Elf neue Kunden in Deutschland in einem Jahr Flextronics SBS Germany: »Lean« Produktion, üppiger Erfolg

Dr. Uwe Schmidt-Streier, Flextronics SBS Germany: »Der EMS-Markt in Deutschland ist mit Abstand der größte in Europa. Der Abstand wird zukünftig aufgrund des überdurchschnittlichen Wachstums der deutschen Wirtschaft wohl noch weiter zunehmen.«

Allein in Deutschland hat Flextronics SBS Germany im vergangenen Jahr 11 neue EMS-Kunden gewonnen. Das Erfolgsrezept? Die Flextronics-Tochter ist im Vergleich zur großen Mutter erstaunlich mittelständisch geprägt. Und genau das kommt laut Dr. Uwe Schmidt-Streier betont, Geschäftsführer von Flextronics SBS Germany, sehr gut an.

Markt&Technik: Strategie von Flextronics SBS ist es, sich auf das komplexe Low Volume/High Mix Geschäft zu konzentrieren und den Kunden in allen wichtigen Industrieländern eine lokale Fertigungsstätte zu bieten. Gleichzeitig haben die Kunden damit auch eine Brücke zu dem globalen Flextronics Netzwerk. Wie kommt diese Strategie an?

Dr. Uwe Schmidt-Streier: Diese Strategie hat sich sehr bewährt und uns geholfen, insbesondere vermehrt Kunden aus dem Mittelstand für uns zu gewinnen. So ist es uns alleine in Deutschland im letzten Jahr gelungen, dass sich 11 neue Kunden für unser Werk in Paderborn entschieden haben. Wir werden daher die SBS Strategie im Grundsatz so fortsetzen, allerdings uns noch stärker als bisher auf das komplexe Systemintegrationsgeschäft fokussieren, da wir hier aufgrund der hohen Wertschöpfungstiefe, die das Flextronics Netzwerk ermöglicht, unseren Kunden besondere Vorteile bieten können, also das »One Stop Shopping«.

Nach der neuen Erhebung von IHS isuppli soll der weltweite Markt für die Auftragsfertigung stagnieren. Inwieweit hängen Sie als Flextronics SBS von der Geschäftsentwicklung der Konzernmutter ab?

Wenn Sie von einer prognostizierten weltweiten Stagnation des EMS-Marktes im Jahr 2012 sprechen, habe ich dabei auch das massive Wachstum von 10 Prozent im Jahr 2011 vor Augen.

Selbstverständlich hat die globale wirtschaftliche Entwicklung auch Einfluss auf den Geschäftsverlauf von Flextronics SBS. Allerdings gibt es von Land zu Land und von Werk zu Werk auch deutliche Unterschiede, die auf regionalen Besonderheiten und den in den einzelnen Werken betreuten Kundenportfolios beruhen. Dadurch ergeben sich regionale Entwicklungen, die von den globalen Trends durchaus abweichen können. Da die Wirtschaft in Deutschland erfreulicherweise sehr robust ist und unsere Kunden größtenteils aus Deutschland bzw. dem benachbarten Ausland stammen, bin ich optimistisch, dass wir auch in diesem Jahr unser Kundenportfolio erweitern können und unsere Bestandskunden weiterhin erfolgreich am Markt agieren. Ich setze daher auf weiteres Wachstum für SBS Germany.  

Zum Ende letzten Jahres haben Sie auf meine EMS-Umfrage zur aktuellen Auftragslage geantwortet, dass Sie derzeit (Stand DEZ) keine großen Forecast-Veränderungen bei den Kunden feststellen oder gar Auftragsstornierungen. Nun sind seither gut zwei Monate vergangen. Die Euro-Schuldenkrise ist fast schon Alltag. Wie haben die Kunden inzwischen reagiert  - werden die Forecasts kurzfristiger?

