EMS »Es gibt eine klare Existenzberechtigung für High-Cost«

Seit September 2009 firmiert die ehemalige Prehtronics nach der Übernahme durch Lacroix Electronique als Lacroix Electronics. Doch nicht nur der Name ist neu, auch strategisch hat sich Lacroix Electronics mit der »Tandem-Strategie« aus High- und Low-Cost ein neues Antlitz verpasst.

»Dadurch können wir unseren Kunden in unseren Fokusmärkten Medizintechnik, Automotive und Avionik jeweils ein standortnahes Produktionswerk für Klein- und Mittel- sowie entsprechende Werke für Großserien anbieten«, erklärt Ansgar Schröder, Geschäftsführer Lacroix Electronics und Vice President Sales Lacroix Electronique.

Lacroix Electronics ist die deutsche Tochter des Europäischen EMS-Anbieters Lacroix Electronique. Mit einem Umsatzvolumen von 115 Mio. Euro bewegt sich die Lacroix Electronique im Mittelfeld der europäischen EMS-Unternehmen. Der deutsche Standort in Willich gehört seit Juli 2008 zu Lacroix Electronique und firmierte bis vor kurzem als ehemalige Tochter des Automotive-Unternehmens Preh als Prehtronics. Mit dem einheitlichen Namen für alle Standorte will das Unternehmen auch an Profil gewinnen: »Über unsere Tandem-Strategie wollen wir unseren Markenauftritt schärfen«, so Schröder. »Damit können wir dem Kunden ein Komplettangebot für sein Produkt aus High- und Low-Cost bieten. Als Prehtronics waren wir ein Mittelständler mit einer nur auf kleinere Stückzahlen ausgerichteten High-Cost-Anbindung. Die Einbindung in die Lacroix-Gruppe eröffnet uns ganz neue Marktchancen.«

Tandem aus High- und Low-Cost Standort

Klein- und Mittelserien produziert Lacroix Electronics gemäß der Tandem-Strategie in Deutschland oder Frankreich, die großen Stückzahlen gehen an die Werke in den Low-Cost Regionen Polen oder Tunesien. Die Produktionsstätten von Lacroix Electronique sind jeweils auf bestimmte Marktsegmente wie Automotive, Avionik, Medizintechnik und Industrial spezialisiert und entsprechend zertifiziert. So ist das Werk in Polen nach TS16949 für den Automotive-Bereich und seit Februar auch für die Medizintechnik zertifiziert; an der Avionik-Zertifizierung der tunesischen Fertigungsstätte arbeitet Lacroix Electronique derzeit. Trotz des Bekenntnisses zu Niedriglohn-Regionen, ist und bleibt  »High-Cost« ein wichtiges Standbein für das EMS-Unternehmen. »Es gibt die klare Existenzberechtigung für »HighCost«, konstatiert Schröder, »weil Prototypen und Kleinserien mit höheren Änderungsgraden deutlich günstiger in Mitteleuropa gefertigt werden können, als im Low-Cost-Land.« Die Produktionsdurchlaufzeit ist kürzer und der Ausbildungsgrad der Mitarbeiter höher. »Das heißt besonders in der Phase, in der ein Produkt für die Serie vorbereitet und letztlich zur Serienreife überführt wird, ist es wichtig, dass wir im High-Cost-Werk schnell und flexibel Änderungen durchführen können und dass die Auslieferzeiten an den Kunden gering sind«, sagt Schröder. Dabei gehe es natürlich auch um die Time-to-Market eines Produktes, ein oft entscheidender Wettbewerbsvorteil für den Kunden. Erst wenn das Produkt gewisse Stückzahlen erreicht hat und sich »eingependelt« hat, dann  spielen die Stückkosten eine maßgebliche Rolle. »Ab diesem Zeitpunkt macht es wirtschaftlich Sinn, die Serie in das Niedriglohn-Werk zu transferieren«, so Schröder.

Frankreich und Deutschland können beide auf die Low-Cost-Werke zugreifen. Die Projektkoordination teilen sich die Standorte: »Das Werk in dem die Serie anläuft, koordiniert das Projekt. Die Avionik-Projekte beispielsweise laufen über das zertifizierte Werk in Frankreich. Die Märkte Automotive und Medizin koordinieren wir von Deutschland aus und transferieren ab dem entsprechenden Volumen in das spezialisierte Werk in Polen «, beschreibt Schröder.

Low-Cost vs. High-Cost?

