Die Wissenschaft hält Einzug EU-Kommission reagiert auf GaAs-Einstufung

GaAs: EU-Kommission reagiert
GaAs: EU-Kommission reagiert

Mehrere Überprüfungen und Abberufung des RAC-Vorsitzenden: Seit bekannt wurde, dass eine europäische Behörde Galliumarsenid über ein recht undurchsichtiges Verfahren in Europa praktisch verbieten könnte, hat die EU-Kommission das Ruder herumgerissen: Die Wissenschaft soll mehr Geltung erhalten.

Galliumarsenid (GaAs) nicht mehr verwenden zu dürfen, hätte erhebliche Auswirkungen auf die europäische Industrie. Die betroffenen Unternehmen und Institute bemängeln aber schon seit über einem Jahr die Intransparenz des Verfahrens der zuständigen europäischen Behörde. Die EU-Kommission hat jetzt deutlich reagiert.  

Das war auch dringend erforderlich. Denn eine so weit reichende Entscheidung wie das Verbot von GaAs müsste zur Voraussetzung haben, dass die Gefährlichkeit von GaAs für die Gesundheit hieb- und stichfest nachgewiesen und das Risiko angemessen bewertet worden ist. Wenn am Ende der Untersuchung als Ergebnis steht, dass GaAs tatsächlich gefährlich ist und dass die ernstzunehmende Aussicht besteht, dass GaAs-Chips ein Krebsrisiko darstellen, dann müsste die Substanz Beschränkungen unterworfen werden.

Mangelhaftes Bewertungsverfahren

Eine Untersuchung, die diesen Kriterien genügt, hat aber bisher offenbar nicht stattgefunden. Das aktuell bei der Europäischen Chemikalien Agentur (ECHA) in Helsinki anhängige GHS-Bewertungsverfahren (Globally Harmonised System) scheint sich eher durch erhebliche Mängel auszuzeichnen. Darauf lassen jedenfalls die ungewöhnlich deutlichen Reaktionen aus Brüssel schließen.

Die EU-Kommission hat schon allein in diesem Fall zweimal reagiert und das zuständige Expertengremium (Risk Assessment Committee, kurz RAC) der ECHA dazu verdonnert, die Sache neu aufzurollen. Vorläufiges Ergebnis: Das RAC zieht seine Aussage zurück, dass eine Krebswirkung beim Menschen bekannt sei (Einstufung in Klasse 1a).

Und noch ein ungewöhnlicher Vorgang hat stattgefunden: Bis Ende 2011 war der spanische Vorsitzende des RAC überzeugt, GaAs müsse eine schädliche Wirkung auf die männliche Fruchtbarkeit haben. Im November 2011 bekam man in Brüssel dann offenbar Zweifel an der Wissenschaftlichkeit dieser Auffassung. Die ECHA wurde angewiesen, den Fall zu überprüfen. Gleichzeitig wurde der RAC-Vorsitzende abberufen und ein renommierter Münchner Toxikologe aus den Reihen des RAC als Berichterstatter bestimmt. Prompt bestätigte der im Juni 2012 die große Berechtigung der Brüsseler Befürchtungen aus toxikologischer Sicht.

Überraschend ist das Votum aus München nicht, erscheint doch in der Oktoberausgabe des angesehenen Fachjournals »Regulatory Toxicology and Pharmacology« dazu eine bereits online verfügbare Studie führender amerikanischer und deutscher Toxikologen. Auch sie folgen dem Standpunkt des früheren RAC-Vorsitzenden nicht. Für die junge Europabehörde in Helsinki ist das Aufgeben der einmal bezogenen Positionen offenbar schwer. Schließlich geht es um Ansehen und Einfluss. In jedem Fall dauert der Streit an. Dass nun aber überhaupt eine Diskussion in Gang kommen kann, ist sehr wichtig, denn die Kritiker des Einstufungsverfahrens hatten vor allem eines bemängelt: die Intransparenz und die unwissenschaftliche Vorgehensweise des RAC.

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Wo steckt Galliumarsenid drin?

Der drohende Verbot von Galliumarsenid wirft die Frage auf, wo das Halbleitermaterial momentan überall eingesetzt wird.

Das RAC entscheidet per Mehrheit darüber, welche Klassifizierung Substanzen wie GaAs erhalten. Dabei wurde die Entscheidung bisher regelmäßig von einem vergleichsweise kleinen, abgeschotteten Kreis vorangetrieben. Bei Abstimmungen folgte ihm oft ein RAC, von dessen 39 Mitgliedern nur die Minderheit auf Menschen spezialisierte Fachtoxikologen sind. Argumenten von außen schien sich dieser Kreis zu verschließen. »Eine öffentliche Diskussion fand bisher tatsächlich nicht statt, Eingaben zu den öffentlichen Anhörungen wurden allzu oft mit knappen Kommentaren abgekanzelt«, sagt Industrieberater Dr. Hermann Schenk.

Im Falle von GaAs hatte sich das RAC hauptsächlich auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen, die größtenteils über zehn Jahre alt sind und nicht  mehr heutigen Erkenntnissen entsprechen. Neuere Erkenntnisse aber wollten die Behördenvertreter in ihr Entscheidungsverfahren gar nicht erst aufnehmen, sie mussten dazu aus Brüssel angewiesen werden. »Vor den Augen wissenschaftlicher Auguren fände das keine Gnade. Chemikaliensicherheit und gute Wissenschaft sollten keine Frage politischer Mehrheitsbildung im Verborgenen sein. Wissenschaft lebt davon, dass Ergebnisse in aller Öffentlichkeit diskutiert werden und sich alle Experten an der Diskussion beteiligen können«, erklärt Dr. Hermann Schenk.