrunde aber nicht. Denn dafür bräuchte es zum einen ein weltweit agierendes Standardisierungskomitee - und das unter einen Hut zu bringen, ist schon mal aus den weltweit gänzlich unterschiedlichen Interessenslagen schwierig. Außerdem, so Bayer, werde ein solches Unterfangen den vielfältigen Gründen, die zu einer Abkündigung führen, und den Maßnahmen, die ein Hersteller für Ersatz im Einsatz der Ware treffen kann, nicht gerecht.

Einen Ansatzpunkt für eine Normierung sehen die Teilnehmer aber bei einer Standardisierung der PCNs, also den Änderungsmitteilungen, die von den Herstellern an Kunden und Distributoren versendet werden, sobald sich entweder Änderungen am Produkt ergeben, der Fertigungsprozess in ein anderes Werk transferiert wird oder eine Abkündigung bevorsteht. Wie solche Mitteilungen auszusehen haben, ist momentan nirgendwo - auch nicht in der JEDEC-Norm, geregelt.

Im Normalfall lässt sich aus der PCN auch nicht auf den ersten Blick herauslesen, ob es sich dabei nur um die eher lapidare Information einer Fertigungsverlagerung des Produktes handelt oder um eine Abkündigung. Auch sieht so eine PCN bei jedem Hersteller und Distributor anders aus.

»Bei der Flut von PCNs, die die betreffenden Stellen bei einem Kunden sichten und bearbeiten müssen, würden vielleicht groß geschriebene oder farbige Signalworte wie ’EOL’ und das Datum des Last-Time-Buy schon helfen. um sich schnell einen Überblick der Situation zu verschaffen«, so Bayer. 

Eine Vereinheitlichung der PCNs wäre also durchaus eine Erleichterung. Die COG-Deutschland (Component Obsolescence Group) hat schon einen Schritt in diese Richtung unternommen und mit dem Smart-PCN-Format einen umfassenden und leicht zu implementierenden Standard entworfen, der dem Kunden dabei helfen soll, die Flut an PCNs leichter zu verwalten. Das Format ist maschinell auslesbar und kann in jedem ERP-System ausgewertet werden. Einige Distributoren setzten das Format bereits ein, aber damit der Standard wirklich greift, braucht er eine breite Akzeptanzbasis. Derzeit ist die COG dabei, das Format im Markt bekannt zu machen, u.a. auf dem »Obsolescence Day« der COG auf der electronica, der am 14. November stattfindet.