Interview Kabelbaum-Produktion: Steigerung des Automatisierungsgrads

Matijas Meyer, CEO der Komax-Group
Matijas Meyer, CEO der Komax-Group

Geht man durch das Werk eines Kabelkonfektionärs, sieht man, dass für die Kabelbaum-Produktion noch sehr viel Handarbeit erforderlich ist. Matijas Meyer, CEO der Komax Group, schätzt, dass »über die gesamte Wertschöpfungskette der Bordnetz-Produktion der Automatisierungsgrad unter 20 Prozent liegt«.

Markt&Technik: Vorweg gefragt, warum fällt es der Industrie so schwer, die Prozesse bei der Kabelbaum-Produktion zu automatisieren?

 Matijas Meyer Komax: Wer einmal die Gelegenheit hat, den Kabelbaum eines Autos zu betrachten, erkennt leicht, weshalb der Automatisierungsgrad nicht höher ist: In einem modernen Auto sind heute rund 1500 Kabel mit einer Gesamtlänge von 3,5 Kilometer verbaut. Ein Kabelbaum, bestehend aus so vielen Kabeln und mit hunderten von Steckgehäusen, ist ein sehr komplexes Konstrukt. Dieses maschinell herzustellen, ist deshalb nur teilweise möglich. Bei zahlreichen Prozessschritten in der Produktion ist der Mensch einer Maschine bzw. einem Roboter überlegen.

Und dennoch hat die Industrie in den letzten Jahren durchaus Fortschritte hinsichtlich der Automatisierung erzielt.Die Automatisierung hat sich im vergangenen Jahrzehnt Schritt für Schritt – wenn auch nur in kleinen Schritten – erhöht. Als Technologieführer haben wir aktiv dazu beigetragen.

Wir investieren jedes Jahr einen Betrag von rund 40 Millionen CHF in Forschung und Entwicklung, um Lösungen auf den Markt zu bringen, die unsere Kunden unterstützen, den Automatisierungsgrad weiter zu erhöhen und damit die Qualität zu verbessern. Ein Beispiel dafür ist unser Bestückungsvollautomat, den wir vor über zehn Jahren lanciert haben und mit dem unsere Kunden autarke Kabelsätze vollautomatisch herstellen. Mit dieser Maschine hat sich bei unseren Kunden der Automatisierungsgrad deutlich erhöht und die Fertigungszeit erheblich reduziert.

Wie wird es in den kommenden 10 Jahren weiter gehen, auch eher in kleinen Schritten?

Wir arbeiten intensiv an neuen Lösungen, die den Automatisierungsgrad weiter erhöhen werden. Wie schnell der Automatisierungsgrad steigt, hängt aber nicht nur von Unternehmen wie Komax ab, sondern sehr stark auch von den Automobilherstellern. Mit den momentanen Designs von Kabelbäumen sind der Automatisierung Grenzen gesetzt. Werden die Kabelbäume vereinfacht, könnte es möglich sein, dass die Automatisierung schneller voranschreitet als bisher.

Betrachten wir die aktuellen Trends, wie Miniaturisierung der Leitungen und Steckverbinder, Elektrifizierung des Antriebsstrangs und Autonomes Fahren. Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf ihr Geschäft bzw. die Bordnetz-Herstellung?

