Stabilität im OEM-Geschäft, Wachstum über die Auftragsfertigung Grundig Business Systems will über die Auftragsfertigung wachsen

Roland Hollstein, GBS: »Wenn Sie als Unternehmen gut aufgestellt sind, wissen, woher Sie kommen und was Sie können, dann müssen Sie als Unternehmer auch in der Lage sein, mal ein raueres Wetter zu überstehen.«

Als Nachfolgeunternehmen der ehemaligen Grundig AG produziert Grundig Business Systems (GBS) in Bayreuth mit circa 150 Mitarbeitern Elektronik-Produkte: Als OEM fertigt das Unternehmen digitale und analoge Diktiergeräte und Zubehör. Seit 2007 ist GBS auch als Auftragsfertiger tätig und erwirtschaftet mit diesem Geschäftsfeld etwa 20 Prozent des Umsatzes. Diesen Anteil will Geschäftsführer Roland Hollstein in Zukunft deutlich ausbauen.

Markt&Technik: Was gab den Ausschlag, ins EMS-Geschäft einzusteigen?

Roland Hollstein: Unser EMS-Geschäft ist aus der Kompetenz der Mechatronik und der Entwicklung von Baugruppen entstanden. Wir wissen, wie elektronische bzw. mechatronische Geräte entwickelt und produziert werden. Warum also diese Expertise nicht auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellen? Und darüber hinaus ist das EMS-Geschäft natürlich ein interessantes Feld, um außerhalb unserer Kernprodukte weiteres Wachstum für das Unternehmen zu generieren. Denn der Diktiergeräte-Markt ist zwar ein stabiler Nischenmarkt, das Wachstumspotenzial ist aber weitgehend ausgereizt.  

Der Wettbewerb im EMS-Markt in Deutschland ist bekanntlich recht groß. Wo sehen Sie Ihre Vorteile?

Wir produzieren hier am Standort seit 50 Jahren Elektronik und punkten nicht nur durch unsere Expertise in der Baugruppenfertigung, sondern auch im mechatronischen Umfeld an der Schnittstelle zwischen Mechanik und Elektronik.

Auf der einen Seite OEM, auf der anderen Seite EMS – wie meistern Sie diesen Spagat?

Der Spagat gelingt uns ganz gut, weil wir ein festes und relativ stabiles Geschäftsfeld haben, das für ungefähr 80 Prozent unseres Umsatzes verantwortlich ist. Dadurch stellen wir die Grundelemente, wie zum Beispiel die Entwicklung, den Maschinenpark und die Versandlogistik, bereit und nutzen die Synergien für das EMS-Geschäft. Ich sehe das als komplementäres Angebot, nicht als Konkurrenz.

Diktiergeräte Made in Germany – wie rechnet sich das überhaupt noch?

Der professionelle Diktiergerätemarkt ist weltweit ein Nischenmarkt, den sich drei Unternehmen teilen: Speech Processing Solutions, Olympus und wir. Dieses Geschäft ist stabil und alles andere als zyklisch. Weil Diktiergeräte kein klassisches Consumer-Gut sind, sondern ein Arbeitsmittel, um Effizienz zu schaffen, kaufen die Kunden solche Geräte unabhängig von der Konjunktur oder der Jahreszeit. Wir haben eine fest angestammte Klientel, wie Rechtsanwälte und Mediziner, die seit Jahrzehnten Diktiergeräte nutzen und auch weiterhin nutzen werden. Über 40 Prozent unseres Umsatzes machen wir übrigens noch mit analogen Diktiergeräten.

Schwenken die Kunden nicht sukzessive auf Smartphones um? Viele davon haben ja ebenfalls schon eine Aufnahmefunktion.

Nein, ein Arzt wird niemals ein Smartphone verwenden, um professionell viel zu diktieren. Hinzu kommt, dass die Diktiergeräte auch über Funktionen verfügen, um z.B. Diktate direkt einer Patienten-Akte zuzuordnen. Der Arzt kann beispielsweise bei der Visite direkt diktieren und sein Diktat im Patienten-Verwaltungssystem ablegen. Apps auf dem Smartphone sind dann gerechtfertigt, wenn ich nur ein Memo aufnehme. Ich sehe sie als eine Ergänzung zum professionellen Diktiergerät.

Welche Fertigungsschwerpunkte hat GBS?    

Wir decken die Bereiche SMD, THT, Handbestückung, Montage und Test ab. Seit gut zwei Jahren ist es unser erklärtes Ziel, die komplette Wertschöpfungskette abzudecken, während wir in der früheren Vergangenheit eher die verlängerte Werkbank waren. Dadurch hatten wir viele schnelle Aufträge, die aber auch schnell wieder verloren gingen. Seit zwei Jahren bauen wir strategische Kunden auf, die wir im Entwicklungs- und Prototypenstadium unterstützen. Wenn die Zusammenarbeit gut läuft, bekommen wir dann auch meist die Serienaufträge.

Das heißt, Sie wollen schon möglichst früh mit dem Kunden zusammenarbeiten?

Ja, in der Tat. Wir wollen in der Entwicklungsphase bereits dabei sein und nicht nur Überkapazitäten für den Kunden abarbeiten. Denn das ist ein unsicheres Geschäft, weil die Unternehmen solche Aufträge auch wieder schnell abziehen und auf die frei gewordenen Linien im eigenen Haus transferieren.

Technisch interessant ist beispielsweise das Thema Package-on-Package: Ist das Thema aus Ihrer Sicht ein zunehmender technischer Trend? Mittlerweile bieten ja immer mehr auch kleinere EMS PoP an.

Wir haben diese Technik bereits in der Entwicklungsphase für einen Kunden und bekommen vermehrt Anfragen zu PoP. Das ist sicher eine Zukunftstechnologie. Wenn ein EMS-Dienstleister technisch vorne mit dabei sein möchte, muss er so etwas anbieten. Denn es gibt bei den Bauteilegrößen fast keine Möglichkeit der Miniaturisierung mehr, und somit halten vermehrt neue Packaging-Technologien Einzug in die Fertigung.

 

 

 


Das Interview führte Karin Zühlke
Roland Hollstein, GBS: »Wenn Sie als Unternehmen gut aufgestellt sind, wissen, woher Sie kommen und was Sie können, dann müssen Sie als Unternehmer auch in der Lage sein, mal ein raueres Wetter zu überstehen.«  

((+ Schmuckbilder))