Elektronikdienstleister im Gespräch »Kundennähe zählt mehr als 2% Lohnunterschied«

Alle Teilnehmer
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Elektronikdienstleister sind erstaunlich flexibel und haben das Prinzip der Kundennähe und Kundenorientierung vorbildlich verinnerlicht. So unterschiedlich wie die Kundenanforderungen ist auch das Angebot von EMS-Dienstleistern. Markt&Technik lud zum Meinungsaustausch.

Die EMS-Industrie hat in den letzten Jahren gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Die Herausforderung für die EMS-Industrie besteht darin, auf die Individualität der Kunden einzugehen. Und das spiegelt sich auch in den unterschiedlichen Set-ups der EMS wider«, fasst Thomas Kaiser zusammen, CEO von CCS. Ob Global Player oder lokaler Dienstleister – jenseits des Consumer-Massengeschäfts wird die intensive Zusammenarbeit mit den Kunden immer wichtiger. Nach welchen Kriterien wird der EMS-Dienstleister ausgewählt? Darüber diskutierten Vertreter der EMS-Branche auf Einladung der Markt&Technik beim Forum „EMS“.

Unterschiede gibt es erst einmal in der räumlichen Präsenz der EMS-Dienstleister. Bis auf Plexus sind alle beim Markt&Technik-Forum „EMS“ versammelten Firmen mit einem Fertigungsstandort in Deutschland vertreten.

Beliebt ist flankierend dazu die Tandemstrategie mit einer Low-Cost-Fertigung in Osteuropa, meist in Bulgarien, Rumänien, Tschechien, Slowakei oder Ungarn. Nur einen Steinwurf von Europa entfernt liegt der Nahe Osten als attraktive und kostengünstige Alternative zu asiatischen Standorten. Tunesien gilt nach wie vor als attraktiver Fertigungsstandort, wäre da nicht der IS-Terror. Asteelflash ist mit zwei Werken dort vertreten und setzt nach Auskunft von Hans Magon, Geschäftsführer von Asteelflash, bewusst auf diese Region, nicht zuletzt auch deshalb, weil die neu gewählte tunesische Regierung sich dem Kampf gegen Korruption und gegen den „Islamischen Staat“ verschrieben hat.

Die Reaktionen der Kunden auf den Standort sind dennoch recht unterschiedlich: »Es gibt Kunden, die Nordafrika gleichsetzen mit dem „Islamischen Staat“. Kunden, die näher an der französischen Sprache sind, sind in der Regel aber sehr offen, wenn wir entsprechend argumentieren, denn in Tunesien hat in den letzten Jahren wirtschaftlich betrachtet die meiste Ruhe und Kontrolle bestanden, auch wenn sich aus Touristensicht durch die Medien ein anderes Bild darstellt.« Die Vorteile Tunesiens liegen laut Magon nicht nur in den günstigen Löhnen, sondern auch in der räumlichen Nähe. Innerhalb von nur zwei Tagen kann die Ware auf dem Seeweg in Europa sein. Nicht nur Bestandskunden von Asteelflash wissen diese Vorteile zu schätzen, auch Neukunden kommen auf den Geschmack. Letztlich könne jeder Kunde wählen, wo für ihn die Fertigung am besten passt, so Magon.

Mit einer anderen Krisenregion hat Thomas Kaiser Erfahrung: CCS fertigt seit 1986 an einem eigenen Standort in Sri Lanka. Politisch ist die Region inzwischen befriedet, wobei die wirtschaftlichen Kanäle laut Kaiser auch während der Unruhen geschützt waren. Immer wieder wird Sri Lanka allerdings von Umweltkatastrophen heimgesucht, wie jüngst im Mai 2016. Durch eine Schlammlawine wurden mehrere hundert Menschen getötet. CCS ist nicht nur Arbeitgeber, sondern engagiert sich in solchen Fällen auch mit Unterstützungsprogrammen. Die Regierung honoriert solches Engagement: 2015 wurde CCS als größter Devisenbringer des Landes ausgezeichnet. »Unser Werk in Sri Lanka hat sich von Anfang an sehr stark entwickelt und ist einer unserer erfolgreichsten Standorte«, so Kaiser.

Wo sollte oder muss ein EMS also präsent sein? Die Weltökonomie spielt bei der Standortwahl jedenfalls nicht die Hauptrolle. »Es zählt individuell der Kunde. Die Kunden möchten Nähe haben und dennoch in ihren Märkten vor Ort bedient werden, egal ob Nordamerika oder China«, stellt Arthur Rönisch fest, Geschäftsführer von Turck duotec. Wer diese Kundennähe nicht bieten kann, bekommt die Aufträge nicht, denn das wird zu kompliziert für den Kunden – und für den Dienstleister. »Es ist eine Utopie zu meinen, dass man einen Kunden von überall her als lokal aufgestelltes Haus weltweit bedienen kann«, gibt Thomas Kaiser zu bedenken.