Alle genannten Trends sind grundsätzlich positiv für Komax, da sie für zusätzliches Wachstum sorgen. Die Miniaturisierung führt dazu, dass die manuelle Bearbeitung immer schwieriger oder teilweise gar unmöglich wird. Folglich müssen die Kabelkonfektionäre in Maschinen investieren. Auch die Elektromobilität ist ein Wachstumstreiber, da die Verarbeitung von Hochvoltkabeln neue Maschinen erfordert. Unser Unternehmen ist gut für diesen Trend gerüstet. Vor wenigen Wochen haben wir bei Komax Thonauer in Ungarn – unserem Elektromobilität-Kompetenzzentrum – unser neues Gebäude für Produktion, Engineering und Administration eingeweiht. Das größte Wachstum versprechen wir uns jedoch vom Autonomen Fahren. Auf dem Weg zum Autonomen Fahren werden die Fahrzeuge immer mehr Sensoren erhalten und viele zusätzliche Datenleitungen, die verarbeitet werden müssen. In diesem Bereich sind wir mit unseren Lösungen bereits gut positioniert und werden in den nächsten Jahren in deren Weiterentwicklung investieren. Zudem erhoffen wir uns, dass mit dem momentan stattfindenden Umbruch in der Automobilindustrie, hervorgerufen durch die genannten Trends, auch der Kabelbaum weiterentwickelt wird. Das heißt, dass er vereinfacht wird, so dass die Automatisierung bei der Herstellung zunehmen kann.

Gibt es daneben weitere wichtige Trends bzw. Entwicklungen, die aktuell ihr Geschäft beeinflussen?

Wichtig ist die Digitalisierung. Industrie 4.0 ist in aller Munde und auch bei uns ein zentrales Thema. Zum einen geht es um die Digitalisierung innerhalb von Komax und zum anderen um die digitale Produktion unserer Kunden. Wir wollen unseren Kunden Maschinen anbieten, die miteinander vernetzt sind und zunehmend intelligenter werden. Durch die Vernetzung erhalten unsere Kunden Transparenz bei der Leistung ihres Maschinenparks und der Qualität der Produktion. Dadurch können sie, falls nötig, frühzeitig korrigierend eingreifen und somit die Produktivität und Qualität kontinuierlich steigern.

Was sind derzeit ihre wichtigsten Produkte bzw. Verarbeitungsmaschinen?

Komax zeichnet sich durch das breiteste Produktportfolio am Markt aus. Das bedeutet, wir können unseren Kunden Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette bieten – vom Schneiden und Abisolieren bis hin zum Testen des Kabelsatzes. Unser bereits erwähnter Bestückungsvollautomat, die Omega 740 bzw. 750, ist weltweit einzigartig. Ein weiteres Highlight aus unserem Hause ist die Sigma 688 ST, der erste Verdrill-Vollautomat, der den Gesamtprozess von der Verarbeitung des Kabels über das Verdrillen bis zum Fixieren der offenen Kabelenden ermöglicht. Auch unsere Crimp-Vollautomaten Alpha 530 und Alpha 550, mit integrierter Einschneideüberwachung (ACD) für hochqualitatives Abisolieren und dem intelligenten Kamerasystem Q1250 für die automatisierte Crimpüberwachung, geben unseren Kunden Wettbewerbsvorteile. Letztendlich ist aber unser Produktportfolio viel zu groß, um alle wichtigen Automatisierungslösungen zu nennen.

Und welche Neuheiten stehen im Mittelpunkt ihres productronica-Auftritts 2019?

Wir zeigen Lösungen für die genannten Trends Elektromobilität, Autonomes Fahren und Digitalisierung. Komplett neu ist beispielsweise die Lambda 440, mit der wir den nächsten Schritt bei der automatisierten Fertigung von Hochvoltkabeln machen. Zudem demonstrieren wir unser Cloud MES. Und unter dem Namen „Komax Connect“ zeigen wir, welche Wettbewerbsvorteile sich für Kunden ergeben, wenn ihre Maschinen vernetzt sind. Komax Connect ist ein Portfolio an neuen Software-Dienstleistungen, das unseren Kunden ermöglicht, die Transparenz in den Werken zu steigern und damit das Optimum aus ihren Investitionen herauszuholen. Des Weiteren präsentieren wir mit „TSK Connect“ ein weiteres Highlight im Testing-Bereich.

Die Fragen stellte Corinna Puhlmann-Hespen

Komax finden Sie auf der productronica 2019 in Halle 5A, Stand 211.