Interview mit EOS »Es gibt nicht DEN EINEN 3D-Druck«

Losgröße 1 zu vertretbaren Kosten

Und was zeichnet die EOS-Technologie besonders aus? 
Die additive Fertigungstechnologie von EOS ermöglicht eine umfangreiche Funktionsintegration, etwa von Federn oder Scharniergelenken, in die Bauteile – bereits während der Produktion. Dadurch lässt sich die Zahl der Einzelteile, aus denen ein Produkt besteht, deutlich reduzieren. Das verringert nicht nur die Montagekosten, sondern auch den Verwaltungsaufwand zum Beispiel in ERP-Systemen. Durch konstruktives Überarbeiten oder sofortiges Ausrichten der Bauteile auf die neue Fertigungstechnik lässt sich das wirtschaftliche Potenzial der additiven Fertigung optimal ausschöpfen.

Ein Argument für den industriellen 3D-Druck ist das Kostensenkungspotenzial in der Fertigung. Inwieweit lässt sich diese Aussage verallgemeinern? 
Selbstverständlich kommt es dabei auf die Anwendung an. Aber die additive Fertigung ermöglicht definitiv Kostenvorteile – sowohl bei Einzelstücken als auch bei der Serienfertigung. Denn die Komplexität eines Bauteils spielt für die Produktionszeit und -kosten bei der additiven Fertigung kaum eine Rolle. Bei konventionellen Fertigungsverfahren wie Fräsen, Drehen oder Gießen sind die Produktionskosten stark an die Komplexität eines Bauteils gekoppelt. Der Grund: Meist ist das Anfertigen komplizierter Werkzeuge oder aufwendiger Sonderlösungen notwendig. Solche speziell angefertigten Bauteile kommen in vielen Branchen zum Einsatz. Bei Zulieferern sind sie wegen des ständigen Zeitdrucks stets ein Risikofaktor für eine termingerechte Fertigstellung. 

Das werkzeuglose Laser-Sinter-Verfahren ermöglicht eine schnelle, präzise und wirtschaftliche Herstellung von komplexen Bauteilen – auch bei kleineren Serien bis hin zu Losgröße 1. Bei der additiven Fertigung ist fast ausschließlich die Außengeometrie kostenrelevant. Die Komplexität eines Bauteils spielen für Produktionszeit und -kosten dagegen kaum eine Rolle. Anspruchsvolle Leichtbaustrukturen können oft sogar Gewicht und damit Materialkosten sparen. Der Bau eines Spritzgusswerkzeugs für die Produktion von Becherhaltern verdeutlicht die Vorteile der additiven Fertigung von EOS: Hersteller Innomia hat die Technologie mit dem Ziel eingesetzt, die Produktionszeit und damit die Kosten zu reduzieren. Das EOS-Verfahren hat sich dabei bewährt – Innomia profitiert von einer schnelleren und erheblich günstigeren Fertigung. In Zahlen ausgedrückt sind das eine  

•eine um 43% geringere Kühlzeit: 16 statt 28,5 Sekunden,

•eine um 31% kürzere Durchlaufzeit (26,5 statt 38,9 Sekunden),

•eine um 43% geringere Produktionszeit für das Spritzgusswerkzeug (13 statt 23 Tage)

•und eine unverändert hohe Funktionalität.

Mit den 3D-Druckern für den Hausgebrauch, die nur noch einige hundert Euro kosten, wurde der 3D-Druck inzwischen auf breiter Front salonfähig. Nützt diese breite Akzeptanz oder betrachten Sie den Einzug der Billig-3D-Technologien eher als Konkurrenz für Ihr teureres Laser-Sinter-Verfahren?
Der Hype um den 3D-Druck nutzt der gesamten Branche, weil er die dahinterstehenden Technologien ins öffentliche Bewusstsein bringt. Natürlich bringt ein Hype auch immer die Herausforderung mit sich, dass es zu überzogenen Erwartungen an das kommt, was eine Technologie (bereits) können soll. Umso mehr gilt es, immer wieder zu differenzieren, wer die Zielgruppen unterschiedlicher Verfahren sind, wie unterschiedlich sie funktionieren, was sie können und was ggf. auch (noch) nicht. Jedes Marktsegment – sei es Endverbraucher oder Industrielle 3D Drucker – hat seine Berechtigung. Ich halte es jedoch für schwierig »billige« 3D-Technologien 1:1 mit »teureren« Verfahren zu vergleichen, denn die Einsatzgebiete sind völlig unterschiedlich. Ein Endverbraucher würde sich eines unserer Systeme sicherlich nicht anschaffen, denn diese Industriesysteme sind sehr komplex und setzen Fachkräfte und Fachwissen voraus, um hochqualitative Teile für die hochkomplexen Anforderungen der Industrie zu erzeugen. Im Gegensatz dazu kann man bei der Anschaffung eines Endverbrauchersystems mit geringen Vorkenntnissen und nach kurzer Einführung schon einfache Teile erzeugen.

Hinzu kommt, dass der Preis des 3D-Druckers im Low-End Bereich nur auf den ersten Blick günstiger ist. Sieht man sich die Kosten pro Bauteil an, wird man schnell feststellen, dass unsere Anlagen, obwohl sie in der Anschaffung viel teurer sind, wegen ihrer Produktivität deutlich günstiger fertigen. Außerdem bietet das Aufschmelzen bislang die einzige Möglichkeit industriell einsetzbare Produkte zu erzeugen, die über homogene Material- bzw. Bauteileigenschaften verfügen.

Das aktuelle Hype-Thema in Deutschlands Industrie ist die »Industrie 4.0«. Darin spielt auch der Gedanke eine wichtige Rolle, Losgröße 1 in Deutschland flexibel und wirtschaftlich fertigen zu können. Ist das eine weitere Chance für die additive Fertigung?
Industrie 4.0 beschreibt die vollständige Vernetzung der Produktionswelt untereinander. Unsere Technologie ist sowieso direkt an die digitale Software-Welt angebunden, daher ist das für uns keine Neuerung, sondern wir sind jetzt schon integraler Bestandteil der Industrie 4.0.

Losgröße 1 zu vertretbaren Kosten ist eine der Stärken der additiven Fertigung. Für das System ist es gewissermaßen egal, wie viele Teile auf einer Bauplattform gefertigt werden. Letztlich ist die additive Fertigung im Prototypenumfeld groß geworden, wo es sehr häufig um Losgröße 1 oder um Klein- und Kleinstserien geht. Zwar sehen wir mittlerweile auch ein wachsendes Interesse dafür, die additive Fertigung in der Serienfertigung einzusetzen. Aber auch hier bedient unsere Technologie z.B. einen Megatrend hin zur Produktindividualisierung, und damit gewissermaßen auch hin zu einer Losgröße1. 

Vor Kurzem haben Sie 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Wie lauten die Unternehmensziele für die nächsten Jahre?
Kurz zusammengefasst: Wir wollen die additive Fertigungstechnologie von EOS für die industrielle Serienfertigung etablieren und dabei Technologie- und Marktführer im Bereich der additiven Fertigung auf Basis des Laser-Sinterns bleiben. Parallel dazu werden wir die EOS-Organisation weiter ausbauen, die den Anforderungen der neuen Kundensegmente aus dem Fertigungsumfeld Rechnung trägt.