Leiterplatten-Supply-Chain in Europa? Flexibilität und Know-how sind die Schlüssel für die Fertigung in Europa

Auf dem vom ZVEI organisierten CEO-Round-Table »PCB Supply Chain Management« stand der Standort Europa im Mittelpunkt der Diskussion unter Leitung von Markt&Technik-Redakteurin Karin Zühlke. In der Produktentwicklung, in der Fertigung mittlerer Stückzahlen, in der hohen Flexibilität und dem tiefen technischen Know-how kann Europa nach wie vor punkten.

»Wir haben schon relativ früh Werke in China aufgebaut, und ohne die Werke würde es uns heute wahrscheinlich nicht mehr geben. Und wir haben eine Gesamtstrategie ausgearbeitet, nach der wir an den europäischen Standorten den Schwerpunkt auf die Entwicklung neuer Produkte und Technologien legen, die wir später nach Asien transferieren«, sagt Hannes Stahr von AT&S.

Aber auch andere Strategien können erfolgreich sein: »Uns dürfte es eigentlich gar nicht geben, denn wir haben nur einen einzigen Produktionsstandort und der liegt in Deutschland«, erklärt Dr. Udo Bechtloff von KSG Leiterplatten. »Als wir 50 Mio. Euro investiert hatten und damit unserer Kapazität hier verdoppelten, wurden wir belächelt. Aber die Fertigung ist jetzt schon gefüllt!«

Das zeigt: Die Kunden schätzen den Standort, weil er hohe Flexibilität verspricht, die sie auch für die Unterlieferanten benötigen. Schneller und termintreuer zu liefern als der Wettbewerb, darin liege der Schlüssel für den Erfolg der Fertigung hierzulande, denn das gibt dem Kunden den Mehrwert, den er braucht: Time-to-Market. »So lange es einen europäischen Mittelstand gibt, benötigen wir auch die Zulieferindustrie hier vor Ort«, so Bechtloffs Fazit. 

Und auch AT&S legt Wert darauf, Innovationen in Europa durchzuführen. Das Unternehmen hat – gerade in der Krise – die Integration von Komponenten in die Leiterplatte vorangetrieben. »Das sehen wir auch als eine Erweiterung der Supply-Chain«, sagt Stahr. »Hier sind wir Vorreiter und wollen das auch bleiben.«

Ähnlich die Strategie von Multek: Das Unternehmen verfügt über fünf Leiterplatten- und zwei Display-Werke in China und über Werke in Brasilien. Die Entwicklung führt Multek aber im Werk in Böblingen durch, dann produziert das Unternehmen über zwei bis drei Jahre an diesem Standort, bevor die Fertigung in hohen Stückzahlen in die Werke nach China wandert. »Das ist der Grund, warum Böblingen lebt«, erklärt Werner Widmann von Multek.

Auch die EMS-Firma cms electronics fertigt in Europa für Europa, wie Michael Velmeden erklärt. Damit sitze sein Unternehmen mitten in der Supply Chain. Ob die Komponenten, die er einsetzt, aus Europa kommen oder nicht, tangiert ihn eher weniger. Es komme darauf an, wie das Unternehmen die Bauelemente beschafft: Versorgungssicherheit und Fair Play spielten hier die entscheidende Rolle. Vertrauen und Ehrlichkeit, gerade in Zeiten von Engpässen.

Großen Wert auf eine lokale Supply-Chain legt auch Volker Pape von Viscom: »Wir benötigen die Hersteller von Baugruppen am besten vor unserer Tür, um unseren hohen Anspruch an Qualität hier erfüllen zu können. Auch insgesamt bin ich mir sicher, dass Europa weiterhin der Standort für die Fertigung von High-Tech-Produkten bleiben wird. Für uns muss also die Supply Chain regional sein«, sagt Volker Pape von Viscom. »Die Supply-Chain ist eben oft von Konflikten geprägt, da ist ein Partner vor der Tür wertvoll, mit dem man unkompliziert kommunizieren kann.«

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion sind sich also weitgehend einig, dass die Produktion in Europa ihre Vorteile hat und dass sie auch sehr wichtig für die Industrie hierzulande ist, vor allem für den Mittelstand. Schaut man sich am Beispiel der Leiterplattenindustrie an, wie viel tatsächlich hier noch gefertigt wird, dann sehen die Zahlen nicht sehr hoffnungsvoll aus: Der Anteil Europas am weltweiten Leiterplattenmarkt macht gerade mal 5,2 Prozent aus. Gibt es eine kritische Masse, unterhalb dessen die Produktion in Europa sowieso sinnlos würde und damit die Versorgung des Mittelstandes aus europäischen Quellen nicht mehr aufrecht erhalten werden könnte?

Michael Velmelden von cms erklärt, dass cms für die mittleren Stückzahlen mit den Leiterplattenherstellern vor Ort zusammen arbeitet, oft mit nur einem Partner. Der Leiterplattenmarkt bleibe aus seiner Sicht hier verankert. Ob der Anteil von 5,2 Prozent ausreicht, darüber will er sich allerdings kein Urteil erlauben. Für Dr. Udo Bechtloff ist klar, dass die Zulieferer der Leiterplattenindustrie vor einer schwierigen Situation stehen. Wenn nur vier bis fünf große Leiterplattenhersteller in Europa den kleinen Markt dominieren, dann lohnt es sich nicht mehr, nur für diesen Kundenkreis gesondert zu entwickeln.