Wie sich »Made in Germany« von Konsumelektronik rechnet Mit Auftragsfertigung zur Vollauslastung?

»Made in Germany« - bei TV-Geräten zählt Loewe zu den drei letzten hier verbliebenen Produzenten.
»Made in Germany« - bei TV-Geräten zählt Loewe zu den drei letzten hier verbliebenen Produzenten.

Auch wenn das Label »Made in Germany« im In- und Ausland eine hohe Reputation genießt: Wer Elektronikgeräte wie Fernseher, DECT-Telefone, W-LAN Router oder Diktiergeräte in Deutschland herstellt, muss sich nach der Decke strecken. Damit sich die Fertigung im Hochlohnland rentiert, bauen immer mehr OEMs auf das zweite Standbein »Auftragsfertigung«. Die etablierten EMS-Firmen betrachten diesen Trend skeptisch.

Zum Beispiel Gigaset: Der DECT-Telefon-Hersteller fertigt in Bocholt rund 14 Mio. Telefone pro Jahr für den Export in die ganze Welt. Möglich machen das die tiefe Wertschöpfung, eine hoch automatisierte Fertigung und eine ausgeklügelte Supply Chain. Gigaset produziert bis auf die elektronischen Bauteile fast alle Teile selber. Doch das Geschäft ist zyklisch und die Produktion deshalb nicht immer ausgelastet. Deshalb stellt der Hersteller seine Ressourcen auch als Auftragsfertiger zur Verfügung.

Das tut seit einigen Monaten auch Loewe: Loewe ist der größte von drei Fernsehgeräteherstellern, die immer noch in Deutschland entwickeln und produzieren. Alle anderen Hersteller fertigen längst in Millionen-Stückzahlen in Osteuropa oder Asien. Ein solches Szenario ist für die Kronacher Qualitätsschmiede mit etwa 1000 Mitarbeitern derzeit nicht denkbar. Loewe steht für »Made in Germany«, sehr hohe Qualität und höchste Design-Ansprüche mit vielfältigen Variationsmöglichkeiten - nichts für die Masse. Doch haben die TV-Geräte-Hersteller stark mit dem Strukturwandel zu kämpfen, der 2003/2004 mit dem Siegeszug der LCD-Fernseher seinen Lauf nahm. »Der Markt ist in Europa bzw. für europäische Hersteller in dieser Zeit fast zusammengebrochen«, erklärt Michael Gödel, Plant Director TV von Loewe Opta. »Anfangs waren die Flachbildfernseher für den Verbraucher noch viel zu teuer und hatten außerdem auch qualitativ Defizite.«

Loewe hat sich inzwischen gut von dieser Durststrecke erholt, fuhr 2011 das beste Jahresergebnis seit der Unternehmensgründung ein und erweiterte das Produktspektrum um hochwertige Audio-Geräte. Doch Hermann Zeuß, Manager Industrial Engineering, gibt offen zu: »Die Wertschöpfungstiefe in der Elektronikproduktion hat für uns deutlich abgenommen. Mit der Röhre stand ja nur die nackte Physik zur Verfügung, den Rest haben wir gefertigt. Mit den Flachbilddisplays hingegen bekommen wir ein Sub-System geliefert, das die Ansteuerelektronik schon beinhaltet.« Allein durch die eigenen Produkte hat Loewe keine Vollauslastung in der Fertigung mehr. Die Varianten der einzelnen Module haben zugenommen, die Stückzahlen dagegen sind gesunken. Ändern soll sich das nun mit dem zweiten Standbein »Auftragsfertigung.« Erste Referenzkunden hat Loewe bereits gewonnen, darunter den Automotive-Zulieferer Lear. Mittelfristig soll die Auftragsfertigung etwa 40 Prozent der Produktion ausmachen.

Gigaset und Loewe sind bei weitem nicht die einzigen, aber typische Beispiele dafür, dass »Made in Germany«  von elektronischen Konsumgütern längst kein Selbstläufer mehr ist. Wer erfolgreich in Deutschland produzieren will, muss sich strukturell und strategisch klug aufstellen, um nicht langfristig gegen die Billigkonkurrenz aus Asien zu verlieren. Meldungen wie die des Bitkom, dass die Nachfrage nach Unterhaltungselektronik in Deutschland ungebrochen stark ist, sind zwar erfreulich, lösen aber noch nicht das Problem des Kostendrucks, denn die meisten Verbraucher wollen möglichst billig kaufen. Und da kann »Made in Germany« oft nicht mithalten. Ob nun aber die Auftragsfertigung der Königsweg für einen OEM ist, um weiter in Deutschland produzieren zu können, ist die Frage.

Denn damit dringen Firmen in die Domäne einer seit Jahrzehnten etablierten und in den letzten Jahren sehr emanzipierten Branche ein, die ihr Geschäft verstehen und die hohe Varianz und Flexibilität beherrschen, die der Kunde vom EMS erwartet. Was passiert, wenn der OEM seine Linie wieder für die eigenen Produkte benötigt? Muss sich der Fremdkunde dann hinten anstellen? »Interne und externe Fertigungsaufträge werden gleich gewichtet«, stellt Gödel für Loewe klar, der externe Auftrag könne je nach Dringlichkeit auch Vorrang haben.

Die etablierten EMS-Firmen sehen die Entwicklung skeptisch, auch weil »sowieso schon sehr viele Kapazitäten im Markt vorhanden sind«, erklärt zum Beispiel Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics. Fakt ist, dass der Kostendruck auf die EMS-Branche durch die zusätzlichen Kapazitäten in Deutschland weiter zunehmen wird.