Betrachtet man die Gesamtkosten, wo liegen dann die Fallstricke im Niedriglohn-Land und wo die Vorteile? »Man braucht im Low-Cost-Land gerade im Bereich Test einen hohen Automatisierungsgrad, um hohe Qualitätsstandards zu erfüllen, weil der Ausbildungsgrad der Mitarbeiter nicht unserem Standard in Mitteleuropa entspricht«, weiß Schröder. Die Logistikkosten sind bei europäischen Werken ebenfalls niedriger als in Asien. Außerdem verfügt Tunesien über ein Spezialzollabkommen mit Frankreich, was im Fall von Lacroix Electronique ebenfalls die Zusatzkosten gegenüber Asien reduziert.

Avionik gilt als sehr sensibler Markt mit hohen Zutrittsschranken. Kommt trotzdem die Fertigung in einem Niedriglohnland in Frage? Schröder sieht hier keinen Widerspruch: »Es gibt auch Low-Cost-Produkte in der Avionik, beispielsweise im Innenbereich. Wir sprechen hier nicht über sicherheitskritische Produkte. Wir werden spezielle im Avionik-Bereich mit steigendem Preisdruck rechnen müssen, daher ist auch in diesem Bereich der Transfer der Massenproduktion in ein Low-Cost-Land unumgänglich.«

Derzeit baut Lacroix Electronique in Tunesien die Low-Cost-Avionikfertigung auf. Erste Kunden habe der Dienstleister für dieses Konzept bereits gewonnen, so Schröder. Aus gutem Grund, schließlich gehört Avionik in Frankreich traditionell zu den Stärken von Lacroix Electronique. »Wir sind dort für die Avionik-Fertigung zertifiziert und haben im letzten Jahr speziell für Avionik ein Entwicklungszentrum in Toulouse gekauft«, erklärt Schröder. Das Design für Avionik wird also weiterhin in Toulouse angesiedelt sein, ebenso der Serienstart in Frankreich im ersten Jahr. Nach etwa einem Jahr kann die Serie dann nach Tunesien transferiert werden, wenn die entsprechenden Stückzahlen erreicht sind. Die ersten Transfers von Produkten von Frankreich nach Tunesien sind laut Schröder in der zweiten Jahreshälfte 2010 geplant.

Low-Cost ist nicht gleich Low-Cost

Dass sich die Fertigungsverlagerung in Low-Cost-Länder abschwächt, sieht Schröder zwar nicht, tendenziell sei aber zu beobachten, dass kundennäher produziert wird. Wenn ein Kunde Abnehmer  in Asien beliefert, macht es nach Ansicht von Schröder auch Sinn, dort zu fertigen. Anders herum, sollen Kunden in Europa beliefert werden, sei die Produktion in Asien zu hinterfragen. Überdies könne man Low-Cost nicht über einen Kamm scheren, erklärt Schröder. So sei es durchaus ein Unterschied, ob man in Billigregionen Europas oder Asiens fertigt. Schröder: »Wir haben auch vermehrt Anfragen von Unternehmen, die aus Gründen der Risikoreduktion zurück nach Europa wollen und das auch mit hohen Stückzahlen. « Hier spielen Argumente wie Versorgungssicherheit eine Rolle, aber auch wirtschaftliche Fallstricke wie Finanzierungsprobleme und die Solidität eines EMS-Dienstleisters. Dies führt nach Aussage von Schröder dazu, dass einige Unternehmen in Richtung »Dual Source Strategie« denken: »Wir haben allein im letzten Halbjahr 2009 etwa 10 Kunden gewonnen, die nicht mehr von einem EMS abhängig sein wollen.«  
 
Pluspunkt für Outsourcing: »Working Capital wird künftig eine größere Rolle spielen«

Die Zukunftschancen für das Thema »Outsorucing« beurteilt Schröder insgesamt positiv, vor allem, weil sich nach seiner Ansicht ein Wertewandel vollziehen wird: »Deutschland hat sich in der Vergangenheit vergleichsweise schwer getan mit dem Thema Outsourcing und auch auf die Krise eher mit Insourcing reagiert. Künftig glaube ich allerdings, dass ein Kunde die Auslagerung der Fertigung anders bewerten wird, weil das Working Capital eine zunehmend größere Rolle spielt.“ Viele Firmen versuchen derzeit, ihren Cash Flow zu optimieren und kapitalbindende Investitionen zu minimieren. Vor diesem Hintergrund könnte das Outsourcing deutlich zunehmen. Lacroix Electronics profitiert bereits von diesem Wertewandel: »Wir haben derzeit einige Projekte laufen, für die der Kunde in der Vergangenheit immer wieder Benchmarks mit der Inhouse-Fertigung durchgeführt und sich gegen das Outsourcing entschieden hat«, sagt Schröder. »Jetzt wird eher das Working Capital als die reinen Stückkosten bewertet und die Entscheidungen fallen zugunsten des Outsourcings.«