Obsolescence-Management durch den EMS (Electronics Manufacturing Services) »Es lohnt sich, schon im Design-in-Prozess mit dem Obsolescence-Management zu beginnen«

Ulrich Ermel, TQ: »Viele Entwickler betrachten den Lebenszyklus von Bauelementen noch immer als untergeordnet.«

Obsolescence-Management in der Elektronikfertigung ist zwar nicht neu, gewinnt aber angesichts der aktuell zugespitzten Liefersituation von Komponenten wieder an Bedeutung. »Viele Entwickler betrachten den Lebenszyklus von Bauelementen noch immer als untergeordnet«, erklärt Ulrich Ermel, verantwortlich für das Obsolescence-Management bei TQ-Systems, »und designen Komponenten ein, die ihren Zenit längst überschritten haben.«

Bauelemente sind nicht »auf ewig« verfügbar - eine Tatsache, für die viele Kunden nach Ansicht von Ulrich Ermel noch nicht genug sensibilisiert sind. Kürzere Produktlebenszyklen und der Innovationsdruck, unter dem die Halbleiterhersteller stehen, führen dazu, dass die Verfügbarkeitsdauer von Bauelementen immer weiter zurückgeht. Um unangenehme Überraschungen durch Bauteil-Abkündigungen oder -Änderungen zu vermeiden, empfiehlt Ermel, schon im Design-in-Prozess, also lang bevor ein Produkt final qualifiziert wird, mit dem Obsolescence-Management-Prozess zu beginnen. Zwar könne TQ in allen Stufen ins Obsolescence-Management einsteigen, so Ermel, aber je früher, desto besser. Nicht zuletzt deshalb plädiert er dafür, den EMS-Dienstleister schon im Entwicklungsstadium des Produktes mit einzubeziehen. Prinzipiell empfiehlt Ulrich Ermel das Obsolescence-Management für alle Produkte, es sei denn, ein Produkt soll nur einmalig und in einer kleinen Stückzahl oder als Losgröße 1 gefertigt werden. In solchen Fällen sei kein Obsolescence-Management erforderlich, so Ermel.

Die Grenzen zwischen Consumer- und Industrie-Bauteilen verwischen

»Der Markt bewegt sich sehr schnell, und die Grenzen zwischen Consumer– und Industrie–Komponenten verwischen immer mehr«, so Ermel. Die Folge daraus ist, dass auch die eigentlichen Industrie-Komponenten der Marktdynamik der Consumer-Bauteile unterworfen sind und die Kunden mit zahlreichen Änderungs- oder Abkündigungsmitteilungen konfrontiert werden. Unter Umständen müssen in der Folge Bauteile ersetzt und/oder die Konstruktion angepasst werden. »Und das erfordert wiederum eine erneute Qualifikation. In Summe verursachen das Abarbeiten solcher Meldungen und die Konsequenzen des Product Lifecycle Managements beachtliche Kosten«, gibt Ermel zu bedenken. TQ bietet das Obsolescence-Management als zusätzliche und kostenpflichtige Dienstleistung an. Als Datenbasis dient TQ das ERP-System »SAP«, in dem sämtliche Bauteile und die jeweils für das Obsolescence-Management relevanten Parameter im eigens entwickelten Modul hinterlegt sind und regelmäßig eingepflegt werden. Ein Prognose-Algorhythmus berechnet aus diesen Angaben das voraussichtliche Abkündigungsdatum eines Bauteiles. Das Procedere ist auf den ersten Blick simpel: »Wir analysieren die Kundenstückliste auf obsolet gefährdete Bauteile, filtern diese heraus und vereinbaren mit dem Kunden im Obsolescence-Management-Plan, in welchen Zyklen wir diese gefährdeten Bauteile überwachen.« Wie oft die einzelnen Komponenten bewertet werden, hängt laut Ulrich Ermel von der Art der Komponenten ab: »Bei den Reglern, z.B. einem Spannungsregler, reicht eine quartalsweise Beurteilung aus. Speicher dagegen beurteilen wir einmal im Monat, Flash-Speicher sogar wöchentlich. Generell gilt: Für alle Bauteile, die nahe am Consumer-Bereich sind, ist ein wöchentliches Monitoring empfehlenswert.«

Was ist, wenn der Kunde ein obsoletes Produkt eindesignt hat? Es gibt Klassiker, die der Entwickler immer wieder gerne verwendet – obwohl sie bereits abgekündigt oder in der »Auslauf-Phase« sind, wie Ermel an einem Beispiel erläutert: »Der digitale Temperatursensor LM75CIMM von National Semiconductor ist von National bereits seit 2004 als »not recommendend for new design« gekennzeichnet. Die Entwickler benutzen diesen Baustein aber immer wieder gerne. Bei unserer Obsolescence-Prüfung würde dieses Bauteil herausgefiltert. In solchen Fällen definieren wir gemeinsam mit dem Entwickler Alternativen, die nach Formfaktor, Grenzwerten und Pinkompatibilität in Frage kommen.« Grob geschätzt, macht es laut Ermel bei den meisten Stücklisten Sinn, für 20 Prozent der Bauteile Alternativen anzugeben: Zwar sehen die Stücklisten in einigen Fällen von vorne herein Second Sources vor, »aber es könnten mehr sein«, meint er. Umso sicherheitskritischer die Applikation ist, umso mehr Aufwand verursacht die Alternativensuche und umso weniger Second Sources sind erfahrungsgemäß angegeben. Weil Single Sources auf der Stückliste grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen sind, muss beispielsweise jeder TQ-Entwickler eine extra Freigabe durch den strategischen Einkauf bzw. durch das Obsolescence-Management einholen, bevor  er ein solches Bauteil eindesigned.