Eine zukunftsträchtige Alternative zu Asien? Fertigungsstandort Tunesien: Pro und Contra

Johann Weber, Zollner Elektronik: »Wenn sie in China nicht 100 Prozent der für die Fertigung benötigten Komponenten beschaffen können, dann sind je nach Warengruppe hohe Importzölle fällig. Grundsätzlich gibt es das zwar in Tunesien auch, aber die Zölle sind wesentlich niedriger als in China.«

Seit 2007 fertigt Zollner induktive Bauelemente im tunesischen Beja, etwa 100 Kilometer westlich von Tunis. 2011 hat das Unternehmen seine Fabrik erweitert und auch künftig setzt Zollner auf den Standort: »Unsere langfristige Strategie ist, dass wir in Tunesien weiter wachsen möchten«, erklärt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik.

Markt&Technik: Wie kommt ein EMS-Unternehmen dazu, selbst Wickelgüter zu fertigen?

Johann Weber: Das ist historisch bedingt. Zollner wurde 1965 als Elektrofachgeschäft gegründet. Die Fertigung von Wickelgütern markierte dann den Anfang der industriellen Produktion von Zollner. Warum wir die Fertigung beibehalten haben, hat einen einfachen Grund: Wir legen großen Wert auf eine hohe Wertschöpfung im Haus. Momentan produzieren wir die Wickelgüter in Rumänien, Tunesien und Muster zur Qualifizierung in Zandt – dort übrigens auch in Heimarbeit.
Die Lohnkosten spielen bei induktiven Bauelementen bzw. Wickelgütern eine große Rolle, denn der Wertschöpfungsanteil beträgt rund 60 Prozent. Nur 40 Prozent entfallen auf das Material.

Kommen wir zu Tunesien: Wie hat der arabische Frühling das Land und das Marktumfeld verändert?

Die politische Machtverteilung befindet sich noch in einer Art Probezeit. Tunesien muss sich neu finden. Das nationale Selbstverständnis ist schwer zu bestimmen, weil es sich aus muslimischen Einflüssen, arabischer Tradition und französischen Prägungen zusammensetzt. Aktuell ist die Suche danach eng verbunden mit der Frage der Liberalisierung. Hinzu kommt, dass demokratische Strukturen in den politisch-gesellschaftlichen Bereichen noch nicht ausgeprägt sind. Öffentliche Institutionen wie der Arbeitgeberverband, die Gerichte, Polizei und Verwaltungen agieren teils doch noch »träge«.

Trotz der Unruhen im vergangenen Jahr haben Sie ihren Fertigungsstandort in Beja erweitert. Worin sehen Sie die Potenziale für das unternehmerische Engagement?
Tunesien verzeichnet eine hohe Präsenz deutscher Unternehmen, gute Investitionsbedingungen und eine wachsende Wirtschaft. Das Land ist nur etwa zwei Flugstunden von Deutschland entfernt und bietet zudem gute Möglichkeiten als Einstieg in benachbarte Länder. Für uns attraktiv sind auch die Zollerleichterungen und der Erlass der Mehrwertsteuer auf importierte Anlagen und Komponenten.

Und die Vorteile auf der Kostenseite?
Die Lohnkosten sind noch einmal günstiger sind als beispielsweise in Rumänien, die Entfernung und die Transportkosten sind moderat. Wobei die Transportkosten bei Wickelgütern insgesamt nicht so ins Gewicht fallen wie beispielsweise bei Modulen.

Worin sehen Sie die Vorteile von Tunesien im Vergleich mit China?

Da gibt es einige Faktoren, beispielsweise die Importzölle. Wenn sie in China nicht 100 Prozent der für die Fertigung benötigten Komponenten beschaffen können, dann sind je nach Warengruppe hohe Importzölle fällig. Grundsätzlich gibt es das zwar in Tunesien auch, aber die Zölle sind wesentlich niedriger als in China.
Auch was die Lohnkosten anbelangt, schneidet Tunesien im Vergleich mit China sehr gut ab. Wobei es natürlich darauf ankommt, in welcher Region in China Sie fertigen. Die Lohnkosten variieren hier sehr stark. Wir haben unsere EMS-Fertgung in Taicang, nördlich von Shanghai. Hier sind die Lohnkosten höher als irgendwo im Landesinneren.

Und umgekehrt: Wo schneidet Asien bzw. China besser ab?

In China haben wir deutlich mehr Möglichkeiten hinsichtlich der Fertigungstechnologien und der Beschaffung von kostengünstigen Bauelementen. Auch die Ausbildung der Arbeitskräfte ist weiter fortgeschrittener als in Tunesien. Speziell China hat mehr Erfahrungswerte in Produktion und eine bessere Infrastruktur als Tunesien.

Welche Herausforderungen muss Tunesien noch meistern, um auch langfristig attraktiv zu bleiben für ausländische Investoren?

Die Industrie dort ist noch sehr staatlich geprägt. Hier wäre eine zunehmende Privatisierung wünschenswert.Der Staat und die öffentliche Hand müssen meines Erachtens auch noch deutlich effektiver werden und schneller und flexibler reagieren. Zum Beispiel lagerten während der Unruhen im vergangenen Jahr Unmengen an Ware in verschiedenen Zolllägern, aufgrund der Ausgangssperren konnte zeitweise nicht gearbeitet werden. Ex- und Importe sind daher zeitlich teilweise erst um Wochen verzögert beim Empfänger angekommen. Hier hätte der Staat viel effektiver reagieren müssen, damit es keine Staus im Warenfluss gibt.  
Ein weiterer Punkt sind die sozioökonomischen Unterschiede im verarmten Süden und Westen. Auch hier besteht dringend Handlungsbedarf. Ein kritischer Punkt ist auch die hohe Arbeitslosigkeit. Vor allem bei jungen Akademikern liegt die Arbeitslosenrate bei rund 25 Prozent.

Beschäftigen Sie auch Akademiker in Ihrer Fabrik in Beja?
Wir haben derzeit nur einen kleinen Anteil an Akademikern in Beja. Denn entwickelt werden die Wickelgüter nach wie vor in Deutschland. Bei den Produktionsprozessen und dem Test wollen wir aber die jungen Akademiker langsam an die Herausforderungen heranführen. Die Mitarbeiter zu qualifizieren ist immer noch eine große Herausforderung. Die Basisgrundausbildung ist zwar gut, aber das Delta zwischen einem modernen Industriestaat und Tunesien ist schon noch sehr hoch. Um das theoretische Wissen, das in den Universitäten vermittelt wird, in der Praxis umzusetzen, sind technische Einrichtungen erforderlich. Und da gibt es noch einigen Nachholbedarf.

Das Interview führte Karin Zühlke