Die Kunden-Forecasts bewegen sich weiterhin im gleichen Rahmen wie im letzten Jahr. Eine große Nervosität verspüren wir bislang nicht. Vielleicht hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Banken- und Staatsschuldenkrise bewältigt werden muss und wird, weil es dazu keine Alternative gibt. Allerdings können wir bei vielen unserer Kunden feststellen, dass als Lehre aus dem Krisenjahr 2008 die Forecasts mit deutlich größerer Sorgfalt und Vorsicht erstellt werden, um hohe Bestandsrisiken zu vermeiden. 

Planen Sie in diesem Jahr Erweiterungen und/oder nennenswerte Investitionen?

Wir haben im letzten Jahr unser Kundenportfolio erheblich erweitern können. Damit verbunden waren umfangreiche Investitionen, u.a. haben wir eine weitere High Speed SMT-Linie installiert. Im April dieses Jahres werden wir außerdem eine Lackieranlage in Betrieb nehmen, um speziell den Anforderungen unserer Kunden aus dem Bereich der Industrieelektronik Rechnung tragen zu können. Wir gehen von weiterem Wachstum in diesem Jahr aus. Falls sich unsere Pläne realisieren lassen, werden wir noch eine weitere SMT-Linie benötigen und dies trotz bereits unterstellter weiterer Verbesserung der Anlagennutzung.

Und welche technischen Herausforderungen sehen Sie auf die Auftragsfertigung in Mitteleuropa zukommen?

Aufgrund des ungebrochenen Wunsches der Kunden nach größerer Produktindividualität wird sich der Trend zu einer größeren Typen- und Teilevielfalt fortsetzen. Diese Diversifizierung bietet den EMS-Anbietern in Mitteleuropa verbesserte Chancen gegenüber den Wettbewerbern in Osteuropa bzw. Asien. Umgekehrt führt diese Entwicklung zu einer weiter ansteigenden Komplexität in der Produkteinführung, der Logistik sowie der Serienfertigung. Hier gilt es durch geschickte Clusterung des Produktspektrums in Technologiefamilien eine wertstromorientierte Fertigungsstruktur zu realisieren und damit die Komplexität beherrschbar zu machen sowie Durchlaufzeiten in der Größenordnung von Großserienprodukten zu ermöglichen. Wir arbeiten an entsprechenden Konzepten und haben bereits eine erste entsprechende Pilotlinie realisiert.

Ein »Hype-Thema« derzeit sind die Baugruppentechnologien für die Leistungselektronik zum Beispiel für den Einsatz in der Elektromobilität. Worin sehen Sie die - technischen - Herausforderungen in diesem Bereich?

Die Elektromobilität wird hoffentlich noch zu einem Hype führen. Im Augenblick sind die real produzierten Mengen noch sehr überschaubar. Flextronics ist in Deutschland im Bereich der Herstellung von Leistungselektronik sowohl für die Automobilindustrie als auch für den Bereich der erneuerbaren Energien tätig. Besondere technische Anforderungen liegen hier vorwiegend im Bereich des Testens der Baugruppen unter hohen Spannungen bzw. hohen Strömen.

Mal ganz unabhängig von der Euro-Schuldenkrise gefragt: (Wie) wird sich der EMS-Markt in Mitteleuropa verändern? Wird es Verschiebungen geben? Wenn ja in welche Regionen?

Der EMS-Markt in Deutschland ist mit Abstand der größte in Europa. Der Abstand wird zukünftig aufgrund des überdurchschnittlichen Wachstums der deutschen Wirtschaft wohl noch weiter zunehmen.

Die Tendenz zur Fertigung von preissensitiven Produkten in Asien bzw. in Osteuropa wird sich - wenn auch abgeschwächt - fortsetzen. Dennoch verbleiben bei rechtzeitiger Ausrichtung auf neue interessante Märkte genügend Chancen für EMS-Anbieter in Deutschland. Größere regionale Verschiebungen im Markt sehe ich nicht. Die Länder, die besonders von der Schuldenkrise betroffen sind, zählen nicht zu den Hauptmärkten der EMS-Industrie in Europa.