Markt&Technik-Forum Obsolescence Kooperation mit VDMA beflügelt smartPCN

Teilnehmer am Obsolescence-Forum der Markt&Technik: Anke Bartel, TQ-Systems / Dr. Jörg Berkemeyer, IHS Global GmbH / Ulrich Ermel, Puls / Dr. Wolfgang Heinbach, GMP / Michael Knöferle, BMK Group / Hermann Reiter, Digi-Key / Axel Wagner, Würth Elektronik eiSos / Moderation: Erich Schenk, M&T

smartPCN, das von der COG Deutschland e.V. entwickelte, Datenbank-basierte Tool für die schnelle und einfache Handhabung von Produktänderungen und -abkündigungen (PCNs/PTNs), nimmt an Fahrt auf. In den Fokus des Obsolescence-Managements rückt neuerdings auch die EU-Chemikalienverordnung REACH.

Mit der Einbeziehung des VDMA und anderer interessierter Verbände sind wir auf einem guten Weg, mehr Rückhalt in der Industrie zu bekommen«, prognostiziert Axel Wagner, Compliance Officer der Würth Elektronik eiSos. Würth versendet bereits seit über einem Jahr die smartPCN-Datei automatisiert mit jeder PCN/PTN (Product Change Notification/Product Termination Notification), sodass die Kunden das »Kostenreduzierungspotenzial im Obsolescence-Management nutzen können«. Mit zunehmender Anzahl von Marktbegleitern, die auf smartPCN setzen, »steigt der Wettbewerbsdruck, diesen Kundenservice ebenfalls anzubieten«. Sobald namhafte Distributoren diese Form der PCN-Kommunikation anwenden würden, erhöhe sich der Druck auch auf die großen Halbleiterhersteller, auf smartPCN umzusteigen, womit dann international der Durchbruch »in kürzester Zeit bewältigt werden könnte«.

Die seit Jahren steigende Zahl an PCNs – 2014 waren es 40.000, 2016 verdoppelte sich die Zahl, um schließlich 2016 auf 120.000 zu klettern, und für 2017 werden 140.000 erwartet – ist gerade auch in Zeiten von Industrie 4.0 und IoT sowie der digitalen Transformation eine große Herausforderung für das Obsolescence-Management. Entscheidend ist laut Dr. Wolfgang Heinbach, Geschäftsführer von D+D+M und der GMP German Machine Parts, »eine funktionierende Kultur zu Änderungen/Abkündigungen zu entwickeln«. smartPCN und dessen Erweiterung/Überarbeitung auf Version 3.0 im Rahmen des VDMA-Einheitsblatts 24903 »sind Methoden dafür«. Veröffentlicht wird das Einheitsblatt des mitgliederstarken Verbands im vierten Quartal. Für den Druchbruch sei jetzt der wichtigste Schritt, den Standard in andere Branchen zu tragen und zu verhindern, dass jeder sein eigenes Süppchen (wie derzeit der ZVEI) kocht.

So hat etwa die Bundesvereinigung Logistik (BVL) großes Interesse an einer Kooperation bekundet. Wenn auf diese Art ein Momentum entstehe, würden nach und nach auch andere Branchen die PCN-Kommunikation via smartPCN nutzen. Sobald sich dann innerhalb Deutschlands ein Standard durchgesetzt habe, könne man als nächsten Schritt die ISO-Norm ins Auge fassen, um weltweit PCNs via smartPCN zu versenden. Typischerweise verstreichen zwei, drei Jahre, bis eine ISO-Norm erarbeitet worden ist. Das derzeit praktizierte manuelle Handling von PCNs ist arbeitsaufwendig und damit kostenintensiv. »In unserem Headquarter in den USA kümmert sich ein Team aus vier Mitarbeitern ausschließlich um PCNs«, sagt Hermann Reiter, Geschäftsführer der Digi-Key Electronics Germany. Auf der Homepage des weltweit größten Katalogdistributors sind rund 1,5 Mio. Produkte mit PCNs verlinkt, was 25 Prozent der Artikel ausmacht. Während Reiter sich die Frage stellt, »das kostet Geld, wer nimmt es in die Hand?«, ist für die übrigen Teilnehmer des Obsolescence-Forums klar, dass zumindest bei elektronischen Bauteilen sinnvollerweise der Hersteller smartPCNs erstellt, steht er doch am Anfang der Supply Chain. Der Arbeitsaufwand hält sich in Grenzen, angesichts der eh schon elektronisch vorliegenden PCN-Daten diese in eine XML-Datenbank zu überführen. Würth als Hersteller passiver Komponenten hat diese Umstellung schon hinter sich und verschickt seit gut einem Jahr standardmäßig mit der E-Mail auch die smartPCN als Anhang, weshalb Wagner aus eigener Erfahrung berichten kann, dass »ein Software-Entwickler nur drei bis fünf Tage« braucht, bevor sich eine ausgiebige Testphase anschließen kann.

Ulrich Ermel, Director New Business Development bei der Puls GmbH, sieht schon an Reiters Teilnahme am Forum, dass bei Digi-Key »im Unterschied zu vielen anderen Distis eine gewisse Offenheit gegenüber smartPCN vorhanden ist«. Und fügt aufmunternd an: »Bei E-Mails von Digi-Key ist das Look-and-Feel schon gut, es fehlt nur noch das XML-Attachment.« Der große Vorteil für Distributoren und deren Kunden ist in Zeiten zunehmender Machine-to-Machine-Kommunikation die automatische Erfassung der PCNs ohne die fehlerbehaftete Schnittstelle Mensch-Tastatur. Würde etwa von mehreren Distributoren in einem zeitlichen Abstand von mehreren Wochen an einen EMS-Kunden – der typischerweise mehrere Lieferanten hat - die gleiche smartPCN verschickt, wäre die Dublette anhand der Artikelnummer einfach und automatisch zu erkennen und zu entsorgen. Ein Mitarbeiter würde bei manueller Bearbeitung das eher nicht bemerken und die Arbeit ein zweites Mal machen.

smartPCN sei mitnichten ein Jobkiller für die derzeit mit PCNs befassten Mitarbeiter, die statt der monotonen, dennoch aber großen Fachkenntnisse voraussetzenden Tätigkeit »auch angesichts des Fachkräftemangels dringend in anderen Unternehmensbereichen benötigt werden«, sagt Anke Bartel, Leiterin Kundencenter 2 von TQ-Systems. Mit smartPCN als Standard würde überdies ein weiteres Manko beseitigt, schickt doch jeder Distributor seine PCNs in einem eigenen Format aus, das die manuelle Verarbeitung zusätzlich erschwert.