Der Brexit und die Auswirkungen »Gute Nacht Europa?«

Der Brexit und seine Auswirkungen

Die Entscheidung der Briten für einen Austritt aus der EU kam überraschend und erwischte die Industrie kalt: Wie geht es jetzt für die Industrie weiter?

»Das ist kein guter Tag für Europa und aus unserer Sicht erst recht nicht für Großbritannien. Geografisch mag das Land eine Insel sein, politisch und ökonomisch ist es das nicht. Umso mehr kommt es jetzt darauf an, dass sich Europa nicht weiter auseinanderdividieren lässt.« – mit diesen Worten fasst ein Sprecher der Daimler AG das britische Votum zusammen.

Einen Aktionsplan für den »Brexit« haben die meisten Unternehmen nicht in der Schublade. »Nicht spekulieren, sondern erst einmal Business as usual« lautet zumindest nach außen allerorten die Devise. »Wir werden unser operatives Geschäft wie üblich fortführen und die Situation genau beobachten«, erklärt Miguel Fernandez, President Avnet EM EMEA wie viele seiner Branchen-Kollegen aus der Elektronik-Industrie.

Für die Elektroindustrie – Elektronik und Elektrotechnik – gehört Großbritannien zu den Kern märkten. Die Exporte der deutschen Elektroindustrie nach Großbritannien beliefen sich im Jahr 2015 auf 9,9 Milliarden Euro. Großbritannien ist damit der viertgrößte Abnehmer weltweit und der zweitgrößte in Europa. »Wir müssen nun abwarten. Der EU-Austritt der Briten ist ein großer Verlust. Der Brexit wird den Handel nach Großbritannien deutlich erschweren«, erklärt Dr. Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des ZVEI.

Großbritannien ist auch ein bedeutendes Investitionsziel deutscher Elektrounternehmen. Im aktuellsten Berichtsjahr 2013 betrug der Investitionsbestand der deutschen Elektroindutrie dort 2,7 Mrd. Euro. Das Land war damit hinter China und den USA sowie vor Spanien und Indien der drittgrößte ausländische Investitionsstandort der Branche.

Wer bislang wenig Umsatzvolumen nach Großbritannien geliefert hat, kann vergleichsweise entspannt reagieren, wie Bernd Hops, Leiter der Externen Kommunikation von Infineon: »Für unser operatives Geschäft hat der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union keinerlei Auswirkungen. Der Halbleiter-Markt dieses Landes ist vergleichsweise klein und Lieferbeziehungen werden bereits heute überwiegend in Pfund abgewickelt.«

Die meisten der von Markt&Technik befragten Firmen aus der Elektronik- und Automobilzulieferindustrie sehen kurzfristig keine oder nur moderate Auswirkungen auf ihr Geschäft. Dennoch bleibt die Verunsicherung. »Die langfristigen Einflüsse sind aufgrund der noch vielen offenen Punkte momentan nicht vorhersehbar«, erklärt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik.

Die Standortfrage

Wer eine Produktion oder gar sein Headquarter in UK bzw. Großbritannien betreibt, ist derzeit eifrig bemüht, Spekulationen um die Standortfrage zu entkräften oder erst gar keine zuzulassen: »Bevor die neuen Rahmenbedingungen nicht im Detail definiert sind, können wir uns zu konkreten Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien nicht äußern. Wir werden deshalb weder über den Ausgang der Verhandlungen noch über mögliche Auswirkungen auf unsere Produktionsstandorte in Großbritannien spekulieren«, stellt BMW klar.

Reinhard Sperlich, Murata Power Solutions erwartet für sein Unternehmen, dass sich am Standort in UK aller Wahrscheinlichkeit nichts ändern wird, »da das Know How vor Ort ist und nur schwer zu verlagern ist.« Murata Power Solutions fertigt in Großbritannien Stromversorgungen. Allerdings, so Sperlich, werde es für Unternehmen wohl unmöglich sein, eine gemeinsame europäische Firmenstruktur zu behalten.

Am Fertigungsstandort Großbritannien festhalten will nach Aussage von Adam Rawicz, Managing Director von TDK-Lambda EMEA auch der Stromversorgungs-Spezialist TDK-Lambda: Das Unternehmen fährt ein Hybrid-Modell mit einer Produktion in China für High-Volume-Assembly und einer Low-Volume-Fertigung in UK: »Auf dieses Erfolgsmodell werden wir auch künftig weiter setzen.« Warum auch, schließlich, so Rawicz, werde die Nachfrage nach den überaus erfolgreichen Produkten ja nicht plötzlich einbrechen.

Auch bei Bosch gibt es nach den Worten von Dr. Volkmar Denner, derzeit keine Pläne, die Investitionen in Großbritannien zurückzufahren. Bosch ist bereits seit 1898 in dem Land präsent. Mit einem Umsatz von rund 3,7 Milliarden Euro im Jahr 2015 ist Großbritannien nach Deutschland heute der zweitgrößte europäische Markt für Bosch. »Da wir traditionell in vielen europäischen Märkten erfolgreich vertreten sind, werden wir voraussichtlich weniger stark betroffen sein als Unternehmen, die das Land als Sprungbrett nach Europa nutzen. Zudem haben wir bereits Vorsorgemaßnahmen getroffen. Beispielsweise haben wir unsere Sicherungsquoten deutlich erhöht, um der Abwertung des britischen Pfundes entgegen zu wirken«, so Denner.